De docta ignorantia Liber primus Capitulum XVII.
Capitulum XVII.
Ex eodem profundissimae doctrinae.
Adhuc circa idem: Linea finita est divisibilis et infinita indivisibilis, quia infinitum non habet partes, in quo maximum coincidit cum [2] minimo. Sed finita linea non est divisibilis in non-lineam, quoniam in magnitudine non devenitur ad minimum, quo minus esse non possit, ut superius est ostensum. Quare finita linea in ratione lineae est indivisibilis; pedalis linea non est minus linea quam cubitalis. Relinquitur ergo, quod infinita linea sit ratio lineae finitae. Ita maximum [3] simpliciter est omnium ratio. Ratio autem est mensura. Quare recte ait Aristoteles in Metaphysicis primum esse metrum et mensuram omnium, quia omnium ratio.
Kapitel XVII.
Die letzten Ergebnisse des Vorgebrachten
Weiters ist dazu folgendes zu sagen: Die endliche Linie ist teilbar und die unendliche unteilbar; denn das Unendliche hat keine Teile und in ihm koinzidiert das Größte mit dem Kleinsten. Die endliche Linie ist aber nicht teilbar in Nicht-Linie, da man in der Größe zu einem Kleinsten, über das hinaus nichts kleiner sein kann, nicht gelangt, wie oben gezeigt worden ist. Darum ist die endliche Linie im Bestimmungsgrund der Linie unteilbar. Eine fußlange Linie ist demnach nicht kleiner als eine ellenlange Linie. Es bleibt also übrig, daß die unendliche Linie der Bestimmungsgrund der endlichen ist. So ist das schlechthin Größte der Bestimmungsgrund aller Dinge; der Bestimmungsgrund aber ist das Maß. Daher sagt Aristoteles in der Metaphysik mit Recht, das Erste sei Maßgabe und Maß von allem, da es aller Bestimmungsgrund sei.Adhuc: Sicut linea infinita est indivisibilis, quae est ratio lineae finitae, et per consequens immutabilis et perpetua, ita et ratio omnium [4] rerum, quae est Deus benedictus, sempiterna et immutabilis est. Et in hoc aperitur intellectus magni Dionysii dicentis essentiam rerum incorruptibilem et aliorum, qui rationem rerum aeternam dixerunt; sicut ipse divinus Plato, qui – ut refert Chalcidius – in Phaedone dixit unum esse omnium rerum exemplar sive ideam, uti in se est; [5] in respectu vero rerum, quae plures sunt, plura videntur exemplaria. Nam cum lineam bipedalem et aliam tripedalem et sic deinceps considero, duo occurrunt: scilicet ratio lineae, quae est in utraque et omnibus una et aequalis, et diversitas, quae est inter bipedalem et tripedalem. Et ita alia videtur ratio bipedalis et alia tripedalis. Manifestum [6] autem est in infinita linea non esse aliam bipedalem et tripedalem; et illa est ratio finitae. Unde ratio est una ambarum linearum, et diversitas rerum sive linearum non est ex | diversitate rationis, quae est una, [7] [8] sed ex accidenti, quia non aeque rationem participant. Unde non est nisi una omnium ratio, quae diversimode participatur.
Ferner: Wie die unendliche Linie, die der Bestimmungsgrund der endlichen ist, unteilbar und folglich auch unveränderlich und immerwährend ist, so ist auch der Bestimmungsgrund aller Dinge Gott, gepriesen sei Er, immerwährend und unveränderlich. Darin offenbart sich sowohl der Geist des großen Dionysius, der sagt, daß die Wesenheit der Dinge unvergänglich sei, als auch der der andern, die den Bestimmungsgrund der Dinge ewig nannten. Ebenso drückt sich der göttliche Platon aus, der – wie Chalcidius berichtet – im Phaidon sagt, daß Eine, wie es in sich ist, sei aller Dinge Urbild oder Idee, hinsichtlich der Dinge jedoch, die viele sind, sieht man viele Urbilder.
Wenn ich nämlich eine zwei und eine drei usw. Fuß lange Linie betrachte, kommen zwei Dinge zusammen: der Bestimmungsgrund der Linie, der in beiden und für jede ein und derselbe ist und die Verschiedenheit, die zwischen der zwei Fuß langen und drei Fuß langen Linie besteht. Und so scheint der Bestimmungsgrund der zwei Fuß langen ein anderer als der der drei Fuß langen Linie zu sein. Es ist aber offenkundig, daß in der unendlichen Linie der zwei Fuß lange und drei Fuß lange Bestimmungsgrund kein anderer sein kann. Jene ist aber der Bestimmungsgrund der endlichen Linie. Daher ist der Bestimmungsgrund beider Linien einer, und die Verschiedenheit der Dinge bzw. der Linien kommt nicht aus der Verschiedenheit des Bestimmungsgrundes, der einer ist, sondern aus dem Hinzukommenden, denn sie haben nicht gleicherweise am Bestimmungsgrund teil.
Daher gibt es nur einen Bestimmungsgrund aller Dinge, der auf verschiedene Weise partizipiert wird.Quod autem diversimode participetur, hoc evenit, quia probatum est superius non posse esse duo aeque similia et per consequens praecise [9] aequaliter participantia unam rationem. Nam non est ratio in summa aequalitate participabilis nisi per maximum, quod est ipsa ratio infinita. Sicut non est nisi una unitas maxima, ita non potest esse nisi una unitatis aequalitas. Quae quia est aequalitas maxima, est ratio omnium. Sicut enim non est nisi una linea infinita, quae est ratio [10] omnium finitarum, et per hoc quod finita linea cadit necessario ab ipsa, quae est infinita, – tunc etiam per hoc non potest esse suiipsius ratio, sicut non potest esse finita pariter et infinita. Unde, sicut nullae duae lineae finitae possunt esse praecise aequales, cum praecisa aequalitas, quae est maxima, non sit nisi ipsum maximum: ita etiam non [11] reperiuntur duae lineae aequaliter rationem unam omnium [12] participantes. .
Diese verschiedenartige Teilhabe folgt daraus, daß es, wie oben bewiesen wurde, keine zwei völlig ähnlichen Dinge geben kann. Folglich kann es auch nicht mehrere Dinge geben, die an einem Bestimmungsgrund vollkommen gleichen Anteil haben. Denn nichts kann an dem Bestimmungsgrund in höchster Gleichheit teilhaben, außer dem Größten, das selbst dieser unendliche Bestimmungsgrund ist. Wie es nur eine größte Einheit gibt, so kann es auch nur eine Gleichheit der Einheit geben und diese ist als die größte Gleichheit der Bestimmungsgrund von allem. Wie es nämlich nur eine unendliche Linie gibt, den Bestimmungsgrund aller endlichen, kann dadurch, daß die endliche Linie notwendig von jener stammend, nicht an jene herankommt, diese nicht der Bestimmungsgrund ihrer selbst sein, wie das Endliche nicht gleicherweise das Unendliche sein kann. Da eine genaue abgegrenzte Gleichheit, welche die größte ist, nur das Größte selbst sein kann, können zwei endliche Linien einander nicht völlig gleich sein; und ebenso finden sich auch keine zwei Linien, die an dem einen Bestimmungsgrund aller Linien in gleicher Weise teilhaben.Praeterea, linea infinita non est maior in bipedali quam bipedalis neque minor, ut superius dictum est; et ita de tripedali et ultra. Et cum sit indivisibilis et una, est tota in qualibet finita. Sed non est [13] tota in qualibet finita secundum participationem et finitationem; alioquin, quando esset tota in bipedali, non posset esse in tripedali, sicut bipedalis non est tripedalis. Quare est ita tota in qualibet, quod est in nulla, ut una est ab aliis distincta per finitationem.
Est igitur linea infinita in qualibet linea tota, ita quod quaelibet [14] in ipsa. Et hoc quidem coniunctim considerandum est; et clare videtur, quomodo maximum est in qualibet re et in nulla. Et hoc non est aliud nisi maximum, cum sit eadem ratione in qualibet re, sicut quaelibet res in ipso, et sit metipsa ratio, quod tunc maximum sit in seipso. Non est ergo aliud maximum esse metrum et mensuram [15] omnium quam maximum simpliciter esse in seipso sive maximum esse maximum. Nulla igitur res est in seipsa nisi maximum, et omnis res ut in sua ratione est in seipsa, quia sua ratio est maximum.
Ferner: wie oben gesagt wurde, ist die unendliche Linie in der zwei Fuß langen nicht größer noch kleiner. Dasselbe gilt von der drei Fuß langen usw. Und da sie unteilbar und eine ist, ist sie ganz in jeder endlichen; gemäß der Teilhabe und Begrenzung jedoch ist sie nicht in jeder endlichen ganz. Sonst könnte sie, wäre sie ganz in der zwei Fuß langen, nicht in der drei Fuß langen sein, da die zwei Fuß lange keine drei Fuß lange ist. Darum ist sie so in jeder ganz, daß sie in keiner ist, da die eine von der andern durch die Begrenzung unterschieden ist. Es ist also die unendliche Linie in jeder Linie ganz, so daß jede in ihr ist. Dies muß man zusammen betrachten; man sieht deutlich, wie das Größte in jedem Ding und in keinem ist. Und dieses ist dann nichts anderes als das Größte, weil das Größte in sich selbst ist, da es durch den selben Bestimmungsgrund in jedem Ding ist, wie jedes Ding in ihm und es selbst Bestimmungsgrund ist. Es heißt also nichts anderes, das Größte ist Maßgabe und Maß von allem als das schlechthin Größte ist in sich selbst, bzw. es ist das Größte.
Kein Ding also, außer dem Größten, ist in sich selbst. Jedes Ding ist nur in sich selbst als in seinem Bestimmungsgrund, weil dieser das Größte ist.[16] Ex hiis quidem potest se intellectus iuvare et in similitudine lineae infinitae ad maximum simpliciter super omnem intellectum in sacra ignorantia plurimum proficere. Nam hic nunc clare vidimus, quomodo Deum per remotionem participationis entium invenimus. [17] Omnia enim entia entitatem participant. Sublata igitur ab omnibus entibus participatione remanet ipsa simplicissima entitas, quae est essentia omnium. Et non conspicimus ipsam talem entitatem nisi in doctissima ignorantia, quoniam, cum omnia participantia entitatem ab animo removeo, nihil remanere videtur. Et propterea magnus [18] Dionysius dicit intellectum Dei magis accedere ad nihil quam ad aliquid. Sacra autem ignorantia me instruit hoc, quod intellectui nihil videtur, esse maximum incomprehensibile.
Auf Grund dessen kann sich nun der Geist helfen und, nach dem Beispiel der unendlichen Linie, zum schlechthin Größten über jedes Verständnis hinaus in heiliger Unwissenheit fortschreiten. Denn jetzt sehen wir hier deutlich, daß wir Gott nur finden, wenn wir die Teilhabe des Seienden entfernen. Alles Seiende nimmt an der Seiendheit teil. Sieht man also von dieser Teilhabe alles Seienden ab, so bleibt die einfache Seiendheit, die Wesenheit aller Dinge. Wir erfahren diese Seiendheit nur in der ganz zum Wissen erhobenen Unwissenheit, da, wenn ich alles an der Seiendheit Teilhabende von meinem Geiste entferne, nichts zu bleiben scheint. Deshalb sagt der große Dionysius, der Geist Gottes sei näher dem Nichts als dem Etwas. Die heilige Unwissenheit aber lehrt mich, daß das, was dem verstehenden Geist nichts zu sein scheint, das auf unbegreifbare Weise Größte ist.