De docta ignorantia Liber tertius Capitulum V.
Capitulum V.
Quomodo Christus conceptus per Spiritum sanctum natus est ex Maria virgine.
Amplius considerandum, quoniam humanitas perfectissima [2] sursum suppositata, cum sit terminalis contracta praecisio, naturae illius penitus speciem non exit. Simile autem a simili generatur, et hinc secundum naturae proportionem procedit generatum a genitore. Terminus autem cum careat termino, caret finitatione et proportione. Quare homo maximus via naturae non est generabilis neque etiam [3] omnino carere potest principio speciei, cuius ultima perfectio existit. Partim igitur secundum humanam procedit naturam, quia homo. Et quoniam est altissimum principiatum immediatissime principio unitum, tunc ipsum principium, a quo est immediatissime, est ut creans aut generans ut pater; et principium humanum est ut passivum, [4] materiam receptibilem ministrans; quare a matre sine virili semine.
Kapitel V.
Christus, vom Heiligen Geist empfangen, ist von der Jungfrau Maria geboren worden
Ferner ist zu erwägen, daß die vollkommenste Menschheit, welche von ihrem Grund emporstrebt, als die zielbestimmte, verschränkte und vollkommen genaue Entsprechung, die Eigengestalt dieser Natur nicht völlig überschreitet. Ähnliches wird von Ähnlichem erzeugt. Darum geht, dem Verhältnis der Natur entsprechend, das Gezeugte vom Zeugenden aus. Die Zielgrenze aber entbehrt, da sie selbst keine Zielgrenze hat, der Begrenzung und des Verhältnisbezuges.
Daher ist der größte Mensch einerseits nicht auf dem Weg der Natur erzeugbar, kann aber andererseits des Ursprungs der Eigengestalt, deren letzte Vollendung er bildet, nicht gänzlich entbehren. Da er Mensch ist, entspricht seine Entstehung teilweise der menschlichen Natur. Und da er als das Höchste aus einem Ursprung stammende dem Ursprung [p.453] ganz unmittelbar geeint ist, ist er selbst, als Schaffender oder als Zeugender, d. h. als Vater, dieses Ursprungsprinzip, von dem er ganz unmittelbar stammt; das menschliche Prinzip dagegen bietet als Bezugsmöglichkeit die empfängliche Materie dar; daher entsteht er aus der Mutter ohne männlichen Samen.Omnis autem operatio ex spiritu et amore quodam procedit uniente activum passivo, ut quodam loco in superioribus ostensum reperitur. Et hinc maxima operatio supra omnem naturae proportionem, [5] per quam creator unitur creaturae, ex maximo uniente amore procedens, non dubium a sancto Spiritu, qui absolute amor est, necessario existit. Per quem solum sine adminiculo agentis contracti infra latitudinem speciei concipere potuit mater Filium Dei Patris; ut sicut Deus Pater omnia Spiritu suo formavit, quae ex non exstantibus ab [6] ipso in esse prodierunt, ita principalius hoc egit eodem sanctissimo Spiritu, quando perfectissime operatus est.
Jede Tätigkeit aber geht aus dem Geist und der Liebe hervor, die das Aktive dem Passiven vereint, wie das andernorts im vorhergehenden zu finden ist. Und daher geht die größte Tat, die über jedem Verhältnis der Natur liegt, durch die sich der Schöpfer dem Geschöpf vereint, aus der höchsten einenden Liebe hervor und stammt darum ohne Zweifel vom Heiligen Geist, der die Liebe auf absolute Weise ist. Durch ihn allein konnte die Mutter ohne die Hilfe dessen, das innerhalb der Weite der Eigengestalt verschränkt wirkt, den Sohn Gottvaters empfangen; wie Gott der Vater alles, was aus dem Nicht-Bestehen durch ihn in das Sein überging, durch seinen Geist bildete, so vollbrachte er das vor allem anderen durch eben diesen seinen Heiligen Geist als seine vollkommenste Tat.Quasi ut exemplo instruatur ignorantia nostra: Dum excellentissimus aliquis doctor verbum intellectuale ac mentale suum vult discipulis [7] pandere, ut ostensa ipsis concepta veritate spiritualiter pascantur, agit, ut ipsum tale suum mentale verbum vocem induat, quoniam aliter ostensibile discipulis non est, si non induat sensibilem figuram. Non potest autem aliter hoc fieri nisi per spiritum naturalem doctoris, [8] qui ex attracto aëre adaptat vocalem figuram mentali verbo convenientem, cui taliter ipsum verbum unit, ut vox ipsa in ipso verbo subsistat, ita quod audientes mediante voce verbum attingant.
Ein Beispiel belehrt unsere Unwissenheit: Will ein hervorragender Gelehrter seinen Schülern sein intellektuelles und geistiges Wort darlegen, damit sie durch die ihnen gezeigte und von ihnen empfangene Wahrheit geistig wachsen, dann kleidet er dieses geistige Wort in seine Stimme, weil er es anders – wenn er es nicht in eine sinnliche Gestalt hüllt – den Schülern nicht zeigen kann; dies ist allein möglich durch den natürlichen Atem des Lehrers, der vermittels der angezogenen Luft dem geistigen Wort ein entsprechendes Lautgebilde anpaßt; mit diesem vereint sich jenes geistige Wort so, daß das gesprochene Wort in ihm von Grund her besteht und die Hörer vermittels des gesprochenen Wortes das geistige Wort erreichen.Hac licet remotissima similitudine supra id, quod intelligi per nos potest, alleviamur parumper in nostra meditatione, quoniam Pater [9] aeternus immensae bonitatis nobis volens divitias gloriae suae et omnem scientiae et sapientiae plenitudinem ostendere Verbum aeternum, Filium suum, qui ista et plenitudo omnium existit, nostris infirmitatibus compatiens, quoniam aliter quam in sensibili et nobis simili forma percipere non poteramus, ipsum secundum nostram [10] capacitatem manifestans, humana natura induit per Spiritum sanctum sibi consubstantialem. Qui quidem Spiritus quasi ut vox ex aere attracto per inspirationem de puritate fecunditatis virginalis sanguinis corpus ipsum animale contexuit, rationem | adiciens, ut homo esset; [11] Verbum Dei Patris adeo interne adunavit, ut centrum subsistentiae [12] humanae naturae existeret. Et haec omnia non seriatim, ut in nobis conceptus temporaliter exprimitur, sed operatione momentanea supra omne tempus secundum voluntatem conformem infinitae potentiae peracta sunt.
Durch diesen, wenn auch entfernten Vergleich, werden wir in unserer Betrachtung für kurze Zeit über das, was von uns eingesehen werden kann, erhoben. Da uns der ewige Vater in seiner unermeßlichen Güte die Reichtümer seiner Herrlichkeit und die ganze Fülle der Wissenschaft und Weisheit [p.455] zeigen will, hat er aus Mitleid mit unserer Schwachheit das ewige Wort, seinen Sohn, der solches und die Fülle von allem ist, gemäß unserem Auffassungsvermögen offenbart und durch den ihm wesensgleichen Heiligen Geist mit der menschlichen Natur bekleidet; denn anders als in sinnlicher und uns ähnlicher Form hätten wir ihn nicht erfassen können.
Dieser Geist webte – gleichsam wie die Stimme aus der zusammengezogenen Luft – durch Einhauchung aus der Reinheit der Fruchtbarkeit jungfräulichen Blutes jenen lebendigen Körper und fügte die Vernunft hinzu, so daß er Mensch wurde. Das Wort Gottes des Vaters vereinte er innerlich so sehr mit ihm, daß es der Mittelpunkt des Grundbestandes der menschlichen Natur wurde. Und das alles wurde nicht nach und nach – wie bei uns die Empfängnis in zeitlicher Weise ausgedrückt wird –, sondern in einem augenblicklichen, überzeitlichen Tun gemäß jenem Willen vollbracht, der der unendlichen Allmacht gleich ist.Hanc autem matrem talem virtute plenam, materiam ministrantem, [13] nemo dubitare debet cunctas virgines omni virtutis perfectione excessisse et inter omnes mulieres fecundas excellentiorem benedictionem habuisse. Ipsa enim, quae per omnia fuit ad tam excellentissimum unicum partum virginalem praeordinata, omnibus ex debito carere debuit, quae aut puritati aut vigorositati simul et unitati tam [14] excellentissimi partus obesse potuissent. Si enim praeelectissima virgo non fuisset, quomodo ad partum virginalem sine virili semine apta [15] fuisset? Si sanctissima et superbenedicta a Domino non fuisset, quomodo sacrarium sancti Spiritus, in quo Filio Dei corpus effingeret, facta fuisset? Si post partum virgo non remansisset, prius excellentissimo partui centrum maternae fecunditatis in sua suprema [16] perfectione limpiditatis non communicasset, sed divisive ac diminute, non ut tanto filio unico et supremo debuisset. Si igitur virgo sanctissima se totam Deo obtulit, cui operatione Spiritus sancti etiam omnem fecunditatis naturam penitus participavit, remansit in ipsa immaculata virginitas ante partum, in partu et post partum supra [17] omnem naturalem communem generationem incorrupta.
Niemand kann bezweifeln, daß diese so tugendreiche Mutter, die sich als Gestaltungsstoff darbot, alle Jungfrauen an Tugendfülle übertraf und unter allen fruchtbaren Frauen einen besonderen Segen empfangen hatte.
Sie, die durch alles zu dieser außergewöhnlichen und einzigen jungfräulichen Geburt vorbestimmt war, mußte von allem frei sein, was ihrer Reinheit, ihrer Kraft und auch der Einzigkeit dieser so überragenden Geburt im Wege gestanden hätte. Wäre sie nicht eine von allen vorerwählte Jungfrau gewesen, wie wäre sie dann zur jungfräulichen Geburt ohne männlichen Samen fähig gewesen? Wäre sie nicht die heiligste und vom Herrn über alles gesegnete gewesen, wie wäre sie zum Heiligtum des Heiligen Geistes gemacht worden, in dem er dem Sohn Gottes den Leib bildete? Wäre sie nach der Geburt nicht Jungfrau geblieben, dann hätte sie nicht vor dieser alles überragenden Geburt an der ganzen mütterlichen Fruchtbarkeit in ihrer höchsten Vollendung und Reinheit teilgehabt, sondern nur teilweise und beschränkt, also nicht so, wie es einem so einzigen und erhabenen Sohn gebührt hätte.
[p.457] Wenn sich also die heiligste Jungfrau Gott ganz hingab, und ihm durch das Wirken des Heiligen Geistes die ganze Fruchtbarkeit ihrer Natur uneingeschränkt darbot, dann blieb in ihr die unbefleckte Jungfräulichkeit vor der Geburt, in der Geburt, nach der Geburt unversehrt und erhaben über jede natürliche und gewöhnliche Geburt.Ex Patre igitur aeterno et matre temporali, virgine scilicet gloriosissima Maria, Deus et homo Iesus Christus natus est; ex Patre maximo et absolute plenissimo, ex matre plenissima virginali fecunditate, superna benedictione referta in temporis plenitudine. Non enim [18] potuit esse homo ex matre virgine nisi temporaliter, neque ex Patre Deo nisi aeternaliter; sed ipsa temporalis nativitas requisivit in tempore plenitudinem perfectionis, sicut in matre plenitudinem fecunditatis. .
Aus dem ewigen Vater also und der zeitlichen Mutter, der glorreichen Jungfrau Maria, ist der Gott und Mensch Jesus Christus geboren: aus dem größten unendlich reichen Vater, aus der an jungfräulicher Fruchtbarkeit reichsten Mutter, in der Fülle der Zeit, mit Segen von oben gesegnet. Mensch sein konnte er von der jungfräulichen Mutter her nur in der Zeit, von Gott dem Vater her war er in Ewigkeit. Die zeitliche Geburt aber beanspruchte in der Zeit die Fülle der Vollendung und in der Mutter die Fülle der Fruchtbarkeit.Quando igitur venit plenitudo temporis, cum sine tempore homo [19] nasci non posset, tunc natus est in tempore et loco ad hoc aptissimo, omnibus tamen creaturis occultissimo. Summae enim plenitudines incomparabiles sunt aliis quotidianis experientiis. Hinc nullo signo quaecumque ratio eas apprehendere potuit, quamvis quadam occultissima prophetica inspiratione quaedam signa obscura tradiderint [20] obumbrata humanis similitudinibus, ex quibus rationabiliter incarnandum Verbum in temporis plenitudine praevidisse potuissent sapientes. Praecisionem vero loci vel temporis aut modi solus aeternus genitor praescivit, qui ordinavit, ut, dum medium silentium tenerent omnia, quod tunc in noctis discursu Filius ab arce superna [21] in uterum virginalem descenderet et ordinato convenienti tempore in forma servi se mundo manifestaret.
Als daher die Fülle der Zeit gekommen war, ist er, der als Mensch nicht ohne Zeit geboren werden konnte, zu der Zeit und an dem Ort, die dazu am geeignetsten waren, aber allen Geschöpfen völlig verborgen, zur Welt gekommen. Denn die höchste Fülle kann mit den anderen täglichen Erfahrungen nicht verglichen werden. Darum konnte keine menschliche Vernunft sie aus irgendeinem Zeichen begreifen, obwohl durch geheimnisvolle, prophetische Eingebung manche verborgene Zeichen, verdunkelt durch die Nähe menschlicher Gleichnisse, überliefert waren, aus denen der Verstand der Weisen hätte voraussehen können, daß das Wort in der Fülle der Zeit Fleisch annehmen müsse.
Der ewige Zeuger allein wußte die genaue Bestimmung von Ort, Zeit und Art und Weise voraus; er, der es so geordnet hatte, daß, während das tiefe Schweigen alles umfangen hielt, inmitten der Nacht der Sohn vom höchsten Thron in den jungfräulichen Schoß herabstieg und, nachdem die angemessene Zeit bestimmt war, sich der Welt in Knechtsgestalt offenbarte.