De docta ignorantia Liber tertius Capitulum X.
Capitulum X.
De sententia iudicis.
Neminem mortalium comprehendere iudicium illud ac eius iudicis sententiam manifestum est, quoniam, cum sit supra omne tempus et motum, non discussione comparativa vel praesumptiva ac prolatione vocali et signis talibus expeditur, quae moram et protractionem [2] capiunt. Sed sicut in Verbo omnia creata sunt – quoniam dixit et facta sunt –, ita in eodem Verbo, quod et ratio dicitur, omnia iudicantur. Nec inter sententiam et executionem quidquam interest, sed hoc est, quod in momento fit, scilicet quod et resurrectio et apprehensio finis differenter glorificatio in translatione filiorum Dei et [3] dampnatio in exclusione aversorum nullo etiam indivisibili temporis momento distinguuntur.
Kapitel X.
Der Spruch des Richters
Daß kein Sterblicher dieses Gericht und dessen Ausspruch begreift, ist offenbar. Über alle Zeit und Bewegung erhaben, wird es nämlich nicht durch vergleichende oder von Voraussetzungen ausgehende Erörterung und durch stimmliches Aussprechen und ähnliche Zeichen, die Verweilen und zeitliche Ausdehnung beanspruchen, vollzogen.
Wie im Wort alles geschaffen ist – er sprach und es wurde –, so werden in ebendemselben Wort, das auch Wesenssinn genannt wird, alle gerichtet. Auch gibt es zwischen Spruch und Ausführung keine zeitliche Dauer; in einem Augenblick vollzieht sich beides; Auferstehung und Erreichen des Zieles – verschieden als Verherrlichung in der Verwandlung der Kinder Gottes und als Verdammnis im Ausschluß der Abgekehrten – werden durch keinen noch so geringen Augenblick der Zeit unterschieden.Intellectualis natura, quae supra tempus est et corruptioni temporali non subdita, ex sui natura intra se formas incorruptibiles complectens, ut puta mathematicas suo modo abstractas, et etiam naturales, quae [4] in ipsa intellectuali absconduntur et transformantur de facili, quae sunt nobis manuductiva signa incorruptibilitatis eius, quia locus incorruptibilium incorruptibilis, naturali motu ad veritatem movetur abstractissimam, quasi ad finem desideriorum suorum ac ad ultimum [5] obiectum delectabilissimum. Et quoniam hoc tale obiectum est omnia, quia Deus, insatiabilis intellectus quousque attingat ipsum, immortalis et incorruptibilis est, cum non satietur nisi in obiecto aeterno.
Die geistige, über die Zeit erhabene und der zeitlichen Vergänglichkeit nicht unterworfene Natur umfaßt in sich aus [p.489] sich selbst die unvergänglichen Formen, z. B. die mathematischen, die auf ihre Weise abstrakt sind, und auch die natürlichen, die in der geistigen Natur selbst verborgen sind und leicht umgewandelt werden; diese sind für uns Hilfszeichen ihrer Unvergänglichkeit, weil sie der unvergängliche Ort des Unvergänglichen ist; durch natürliche Bewegung wird die geistige Natur zu der von allem befreiten Wahrheit bewegt, zu dem Ziel ihres Begehrens und dem letzten wundervollsten Gegenstand. Wenn dieser Gegenstand – Gott – alles ist, ist der Geist, der nicht eher gestillt werden kann, als bis er ihn erreicht, unsterblich und unvergänglich, denn nur im ewigen Gegenüber findet er Sättigung.[6] Quod si intellectus absolutus ab hoc corpore, in quo opinionibus ex tempore subicitur, ad optatum finem non pertingit, sed potius, cum appetat veritatem, cadit in ignorantiam et cum ultimo desiderio non aliud desideret quam ipsam veritatem non in aenigmate aut signis, sed certitudinaliter facietenus apprehendere, tunc, cum ob [7] aversionem ipsius a veritate in hora separationis et conversionem ad corruptibile cadat ad desideratum corruptibile, ad incertitudinem et confusionem in ipsum tenebrosum chaos merae possibilitatis, ubi nihil certi actu, recte ad intellectualem mortem descendisse dicitur. Est enim animae intellectuali intelligere esse, et intelligere desideratum [8] est sibi vivere. Propter hoc, sicut ei est vita aeterna apprehendere ultimo desideratum stabile aeternum, ita est ei mors aeterna separari ab illo stabili desiderato et praecipitari in ipsum chaos confusionis, ubi igne perpetuo cruciatur modo suo, a nobis non intelligibili aliter quam ut cruciatur privatus vitali alimento et sanitate, et non illis [9] tantum, sed et spe aliquando assequendi, ut sine exstinctione et fine semper moriatur agonizando.
Wenn der Geist, losgelöst von diesem Körper, in dem er den Meinungen der Zeit unterworfen ist, nicht zum ersehnten Ziel gelangt, sondern vielmehr in seinem Streben nach Wahrheit, in Unwissenheit fällt – obwohl er mit tiefstem Begehr nichts anderes ersehnt als nicht in Spiegel oder Zeichen, sondern von Angesicht zu Angesicht die Wahrheit in Gewißheit zu begreifen – wenn er dann wegen seiner Abkehr von der Wahrheit in der Stunde der Trennung und wegen seiner Hinkehr zum Vergänglichen dem vergänglichen Begehr anheimfällt, der Unsicherheit und Verwirrung hin zum schattenhaften Chaos bloßer Möglichkeit, wo es nichts Gewisses in der Wirklichkeit gibt, dann sagt man mit Recht, er sei in den geistigen Tod herabgesunken.
Erkennen ist das Sein der geistigen Seele; das Ersehnte zu erkennen, ihr Leben. Ebenso wie es für sie ewiges Leben bedeutet, das Letzt-Erstrebte, Beständige, Ewige zu erfassen, bedeutet es darum auch ewigen Tod für sie, von jenem beständigen Erstrebten getrennt und in dieses Chaos der Verwirrung gestürzt zu werden, wo sie mit immerwährendem Feuer gequält wird; und zwar auf eine Art, die von uns nicht anders verstanden werden kann, als daß die Seele, nicht nur der Lebensspeise und Gesundheit beraubt, sondern auch der Hoffnung, sie einst zu erlangen, gequält wird, so daß sie in immerwährendem Todeskampf stirbt.Haec est vita aerumpnosa supra id, quod cogitari potest; quae ita est vita, ut sit mors; quae ita est esse, ut sit non esse; quae ita est intelligere, ut sit ignorare. Et quoniam in antehabitis probatum est, [10] quod supra omnem motum et tempus et quantitatem et cetera tempori subdita resurrectio hominum est, ita quod corruptibile in incorruptibile, animale in spirituale resolvitur, ut totus homo sit suus intellectus, qui est spiritus, et corpus verum sit in spiritu absorptum, ut non sit corpus in se, quasi in suis corporalibus quantificativis et [11] temporalibus proportionibus, sed translatum in spiritum, quasi contrario modo ad hoc nostrum corpus, ubi non videtur intellectus, sed corpus, in quo ipse intellectus quasi incarceratus apparet, – ibi vero corpus est ita in spiritu, sicut hic spiritus in corpore, et propter hoc [12] ut hic anima aggravatur per corpus, ita ibi corpus alleviatur per spiritum: hinc, ut gaudia spiritualia vitae intellectualis sunt ma|xima, [13] quae et ipsum corpus glorificatum in spiritu participat, ita infernales tristitiae spiritualis mortis sunt maximae, quas et corpus in spiritu recipit. Et quoniam Deus noster, qui apprehensus est vita aeterna, [14] est supra omnem intellectum comprehensibilis, tunc aeterna illa gaudia, omnem nostrum intellectum excedentia, maiora sunt quam ullo signo tradi possint.
Dies ist ein Leben, trübseliger als alles, was man denken kann: ein Leben, das als Leben Tod ist; als Sein Nicht-Sein; als Erkennen Nichts-Wissen.
[p.491] Im vorhergehenden wurde gezeigt, daß die Auferstehung der Menschen jenseits aller Bewegung, Zeit, Quantität und des übrigen, das der Zeit unterstellt ist, liegt, so daß das Vergängliche in Unvergängliches, das Tierische in Geistiges aufgelöst wird; daß der ganze Mensch sein Erkennen ist, das Geist ist, und der Körper wahrhaft im Geist aufgenommen wird; dann ist er nicht Körper in sich, in seiner körperhaften Ausdehnung und in seinen zeitlichen Proportionen, sondern in Geist übergeführt – wie im Gegensatz zu diesem unserem Körper, wo man nicht den Verstand sieht, sondern den Körper, in dem der Verstand eingekerkert erscheint; dort aber ist der Körper so im Geist, wie hier der Geist im Körper. Darum wird, wie hier die Seele durch den Körper beschwert, so dort der Körper durch den Geist erhoben. Wie daher von den geistigen Freuden des vernünftigen Lebens jene die größten sind, an denen auch der verherrlichte Körper im Geist teilhat, so ist jene höllische Traurigkeit des geistigen Todes, die auch der Körper im Geiste aufnimmt, die größte. Und weil unser Gott, der, wenn man ihn begriffen hat, das ewige Leben bedeutet, jenseits jeder Einsicht begreifbar ist, so sind auch jene, unsere ganze Einsicht übersteigenden, ewigen Freuden zu groß, um in irgendeinem Zeichen überliefert werden zu können.Pariformiter et poenae dampnatorum supra omnes cogitabiles atque descriptibiles poenas existunt. Quare in omnibus illis musicalibus [15] harmonicis signis gaudii, laetitiae, gloriae, quae ut signa cognita nobis cogitandi indicia vitae aeternae a patribus tradita reperiuntur, sunt remotissima quaedam signa sensibilia, per infinitum distanter ad ipsa intellectualia, nulla imaginatione perceptibilia. Ita et poenis infernalibus, quae aut igni elementali sulphureo ac pice et ceteris [16] cruciatibus sensibilibus assimilantur, nullam comparationem habent ad igniles illas intellectuales aerumpnas, a quibus nos Iesus Christus, vita et salvatio nostra, praeservare dignetur, qui est in saecula benedictus. Amen.
Aber gleichermaßen überragen auch die Strafen der Verdammten alle denkbaren und beschreibbaren Strafen. Daher finden sich in allen jenen harmonischen Melodien, den Zeichen der Freude, des Frohlockens, der Verherrlichung, welche uns als erkannte Zeichen und Denkmäler des ewigen Lebens von den Vätern überliefert sind, nur tief verborgene, sinnliche Zeichen, unendlich weit entfernt von jenen in keiner Vorstellungskraft erreichbaren geistigen Freuden. Auch für die Höllen-Strafen, die mit Schwefel und Pech und den übrigen, sinnlichen Quälereien verglichen werden, gibt es keinen Vergleich mit jenen brennenden Qualen des Geistes, vor denen uns Jesus Christus, unser Leben und unser Heil, der in Ewigkeit gepriesen sei, zu bewahren für würdig erachten möge.