GDSG/Einwanderung
▷Aus dem unermeßnen Vorrat des Altertum sind manigfalte Züge Allem was folgen soll gleichsam als Vordergrund unterbreitet worden. Diese allgemeine Schilderung der Zeitalter, des Hirten- und Jägerleben, seiner Übergänge in den Ackerbau, in geordnete Feste und Jahrszeiten, endlich ein aus Glauben, Recht und Sitte urverwandter Völker gegrifnes Bild, überall durch Einklänge der Sprache gehalten und belebt, ließ sich noch gar nicht historisch fassen. aber mitten durch die Untersuchungen zuckt schon unabweisliche Gemeinschaft, und wenn gleich Denkmäler der Sprachen unsre reinste Quelle sind, wo sie noch sprudelt, dürfen überraschende Aufschlüsse und Bestätigungen nicht verschmäht oder gering geachtet werden, die aus der Poesie, dem Mythos und den Gebräuchen des Lebens hervorgehn: auch da ist eine zähe Kraft ihrer Fortdauer und Überlieferung anzuerkennen.
▷Nirgend wo europäische Geschichte beginnt, hebt sie ganz von frischem an, sondern setzt immer lange, dunkle Zeiten voraus, durch welche ihr eine frühere welt verknüpft wird. Einheimische Götter, ein-geborne Menschen kann nur Mythos oder Volksage hinstellen.
▷Darin unterscheidet sich wesentlich Asien und die Geschichte seiner meisten Völker, die nach verhältnismäßig kurzer Aufregung im gelobten Lande ihrer Heimat verweilen und was jene wandernden einbüßen, nie verlieren, was jene stufenweise hintereinander erreichen, auf einmal zusammen besitzen. wie in Kain und Abel alsobald Ackerbau und Hirtenleben nebeneinander erscheinen, so haben sich bei den Indern ständige, hart gesonderte Kasten von Priestern, Kriegern, Arbeitern und Knechten entfaltet, die dem verschmelzen und unablässigen erhöhen der Menschheit Widerstand entgegen stellen; noch unter Persern und Skythen dauerte diese Eintheilung in drei Stände: Krieger, Hirten und Ackerbauer, bei den übrigen, wo sie fortbestand, wurde ihr eine ganz andere Wendung gegeben.
▷Alle Völker Europas und voraus jene urverwandten, denen es beschieden war durch Wechsel und Gefahr emporzuringen, sind in ferner Zeit aus Asien eingewandert, vom Osten nach dem Westen setzte sie ein unhemmbarer Trieb, dessen eigentliche Ursache uns verborgen liegt, in Bewegung. Der Zug scheint aber stets zu Lande und um die Küsten des Meers ergangen, außer wenn bloße Meerengen zu überfahren, Inseln zu erreichen waren. Je weiter gegen Abend wir ein Volk gedrungen finden, desto früher hat es seinen Auslauf begonnen, desto tiefere Spur kann es unterwegs hinterlassen haben. Klein im Anfang wälzte sich der Haufe zu immer gröszerer Masse fort; beinahe alle Völker, wo sie zuerst erscheinen, sind schon zu solcher Breite und Fülle empor gewachsen, daß Zwischenräume der Ruhe und des Stillstands ihre Ankunft verdecken, aber hinten nachdringende Schwärme rühren sie von neuem auf. Dieser Drang muß in der Mitte und im herzen Europas am stärksten walten; einzelne Völker die seitwärts nach süden schmale Halbinseln erreichen, gedeihen auf ihnen schnell zu mächtiger Entfaltung, und erliegen erst spät, nachdem ihre Geschicke erfüllt sind, den unabwendbaren Einflüssen der Mitte. Unbegünstigte Stämme sinken in Vergessenheit, die aber am langsamsten zur edleren Bildung reiften, scheinen der größten Lebensdauer fähig, und wenn die Sage den Menschen der Vorzeit höheres alter beimißt, halten die späteren Völker desto fester aus. Der urverwandten zu weitem Auslauf ersehnen Völker entschiedner Beruf und vorragende Tüchtigkeit offenbart sich eben darin, daß ihnen fast allein die europäische Geschichte angehört.
▷Kaum über die hälfte der Zeit, welche insgemein von Schöpfung der Welt an gerechnet wird, dehnt sich diese Geschichte hinaus; ob vorher Europa waldbedeckt und unbewohnt war oder andere Menschenscharen, auf deren Treiben tiefes Schweigen ruht, darin lebten, weiß niemand. alles was von Völkern in Europa unsere Geschichte nennt und kennt, mag schon zwischen zweitausend und tausend Jahren vor unsrer jetzigen Zeitrechnung daselbst heimisch gewesen sein.
▷Zuerst tauchen die Griechen auf und erstrecken sich rückwärts bis ungefähr 1800 jahre vor Christus. Eingezogen, wie man vermuten darf, über Kleinasien in Makedonien Thessalien Boeotien und den Peloponnes hat sich zumal in diesem ihre ruhmvolle Kraft entfaltet; welche anderen Völker schon vor ihnen da heimisch waren, wie sie sich mit ihnen in Bezug auf Sprache oder Abstammung berührten, ist kaum zu sagen. Die griechischen Mundarten setzten sich im aeolischen jonischen dorischen Dialekt, über welchen allen endlich der attische schwebte. Licht wird die Geschichte der Griechen allmälich nach dem trojanischen Krieg (1200 j. vor Chr.), ihre Olympiaden beginnen mit dem j. 776, ihre Größe umfaßt den Zeitraum zwischen den Perserkriegen und Alexander von 500 bis 300; nach Alexanders Tod (323) sinken sie unaufhaltsam. Alexanders Siegszug, die Kriege mit Persien und Troja bezeugen des griechischen Volks alten Zusammenhang mit Asien, konnten aber auf die dauer keine Eroberung im osten, wider den Grundtrieb des Völkerzugs, gewähren.
▷Später entwickelt sich die Herschaft der Römer, deren Geschichte erst vom Jahre 754 vor Chr. zählt; ihr glanz steht zwischen den Kriegen mit Karthago und der Eroberung Makedoniens (264-168), hält aber an bis anderthalb jahrhunderte unsrer Zeitrechnung; nach Marcus Antonius und Mark Aurel beginnt des weiten Reichs Verfall. Wann und auf welchen wegen Italien, lange vor Roms Erbauung, bevölkert wurde, kann nicht nachgewiesen nur gemutmaßt werden; schon seine westlichere Lage lehrt, daß es Griechenland vorangegangen sein müsse. die Römer selbst leiteten sich von Troja her und das Palladium stammte ab aus Ilium. Nicht Tochter, ebenbürtige Schwester der griechischen Sprache ist die Lateinische, in manchem alterthümlicher und reiner, unter den italischen Stämmen kommen, außer Sikelern, Sabiner Osker Umbrer und Tusker in betracht; dem lateinischen Dialekt liegt der oskische nah, der umbrische ferner, mit welchem sich der stark abweichende etruskische berührt. Die Rhätier hat man zu Abkömmlingen der Tyrrhener oder Etrusker gemacht; eher trugen wohl Rhätier oder Rasener ihren Stamm von den Alpen in die Halbinsel; einzelnes in etruskischer Sage und Sprache klingt an germanisches. Die erste Einwanderung in Italien überhaupt scheint aus Illyrien her erfolgt zu sein.
▷Unbedenklich das dritte Volk europäischer Geschichte sind die Kelten. Griechische nachrichten begreifen Gallier und Teile der Germanen unter dem gemeinschaftlichen namen Kelten oder Galater und erst die Römer lernten allmälich Gallier von Germanen scheiden. Dem Herodot wohnen die Kelten ἔσχατοι πρὸς ἡλίου δυσμέων (2, 33. 4, 49.)[1] Livius will, daß Bituriger schon unter Tarquinius Priscus etwa 600 jahr vor Chr. über die Alpen nach Italien und dem herkynischen Wald gedrungen seien. Historisch ist, daß bald zweihundert Jahre später, 388 vor Chr., Gallier Rom eroberten[2] und dann ihre Streifzüge wiederholten. Von 336 bis 238 hielt Rom mit ihnen Friede, neuer Krieg entzündete sich von 226 bis 220 und schlug zu der Gallier Nachteil aus: das Blatt hatte sich gewendet und ihrerseits drangen die Römer 223 in Gallien ein, das sie endlich zu Caesars Zeit fast unterjochten. Die Blüte der gallischen Macht wird in das sechste fünfte und vierte Jh. vor Chr. fallen, also dem Gipfel der römischen noch vorausgehn: um diese Zeit hatten die Gallier strecken Germaniens, Oberitaliens, Spaniens in Besitz; die beiden letzten Jhh. vor unsrer Zeitrechnung sehen wir sie geschwächt, auf einer Seite den Römern, auf der andern den Germanen erliegend. Deutsche wie Römer trieb es sich nach Westen und Nordwesten auszudehnen; was übrig blieb von Galliern konnte, gleichsam ins Meer gedrängt, nur an der äuszersten Küste, auf der britannischen und hibernischen Insel geborgen werden. Hier dauern, für die Sprachforschung günstig, zwei Verwandte, bedeutend abweichende Dialekte fort, der Welsche und Irische, die von früh auf geschieden gewesen sein müssen. Ob der an armorischer Küste in Bretagne ansässige rest der Gallier, dessen Mundart jener Welschen nahe steht, immer auf festem Lande gehaftet habe oder dorthin von der Insel wieder eingezogen sei? kann ungewis scheinen; da alle Völkerbewegung vorwärts, nicht zurück schreitet, trete ich lieber der ersten Ansicht bei.
▷Solche Zweifel fanden schon vor alters Raum und unsre frühsten Berichterstatter über gallische Völkerschaften durchschauten das Verhältnis nicht. Es ist mir wichtig hier die Stellen Caesars und Tacitus auszuheben. Caesar, der das vordringen germanischer Sueven in Gallien selbst erlebte, aber noch Helvetier, Bojen und Tektosagen auf germanischem Boden jenseits wußte, deutet sich diese östlichen Gallier folgendermaßen 6, 24:
ac fuit antea tempus quum Germanos Galli virtute superarent et ultro bella inferrent, ac propter hominum multitudinem agrique inopiam trans Rhenum colonias mitterent. itaque ea, quae fertilissima sunt, Germaniae loca circum Hercyniam silvam … Volcae Tectosages occuparunt atque ibi consederunt, quae gens ad hoc tempus iis sedibus se continet, summamque habet justitiae et bellicae laudis opinionem, nuncque in eadem egestate patientia, qua Germani permanent, eodem victu et cultu corporis utuntur. Gallis autem provinciae propinquitas et transmarinarum rerum notitia multa ad copiam 166 atque usus largitur. paullatim assuefacti superari multisque victi proeliis ne se quidem ipsi cum illis virtute comparant. Diese worte im auge hat Tacitus Germ. 28: validiores olim Gallorum res fuisse summus auctorum divus Julius tradit, eoque credibile est etiam Gallos in Germaniam transgressos. quantulum enim amnis obstabat, quo minus ut quaeque gens evaluerat occuparet permutaretque sedes promiscuas adhuc et nulla regnorum potentia divisas ? igitur inter Hercyniam silvam Rhenumque et Moenum amnes Helvetii, ulteriora Boji, gallica utraque gens, tenuere. manet adhuc Boihemi nomen signatque loci veterem memoriam, quamvis mutatis cultoribus. sed utrum Aravisci in Pannoniam ab Osis Germanorum natione, an Osi ab Araviscis in Germaniam commigraverint, quum eodem adhuc sermone institutis moribus utantur, incertum est."[3]
In der Volksage bei Livius wie in Caesars nachrichten hat jene Annahme von siegreichen Zügen alter Gallier auf den germanischen Boden wenig für und alles gegen sich. Wie sollten die östlichen Helvetier, die norischen Bojen schon im eigentlichen Gallien sitz gefaßt und ihren Rücklauf über den Rhein genommen haben? Naturgemäß war, daß alle Gallier auf ihrem Zug gegen Westen vorher das ganze Donau und Rheingebiet inne hatten, und als ihre große Masse den letzten Strom überschritt, ihre hintersten Stämme noch jenseits hausten; so geschah es, dasz Teile der Bojen und Helvetier zurück blieben, bis auch sie deutschem Andrang erlagen. Aus Böhmen wichen die Bojen nach Baiern, aus der Maingegend die Helvetier nach der Schweiz gegen den Hauptstock ihres Volks: beide flüchteten südwärts, immer aber von deutschen Völkern erreicht und endlich aufgerieben; der bojische Name haftete in zwei gebieten, die slavischen Tschechen und deutschen Markomannen zufielen.[4] Dem herkynischen Wald heißt es gewaltige Ausdehnung geben, wenn man noch in seinen östlichen Raum jene Tektosagen unterbringen will; Zeuß meint s. 171, 167 sie seien von Pannonien aus über die Donau in Umgebungen der östlichen germanischen Waldhöhen eingezogen: aber wie gelangt waren sie nach Pannonien? Livius 38, 16 läßt bald nach des Brennus Zug Tektosagen über Illyrien tief nach Asien vorbrechen, Polybius hat sie im südlichen Gallien an der Garumna, Ptolemaeus gar im asiatischen Skythien. Mag sich schon Tacitus, jener Tektosagen geschweigend, nicht über Osen und Aravisker entscheiden, deren Sprache und Lebensart ihm einstimmig deutsch erscheint; wie muß die Unsicherheit steigen bei fernentlegnen Völkerschaften, die in griechischer Berichterstattung unter dem Namen von Kelten oder Galatern auftreten, von deren Sprache, welche hier allein aufschluß bringen könnte, wir nichts wissen. Über allen Verhältnissen dieser illyrischen makedonischen thrakischen skythischen asiatischen Kelten schwebt undurchdringliches dunkel. waren sie wirklich eines Volks mit den Westlichen, so mögen sie eher im Osten verharrt, als vom Westen aus dahin zurückgewandert sein; das stimmt auch, wie wir sehn werden, mit dem vordringen und dahintenbleiben einzelner germanischen Stämme.
▷Die Geschichte der Deutschen, die das vierte in Europa vorrückende Volk bilden, pflegt man mit des Pytheas Meldungen zu beginnen, der zu Alexanders des Großen Zeit an Britannien vorüber nach Thule und an die Ostseeküste gereist sein soll, wo er Guttonen, Teutonen und Ostyaer traf. So ungünstig Polybius, Artemidorus und Strabo von seiner Glaubhaftigkeit urteilen, vereinbaren doch diese östlichen Völker sich mit den Teutonen, Gothonen und Aestiern des Tacitus, ja mit den Guten und Daukionen des Ptolemaeus auf der iInsel Scandia. 113-102 vor Chr. ziehen sodann Kimbern und Teutonen von der nördlichen Halbinsel den Rhein entlang haufenweise über die Alpen[5], Gallien wie Rom in Schrecken setzend; es war das erste Vorbild der Römerzüge, die aus Deutschland unser ganzes mittelalter hindurch nach Welschland geschahen. unterwegs musten sie schon mit andern germanischen Stämmen in Verbindung gewesen sein, da unmöglich anzunehmen ist, daß die Menge germanischer Völker, welche fünfzig jahre nachher zu Caesars Tagen das Land jenseit des Rheins erfüllt und allen folgenden Berichterstattern seßhaft daselbst erscheint, erst nach dem kimbrischen Zug vorgedrungen sei. Von einer Ankunft der Deutschen überhaupt weiß Tacitus nichts, sondern setzt sie in ihren Landstrichen als Eingeboren von jeher wohnend voraus: welch wanderlustiges Volk, sagt er, habe wohl aus Asien, Africa oder Italien über das schauerliche Meer nach dem rauhen Germanien schiffen mögen, wo nur der heimische es aushalte? offenbar musten die Deutschen da schon so lange niedergesessen sein, daß bereits alle Kunde von ihrem Einzug verschollen war und nicht mehr zu des Römers Ohr gelangte; bloß ihr weiteres vordringen über den Rhein gemeldet wurde damals.
▷Ich zweifle nicht, daß unter deutschen und gallischen Stämmen schon lange Jahrhunderte Nachbarschaft und manigfacher Verkehr stattfand, aus dem allein erklärlich wird, wie einzelne deutsche Wörter und Gebräuche durch die Gallier auch zu den Römern gelangten, bevor diese in unmittelbare Berührung mit den Deutschen selbst traten. Auf solche Weise wurden jene Deutschen ambacti (s. 131) zu Rom und dem Ennius bekannt: es ist glaublich, daß reiche Gallier germanische Diener um sich versammelten, wie hernach die Römer deutsches Gefolge unterhielten; ich werde Gelegenheit haben noch andere deutsche Ausdrücke beizubringen, die so früh zu den Römern drangen. Das Geschrei der Gallier über deutsche Wildheit vor Römern, deren Beistand gegen Ariovist sie nachsuchten, kann man sich leicht auslegen.
▷Wie nun zwischen den bis zum Rhein sich erstreckenden, diesen Strom schon überschreitenden Germanen und den Galliern muß ein gleich starker Verkehr eingetreten sein zwischen östlichen Germanen, welche die Donaugegend inne hatten, von da sich nordwärts bis zur Ostsee dehnten, und in ihrem Rücken hausenden thrakischen, sarmatischen Völkern. Ja, weil wir sahen, daß einzelne gallische Stämme eine zeitlang mitten in Germanien fortdauerten, wird nicht weiter gegen Osten bis zum Suslauf der Donau und noch tiefer hinten von deutschen Völkern die Rede sein dürfen, die ihren früher dort eingenommnen Sitz behaupteten? Die Wanderung erging nirgends auf einmal, ohne daß Haufen und Abteilungen einzelner Völker zurückblieben. Wer ein Auge hat für diese Verhältnisse kann nicht tadeln, daß dakische, getische, thrakische und selbst skythische Völkerschaften unter Gesichtspunkte gestellt werden, die den abgelegnen Römern entgingen; unsre älteste Geschichte hat dabei nur zu gewinnen und was ihr abgerissen wurde zu erobern. Dem unwandelbaren Naturgesetz großer Völkerbewegungen angemessen scheint es, sie langsam von morgen gegen abend vorschreiten zu lassen und alle dauernden Rückgänge abzulehnen. Wie keine Gallier über den Rhein setzend deutschen Grund und Boden, den sie bereits verlassen hatten, neu bewältigten, eben so wenig sind Goten, obwol es die Sage lügt, von Skandinavien aus zur Weichsel und an die Donaugestade hinterwärts gedrungen; durch die Geten aber könnte der deutsche Name weit über die Zeit der Snkunft in unserm jetzigen Vaterland hinauf geleitet werden. Ergossen sich deutsche Stämme noch viel später nach Gallien, Britannien, Italien, Spanien und Africa, so werden auch früher pannonische, thrakische und skythische Landstriche in ihrer Gewalt gewesen sein. Die bisher gültige Kritik suchte sich weder über Ankunft und Einzug der Germanen in Deutschland eine befriedigende vorstellunV zu bilden, noch den thrakischen und skythischen Einfluß auf die geschicke Europas zu würdigen.
▷Für das fünfte europäische Volk sehe ich die Litthauer an, deren die Geschichte fast geschweigt, denen aber ihre kostbare Sprache gewähr leistet. Dicht an der Ostseeküste von der Weichsel bis zur Düna, seitwärts zur Wilna hin durch Preußen, Samogitien, Kurland und Liefland strecken sich die überbleibsel einer Völkerschaft, die niemals Einfluß auf die Weltbegebenheiten gewonnen, sich stets unter dem Druck mächtigerer Nachbarn befunden hat. Ihre Sprache steht in drei zweigen bedeutsam von einander ab; darunter ist der Altpreußische ganz ausgestorben, nur aus einem einzigen Denkmal spärlich zu erkennen. Der Litthauische lebt in Ostpreußen und Samogitien, dort reiner, hier mit polnischen Wörtern vermengt, der Lettische in Kurland und Liefland: aus diesen Verschiedenheiten zieht die Sprachforschung nur Gewinn, altertümlich und formich erscheint zumal der litthauische Dialekt im engeren Sinn, kaum eine andere Sprache in Europa steht dem Sanskrit näher[6], auszerdem findet große Ähnlichkeit mit der deutschen und slavischen Zunge statt. Diese beiden werden durch die Litthauische gewissermaßen vermittelt, was nur nicht so aufzufassen ist, als sei das Litthauische, wie man früher wol angenommen hat, aus ihnen gemischt worden, da es vielmehr selbständige Eigentümlichkeit besitzt, die nur an Deutsche und Slavische rührt. Ebenso wenig aber haben die slavische und deutsche Sprache ihre urverwandten Bestandteile aus der Litthauischen entlehnt, sondern zwischen allen dreien waltet warme in der Geschichte der europäischen Sprachen höchst folgenreich dastehende Gemeinschaft ob. Wahrscheinlich hatte auch die getische Sprache einen nicht zu übersehenden Verband mit der Litthauischen; es ist ungemein merkwürdig, daß der preuszische Litthauer den polnischen, d. h. den Samogeten Gudas oder Guddas nennt. Unserm Mittelalter hieß er Sameite, woraus nachher Schamaite entsprang, was sich alles zurückführt auf Samogeta.
▷Schon dieser, wie mich dünkt, erweisliche haft zwischen Litthauern und Geten zwingt, auch ohne andre historische Zeugnisse, den Aufenthalt der litthauischen Stämme in der Gegend, wo sie jetzt wohnen, sehr früher Zeit zu überweisen. Sie scheinen durchaus nicht später als Deutsche und Slaven, welchen sie stets benachbart waren, in Europa, also schon lange vor dem Beginn unsrer Zeitrechnung an ihrer Stelle angelangt; ihre Abgeschiedenheit, bei geringer Anzahl, hat ihnen feste Dauer gegönnt: erst in der späteren polnischen Geschichte gieng ein litthauisches Herzogtum unter. Litthauisches Heidentum muß vorzüglich aus samogitischen Überlieferungen erforscht werden.
▷In weit ansehnlicherer Breite und Ausdehnung, wie sie wenig andern auf dem Erdboden zu Teil ward, hat sich das slavische Volk entfaltet, und bildet den sechsten Sprachstamm, dessen Denkmäler und Verzweigungen die reichste Ausbeute darreichen.
▷So spät Slaven in der Geschichte eingezeichnet sind (denn sie werden zuerst bei Iornandes und Procop mit gothischen, bei den Annalisten hernach mit fränkischen Händeln verflochten), läßt das nahe Verhältnis ihrer Sprache zur Deutschen und Litthauischen gar nicht bezweifeln, daß sie ungefähr gleichzeitig mit diesen Nachbarn auf dem Platz waren und bereits weite Strecken erfüllten. Eine so kräftige Masse kann weder später auf einmal vorgerückt sein noch sich anders als in gemächlicher Weile überaus fruchtbar entfaltet haben.
▷Ihren Gesamtnamen der Slaven hatten diese Völker damals so wenig empfangen, als die Germanen den der Deutschen; unsern Vorfahren aber hießen sie Winden, Wenden (ahd. Winidâ, ags. Veonodas) und unter dieser Benennung Veneti wurden sie auch den Römern auf einzelnen Punkten bekannt, gerade wie die Römer die Finnen mit einem unter dem Volk selbst ungewöhnlichen deutschen Namen kennen lernten. Dies alles dargelegt hat Schafarik, der dem namen Winden für sein Volk wohlbefugt einen andern einheimischen an hohem alter gleich stellt, den schon bei Plinius 6, 7 unter den maeotischen Völkern erwähnten namen Serbi, bei Ptolemaeus Sirbi, wie er noch heute für zwei entlegne slavische Stämme, Sorben und Serben, fortbesteht[7]. nur darin scheint mir der gründliche Forscher fehl zu treten, daß er jetzt die früher von ihm selbst erkannte Identität der Serben und Sarmaten leugnet und für den Ausdruck Srb die vage wurzel su (generare) aus dem Sanskrit herholt, welche Mutter eines jeden mit diesen Buchstaben anlautenden Worts werden könnte. Nichts aber ist natürlicher, als daß unmittelbar im Rücken der Germanen hausende Sarmaten, bei Älfred Sermende[8], den Griechen Sauromaten genannt, die Grundlage des slavischen Volks bilden; durch ihre Wegnahme würde den Slaven ein Anhalt in der älteren Geschichte entzogen, wie man ihn den Deutschen durch das Verkennen ihrer Verwandtschaft mit den Geten entrissen hat und das plötzliche verschwinden beider, der Sarmaten wie der Geten, bliebe gleich unerklärlich. Den Übergang der Buchstaben -srb- in srm- rechtfertigen eine Menge ähnlicher[9], und das heutige Sirmien (Srijem, Srem) in Serbien, lat. Sirmium zeugt dafür†[10]; Diodors Meldung vom Auszug der Sauromaten aus Medien über den Tanais um 633-605 vor Chr. (2, 43) behält ihren vollen Wert, ohne daß vonnöten wäre weder alle Sarmaten daher zu leiten, noch der slavischen Sprache einen näheren Bezug auf Medische zu geben, als er schon aus der Urverwandtschaft mit medischen und persischen Völkern folgt. Die frühe Rührigkeit der Slaven bewährt hier Diodor so willkommen, als die der Deutschen Herodots Nachricht von den Geten. Sarmatische Wildheit angeblicher Sittigung und milde der Slaven entgegenzusetzen scheint mir unratsam, da noch die jüngeren Slaven an kriegerischem, rohem Sinn den Germanen nirgend nachstehn.[11] ógot, nach Procop 173 de bell. goth. 3, 14 alter Gesamtname aller Slaven, und von ihm σποράδην διεσκηνημένοι ausgelegt, soll versetztes Serpi Srbi sein; wer das zend. -sp- für -sv- erwägt (apsa f. skr. ašva, spenta f. sl. svent), könnte andere Deutungen vorschlagen.
▷Tacitus ist zweifelhaft, ob die in seiner Germania den Schluß bildenden Peucini, Veneti und Fenni germanische oder slavische Völker seien; wir sehn ihn hier wirklich auf der Scheide zwischen Deutschen, Slaven und Finnen angelangt. Doch Peucini als Bastarnae sind ihm der Sprache nach mit Recht Deutsche: nur die Unreinheit ihrer Ehen scheint ihm undeutsch und sarmatisch. Die räuberischen Veneti in den Waldgebirgen zwischen Finnen und Peucinen hält er deshalb für Germanen, weil sie schon in Häusern wohnen, nicht auf Wagen wie die Sarmaten. Wenden und Serben, die wir für das nehmliche Volk erkennen, weichen ihm im Stamm von einander ab; doch die Verbrüderung der Sarmaten und Daken um diese Zeit unter Decebalus läßt beide ungefähr auf gleiche Stufe der Bildung setzen und den Nomadenstand der Sarmaten mag Tacitus übertreiben.
▷Die Finnen sind der siebente Sprachstamm, und da er noch heute über den Ural in das nordöstliche Asien reicht, in Europa den äußersten Norden besetzt hält, so muß er für mächtig und uralt gelten. Wahrscheinlich war er in Europa schon vor den Kelten eingezogen und durch Kelten, Germanen und Slaven aus der Mitte gegen Norden gedrängt worden; merkwürdige Spuren finnischer Sprache haften in Skandinavien, aber ebenwol in andern deutschen Mundarten, namentlich der gotischen und niederländischen, vermutlich auch in keltischer Zunge. Zwischen lappischer und finnischer Sprache waltet größerer Unterschied, als zwischen litthauischer und lettischer oder welscher und irischer: näher den Finnen als den Lappen stehn Tscheremissen, Syriänen, Morduinen, Ostiaken, Votiaken, und was in der ungrischen finnischer Sprache gehört, trägt sie am weitesten südwärts. Der ganze grammatische Bau dieser Sprachen steht aber von der sechs übrigen Urgemeinschaft so wesentlich ab, daß man schon darum nicht zaudern darf jene einer früheren in undenkliche Vorzeit reichenden Einwanderung aus Asien, mit dem sie noch immer in Verband bleiben, zuzuschreiben.
▷Der name Finnen wurde diesen Völkern schon im hohen SAltertum, wie Tacitus lehrt, von den Deutschen ertheilt (bekanntlich heißen in altn. Sagen auch die Lappen Finnar), und die Benennung eines damals noch germanischen Volks, der Aestier, gieng im Verfolg der Zeit auf das Finnische der Esten über. Sein Land und Volk heißt der Finne Suome, der Lappe Sabme; Suomalainen bezeichnet den Finnen, Sabmelats Sabmeladzh den Lappen. Schweden nennt der Finne Ruotsi, der Lappe Ruotti, Deutschland der Finne Saksa, Ruszland Venäjä, worin jenes Wendenland anklingt; Slaven heißt der Finne Tschud. Merkwürdig daß der Finne für Lappland Pohja, wie der Lappe für Norwegen Vuodn gebraucht: beide Namen sind das nehmliche und bedeuten fundus (schwed. bottn, boden.) es läßt sich nachweisen, wie der Name Finnar und Qvenir ursprünglich auch derselbe sei.
▷Von den Iberern, die gleich den Finnen in Europa vorangingen und den achten Stamm bilden, ist bis auf die baskische Sprache alles erloschen; sie müssen aber in frühster Vorzeit auf italische und keltische Völker, wie schon der name Keltiberer zeigt, vielfach eingewirkt haben.
▷Auf Thraker und Skythen, oder den neunten und zehnten Volkstamm Europas werde ich alsbald ausführlicher zu sprechen kommen. Hier schliesße ich die gewonnene Übersicht aller Einwanderungen mit dem Anhang, daß sie auf der Meersküste immer rascher vorzuschreiten scheinen, als im innern des Landes, wie eine überströmende Flut schnell die Seiten, hernach erst die Mitte erreicht. So erblicken wir bereits zur Römerzeit germanische Friesen und Bataver westlich vorgedrungen, früher Guttonen und Teutonen, endlich Slaven über Pommern nach Meklenburg und Holstein, während inmitten der Länder einheimische Kerne der Gallier und Germanen längeren Widerstand leisteten.
- ↑ extremi hominum Morini. Virg. Aen. 8, 727; ut Menapios et Morinos et extrema Galliarum quateret. Tac. hist. 4, 28; ultimi gallicarum gentium Morini. P. Mela
- ↑ vgl. Plutarchs Camillus 15, 16.
- ↑ und es gab eine Zeit zuvor, in der die Gallier die Germanen mit Gewalt besiegten, Kriege gegeneinander führten und wegen der Menschenmenge und des Mangels an Land Kolonien über den Rhein schickten. und daher die fruchtbarsten Teile Deutschlands, der Wald um Hercynia... Die Volcai nahmen die Tektosagen in Besitz und ließen sich dort nieder, eine Nation, die sich zu dieser Zeit an diese Sitze hält und die höchste Meinung von Gerechtigkeit und kriegerischem Lob hat, und jetzt in der gleichen Geduld wie die Germanen, mit der gleichen Ernährung und dem Körperkult. Aber die Nähe der Provinz zu den Gallier und die Kenntnis überseeischer Angelegenheiten verschaffen ihnen viel Überfluss und Nutzen. Nachdem sie sich nach und nach daran gewöhnt haben, in vielen Schlachten besiegt und besiegt zu werden, können sie sich nicht einmal an Stärke mit ihnen vergleichen. Diese Worte im Auge hat Tacitus Germ. 28: Julius, die höchste Autorität, berichtet, dass die Gallier einst stärker waren und es daher glaubhaft ist, dass die Gallier nach Germanien übergingen. Denn wie sehr stand der Fluss zur Verfügung, wie viel weniger, damit jede Nation Sitze erobern und austauschen konnte, die noch promiskuitiv waren und durch keine Macht der Königreiche geteilt wurden? Daher herrschten zwischen Hercynia, dem Rheinwald und dem Moen, den Flüssen der Helvetia und dem weiteren Boji, beide Nationen der Gallier. Der Name Bohemi bleibt bestehen und prägt die alte Erinnerung an den Ort, obwohl die Gläubigen gewechselt haben. aber ob die Aravisker aus dem Volk der germanischen Osis nach Pannonien einwanderten oder ob die Osis von den Araviskern nach Germanien wanderten, da sie immer noch dieselbe Sprache und etablierte Bräuche verwenden, ist ungewiss.
- ↑ In der Zusammensetzung Boihemum ist mindestens hemum deutsch. So wurde der deutsche Volksname Aestier zuletzt einem finnischen Stamm überwiesen.
- ↑ ** ὥσπερ νέφος ἐμπέσοιεν Γαλατίᾳ καὶ Ἰταλίᾳ. Plut. Marius 11, 5. mit demselben Bild heißt es in der Kaiserchronik (cod. pal. 361, 884): si sigen zuo sam diu wolchen uber Monteiôh, hei wie daz her daruber zôh!
- ↑ Das Litauische stammt über das Ur-Baltoslawische von der indogermanischen Grundsprache ab. Von den baltischen Sprachen lebt neben dem Litauischen nur noch die lettische Sprache. Beide Sprachen werden dem Ostbaltischen zugeordnet. Die Trennung des Lettischen und Litauischen voneinander wird für das frühe Mittelalter (7./8. Jahrhundert) datiert. Von der verwandten ausgestorbenen altpreußischen Sprache, die als westbaltische Sprache gilt, gibt es noch einige Schriftdenkmäler. Das Litauische zeichnet sich durch viele erhaltene altertümliche grammatische Formen aus, die sich zum Teil auch im Sanskrit oder in anderen alten indogermanischen Sprachen wiederfinden. Deswegen gilt das Litauische als die (in vieler Hinsicht) konservativste lebende indogermanische Sprache. Die oberflächlichen (typologischen) Ähnlichkeiten zum Sanskrit sind hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass beide Sprachen im Vergleich zu modernen, aber auch den meisten älteren indogermanischen Sprachen die Grundstruktur einer vermuteten indogermanischen Ursprache besonders gut bewahren. Die Ankunft der Balten im heutigen Siedlungsgebiet wird in das dritte Jahrtausend vor Christus datiert. Die Untersuchung von Gewässernamen hat gezeigt, dass das baltische Siedlungsgebiet sich einst von der Weichsel bis Moskau und Kiew erstreckte – allerdings darf man von einer nur dünnen Besiedlung ausgehen. Baltische Völkerschaften wurden hier später von den expandierenden Slawen assimiliert. Die Gründung eines litauischen Staates erfolgte im Mittelalter durch Mindaugas. Über die Rolle des Litauischen in diesem Staat ist wenig bekannt. Als Schriftsprache diente eine ostslawische Sprache, das sogenannte Kanzleislawische (Ruthenisch), in Kyrillica, allerdings angereichert mit litauischem Vokabular. Später war das Litauische infolge der Vereinigung des Großfürstentums Litauen mit dem Königreich Polen(Union von Krewo) vermehrt polnischen Einflüssen ausgesetzt.
- ↑ Darf man statt der bei Strabo 290 neben Butonen und Mugilonen genannten Σιβινοι mutmaßen Σιρβινοι? Deuten sich Mugilonen aus sl. mogila, Hügel?
- ↑ Wie Dalemense, Daleminzi Dalmatae.
- ↑ bair. alm für alb; lapp. zhialbme, tjalmi oculus, finn. silmä. wahrscheinlich skr. sarpa, sl. tscherv, lat. serpens mit vermis für cvermis, goth. vaurms f. hvaurms, skr. krimi verwandt.
- ↑ noch die altböhm. mater verborum übersetzt Sarmatae durch zirbi (= sirbi.) Sträubt man sich aber wider die Gleichstellung von Serben und Sarmaten, so wird eine andere nahliegende Deutung des letzten Namens noch weniger gefallen. Den Litthauern ist sarmata dedecus, was dem böhm. sramota, poln. sromata genau entspricht, altsl. ist sramiti έντρrέπɛιν pudore afficere, und mit sram hängt unser ahd. harm, ags. hearm genau zusammen. Die litthauischen Nachbarn könnten nun in sehr früher Zeit den Slaven diesen Namen aufgehängt haben.
- ↑ Man würde die Slavizität der Sarmaten auch wider Willen nachgeben müssen, wenn sich ein in Lucians Toxaris 40 bewahrtes sarmatisches Wort als slavisch rechtfertigen ließe. Nehmlich ein Skythe, der den Sauromaten in die Hände fällt, ruft alsbald zirin aus (έβόα τὸν ζίριν), welches etwa unserm Gnade oder Schonung (pardon) entsprechen mag; auf solchen Ruf töten die Sauromaten den wehrlosen Feind nicht, sondern gestatten Auslösung: diese nannte Man (μετὰ) ζίριν ἢκειν, mit dem Gnaderuf gekommen sein. könnte Sigis zu zrjeti, böhm. zřjti und zjrati gehören, was videre bedeutet, aber gleich unserm schauen und warten in cavere und tueri übergeht? ziris wäre Schutz, Gnade, wie die Böhmen sagen: oči w chudeho zřie, oculi in pauperem respiciunt, ps. 10, 4, d. h. mitleidig, erbarmend.