De docta ignorantia Liber secundus Capitulum XII.
Capitulum XII.
De conditionibus terrae.
Ad ista iam dicta veteres non attigerunt, quia in docta ignorantia defecerunt. Iam nobis manifestum est terram istam in veritate moveri, licet nobis hoc non appareat. Non enim apprehendimus motum nisi [1] per quandam comparationem ad fixum. Si enim quis ignoraret aquam fluere et ripas non videret existendo in navi in medio aquae, navem quomodo apprehenderet moveri? Et propter hoc, cum semper cuilibet videatur, quod sive ipse fuerit in terra sive sole aut alia stella, quod ipse sit in centro quasi immobili et quod alia omnia moveantur, [2] ille certe semper alios et alios polos sibi constitueret existens in sole et alios in terra et alios in luna et Marte, et ita de reliquis. Unde erit [3] machina mundi quasi habens undique centrum et nullibi circumferentiam, quoniam eius circumferentia et centrum est Deus, qui est undique et nullibi.
Kapitel XII.
Die Beschaffenheit der Erde
Zu diesen Erkenntnissen gelangten die Alten, deren Wissen der Unwissenheit gering war, nicht. Es ist uns bereits klargeworden, daß sich die Erde wirklich bewegt, auch wenn es uns nicht so erscheint. Denn wir begreifen die Bewegung nur durch einen Vergleich mit etwas Feststehendem. Wie sollte jemand, der sich auf einem Schiff in der Mitte des Gewässers befindet, der das Ufer nicht sieht und nicht weiß, daß das Wasser fließt, begreifen, daß er sich bewegt? Da es jedem, ob auf der Erde, der Sonne oder einem andern Stern, stets vorkommt, als wäre er im unbeweglichen Mittelpunkt und alles andere würde sich bewegen, so wird er sich deshalb, wenn er sich auf der Sonne, der Erde, dem Mond, dem Mars usw. befindet, stets neue Pole bilden.
Darum verhält sich der Weltbau so, als hätte er überall seinen Mittelpunkt und nirgends seinen Umkreis, da sein Umkreis und sein Mittelpunkt Gott ist, der überall und nirgends ist.Terra etiam ista non est sphaerica, ut quidam dixerunt, licet tendat [4] ad sphaericitatem. Nam figura mundi contracta est in eius partibus, sicut et motus; quando autem linea infinita consideratur ut contracta taliter, quod ut contracta perfectior esse nequit atque capacior, tunc est circularis; nam ibi principium coincidit cum fine. Motus igitur perfectior est circularis, et figura corporalis perfectior ex hoc sphaeri [5] ca. Quare omnis motus partis est propter perfectionem ad totum, ut gravia versus terram et levia sursum, terra ad terram, aqua ad aquam, aer ad aerem, ignis ad ignem; et motus totius, quantum potest, circularem concomitatur et omnis figura sphaericam figuram, ut in animalium partibus et arboribus et caelo experimur. Unde unus motus est [6] circularior et perfectior alio, ita et figurae sunt differentes.
Die Erde ist also nicht sphärisch, wie einige sagten, auch wenn sie zur Kugelgestalt hinstrebt. Denn die Gestalt der Welt ist in ihren Teilen verschränkt wie auch die Bewegung. Betrachtet man die unendliche Linie als verschränkte dergestalt, daß sie als verschränkte nicht vollkommener und größerer Möglichkeiten fähig ist, so ist sie eine Kreislinie. Denn in dieser konzidiert der Anfang mit dem Ende.
[p.399] Die vollkommenere Bewegung ist also kreisförmig, und die vollkommenere körperliche Gestalt ist aus diesem Grund die Kugel. Darum ist jede Bewegung der Teile der Vollkommenheit wegen auf das Ganze gerichtet, wie das Schwere zur Erde, das Leichte nach oben, die Erde zur Erde, das Wasser zum Wasser, die Luft zur Luft, das Feuer zum Feuer. Die Bewegung des Ganzen schließt sich, soweit sie kann, der Kreisbewegung an und jede Gestalt der Kugelgestalt, wie wir es bei den Tieren, den Bäumen und am Himmel erfahren. Daher ist die eine Bewegung dem Kreis ähnlicher und vollkommener als die andere und die Gestalten sind auf diese Weise verschieden.
Terrae igitur figura est nobilis et sphaerica et eius motus circularis, sed perfectior esse posset. Et quia maximum aut minimum in perfectionibus, motibus et figuris in mundo non est, ut ex statim dictis patet, tunc non est verum, quod terra ista sit vilissima et infima; nam [7] quamvis videatur centralior quoad mundum, est tamen etiam eadem ratione polo propinquior, ut est dictum. Neque est ipsa terra pars proportionalis seu aliquota mundi. Nam cum mundus non habeat nec maximum nec minimum, neque habet medium neque partes aliquotas, [8] sicut nec homo aut animal; nam manus non est pars aliquota | hominis, licet pondus eius ad corpus videatur proportionem habere; [9] et ita de magnitudine et figura. Neque color nigredinis est argumentum vilitatis eius; nam in sole si quis esset, non appareret illa claritas [10] quae nobis. Considerato enim corpore solis, tunc habet quandam quasi terram centraliorem et quandam luciditatem quasi ignilem circumferentialem et in medio quasi aqueam nubem et aerem clariorem, quemadmodum terra ista sua elementa.
Die Gestalt der Erde ist also edel und sphärisch, ihre Bewegung ist kreisförmig, sie könnte aber vollkommener sein.
Und weil es wie aus dem eben Ausgeführten hervorgeht in Vollkommenheiten, Bewegungen und Gestalten das Größte oder Kleinste in der Welt nicht gibt, ist es nicht wahr, daß diese Erde das Unterste und Schlechteste ist. Denn obwohl sie mehr im Zentrum der Welt zu sein scheint, so ist sie, wie gesagt, dennoch aus demselben Grund dem Pol näher. Auch ist die Erde kein Verhältnisteil oder der soundsovielte Teil der Welt. Denn da die Welt kein Größtes und Kleinstes besitzt, hat sie auch keine Mitte noch Teile, die an bestimmter Stelle stehen, wie sie ja auch der Mensch oder das Tier nicht haben; die Hand ist nicht der soundsovielte Teil des Menschen, wenn auch ihr Gewicht zum Körper einen Verhältnisbezug zu besitzen scheint. Dasselbe gilt von der Größe und der Gestalt.
Auch ist die schwarze Farbe kein Beweis ihres geringen Wertes. Denn wenn jemand auf der Sonne wäre, würde ihm nicht jene Helligkeit erscheinen, die wir sehen. Betrachtet man nämlich den Körper der Sonne, dann besitzt er in der Mitte etwas, das der Erde gleicht und im Umkreis etwas Lichthaftes, das Feurige, und dazwischen eine Art Wasserwolke und klarere Luft; er besitzt dieselben Elemente wie die Erde.Unde, si quis foret extra regionem ignis, terra ista in circumferentia regionis per medium [11] ignis lucida stella appareret, sicut nobis, qui sumus circa circumferentiam regionis solis, sol lucidissimus apparet. Et non apparet luna adeo lucida, quoniam forte citra eius circumferentiam sumus versus partes magis centrales, puta in regione quasi aquea ipsius; et hinc non apparet eius lumen, licet habeat lumen proprium illis in extremi [12] tatibus circumferentiae eius existentibus apparens, et solum lumen reflexionis solis nobis apparet. Etiam propterea calor lunae, quem sine dubio ex motu efficit plus in circumferentia, ubi est maior motus, nobis non communicatur sicut in sole. Unde ista terra inter regionem solis et lunae videtur situata et per horum medium participat aliarum [13] stellarum influentiam, quas nos non videmus propter hoc, cum extra earum regiones simus; videmus enim tantum regiones earum, quae scintillant.
Stünde jemand außerhalb des Bereiches des Feuers, dann würde ihm unsere Erde im Umkreis dieses Bereiches vermittels des Feuers als leuchtender Stern erscheinen, so wie uns, die wir im Umkreis der Sonnenregion [p.401] sind, diese ganz leuchtend erscheint. Der Mond erscheint nicht so sehr leuchtend, weil wir vielleicht diesseits seines Umkreises sind, mehr den zentralen Teilen zugekehrt, gleichsam in seinem Wasserbereich. Und darum sehen wir, obwohl er sein eigentümliches Licht hat, das jenen erscheint, die sich an den Enden des Umkreises befinden, dieses Licht nicht. Uns erscheint nur das Reflexionslicht der Sonne.
Aus eben diesem Grund wird uns auch die Wärme des Mondes, die ohne Zweifel durch die Bewegung, welche im Umkreis stärker ist, entsteht, nicht wie bei der Sonne mitgeteilt. Also scheint die Erde zwischen den Regionen der Sonne und des Mondes zu liegen. Durch deren Vermittlung nimmt sie an der Einwirkung anderer Sterne teil, die wir, weil wir uns außerhalb ihres Bereiches befinden, nicht sehen. Wir sehen nämlich nur die Bereiche jener, die leuchten.Est igitur terra stella nobilis, quae lumen et calorem et influentiam habet aliam et diversam ab omnibus stellis, sicut etiam quaelibet a [14] qualibet lumine, natura et influentia differt. Et sicut quaelibet stella alteri communicat lumen et influentiam non ex intentione, quoniam [15] omnes stellae moventur tantum atque choruscant, ut sint meliori modo, unde ex consequenti participatio oritur, – sicut lux ex sua natura lucet, non ut ego videam, sed ex consequenti participatio fit, dum utor lumine ad finem videndi –: ita quidem Deus benedictus [16] omnia creavit, ut dum quodlibet studet esse suum conservare quasi quoddam munus divinum, hoc agat in communione cum aliis; ut sicut pes non sibi tantum, sed oculo et manibus ac corpori et homini toti servit per hoc, quod est tantum ad ambulandum; et ita de oculo et reliquis membris; pariformiter de mundi partibus. Plato enim [17] mundum animal dixit; cuius animam absque immersione Deum si concipis, et multa horum, quae diximus, tibi clara erunt.
Die Erde ist also ein edler Stern, der Licht und Wärme und einen andern, von allen anderen Sternen unterschiedenen Einfluß besitzt, so wie sich jeder von jedem durch Licht, Natur und Einfluß unterscheidet. Jeder Stern teilt dem anderen Licht und Einfluß mit, aber nicht absichtlich, denn alle Sterne bewegen sich nur, und glitzern, damit sie auf die relativ beste Weise sind; daraus entsteht in der Folge eine Teilhabe. So leuchtet auch seiner Natur gemäß das Licht nicht, damit ich sehe, sondern wenn ich das Licht gebrauche, um zu sehen, entsteht in der Folge die Teilhabe. So hat Gott, gepriesen sei Er, alles geschaffen, damit jedes, während es sich bemüht, sein Dasein als göttliche Gabe zu erhalten, dies in Gemeinschaft mit anderen tue. So dient der Fuß dadurch, daß er lediglich zum Gehen da ist, nicht nur sich selbst, sondern auch dem Auge, den Händen, dem Körper und dem ganzen Menschen; ebenso verhält es sich mit dem Auge und den übrigen Gliedern und ähnliches gilt auch für die Teile der Welt.
Plato nannte die Welt ein Lebewesen. Wenn man deren Seele als Gott begreift – aber ohne daß er in ihr aufgeht – wird vieles von dem, was wir gesagt haben, deutlich.Neque dici debet, quod quia terra est minor sole et ab eo recipit influentiam, quod propterea sit vilior; quoniam regio tota terrae, quae usque ad ignis circumferentiam se extendit, magna est. Et quam [18] vis terra minor sit quam sol, ut ex umbra et eclipsibus hoc notum nobis est, tamen non est nobis notum, quantum regio solis sit maior aut minor regione terrae. Aequalis autem ei praecise esse nequit; nulla enim stella alteri aequalis esse potest. Neque terra est minima stella, quia est maior luna, ut experientia eclipsium nos docuit, et [19] Mercurio etiam, ut quidam dicunt, et forte aliis stellis. Unde ex magnitudine argumentum vilitatem non concludit.
[p.403] Weil die Erde kleiner als die Sonne ist und von ihr beeinflußt wird, darf man nicht sagen, daß sie geringer sei, denn die ganze Region der Erde, die sich bis zum Umkreis des Feuers erstreckt, ist groß.
Und obwohl die Erde kleiner ist als die Sonne – das ist uns auf Grund des Schattens und der Eklipsis bekannt – wissen wir dennoch nicht, um wieviel die Region der Sonne größer oder kleiner ist als die Region der Erde. Völlig gleich kann sie ihr nicht sein, da kein Stern dem andern gleich sein kann. Die Erde ist nicht der kleinste Stern, denn sie ist, wie uns die Erfahrung der Eklipsen gelehrt hat, größer als der Mond. Auch ist sie, wie einige sagen, größer als Merkur und vielleicht größer als andere Sterne. Daher ist von seiten der Größe der Beweis für ihren geringen Wert nicht schlüssig.Influentia etiam, quam recipit, non est argumentum concludens imperfectionem. Nam ipsa, ut est stella, soli et suae regioni forte pariformiter influit, ut praefertur; et cum non experiamur nos aliter quam [20] in centro esse, in quo confluunt influentiae, de ista refluentia nihil experimur. Nam etsi terra quasi possibilitas se habeat et sol ut anima sive actualitas formalis eius respectu et luna ut medius nexus, ita ut istae stellae intra unam regionem positae suas ad invicem influentias uniant, aliis – scilicet Mercurio et Venere et ceteris – supra existentibus, [21] ut dixerunt antiqui et aliqui etiam moderni: tunc patet correlationem influentiae talem esse, quod una sine alia esse nequit; erit igitur una et trina in quolibet pariformiter secundum gradus suos. Quare patet per hominem non esse scibile, an regio terrae sit in gradu [22] perfectiori et ignobiliori respectu regionum stellarum aliarum, solis, lunae et reliquarum, quoad ista.
Auch die Beeinflussung, die sie empfängt, ist kein schlüssiges Argument für ihre Unvollkommenheit. Denn, wie schon gesagt wurde, als Stern beeinflußt sie wohl gleicherweise die Sonne und deren Region; da wir uns aber nicht anders als im Mittelpunkt, in dem diese Einflüsse zusammentreffen, sehen können, nehmen wir von dieser Rückbeeinflussung nichts wahr. Denn wenn die Erde sich gleichsam als Möglichkeit verhält und die Sonne in bezug auf sie als Seele oder gestaltliche Wirklichkeit und der Mond als vermittelnde Verknüpfung, so daß, wie die Alten und auch einige Moderne glauben, die Sterne, die sich innerhalb der einen Region befinden, ihre wechselseitige Beeinflussung mit der andern darüberstehenden, wie Merkur, Venus usw., vereinen, ergibt sich, daß die Korrelation dieser Einflüsse so ist, daß der eine nicht ohne den anderen sein kann. In jedem wird sie also ihrer jeweiligen Abstufung entsprechend eine eine und dreieine sein.
Darum kann der Mensch nicht wissen, ob die Region der Erde verglichen mit den Regionen der andern Sterne, der Sonne, des Mondes usw. auf einer vollkommeneren oder geringeren Stufe steht.Neque etiam quoad locum; puta quod hic locus mundi sit habitatio | hominum et animalium atque vegetabilium, quae in gradu sunt [23] ignobiliora in regione solis et aliarum stellarum habitantium. Nam [24] etsi Deus sit centrum et circumferentia omnium regionum stellarum et ab ipso diversae nobilitatis naturae procedant in qualibet regione habitantes, ne tot loca caelorum et stellarum sint vacua et solum ista terra fortassis de minoribus inhabitata, tamen intellectuali natura, quae hic in hac terra habitat et in sua regione, non videtur nobilior [25] atque perfectior dari posse secundum hanc naturam, etiamsi alterius generis inhabitatores sint in aliis stellis. Non enim appetit homo aliam naturam, sed solum in sua perfectus esse.
Auch in bezug auf den Ort kann man keine Aussage machen, wie z. B. daß dieser Ort der Welt die Wohnstatt von Menschen, Tieren und Pflanzen ist, die auf einer niedrigeren Stufe stehen als die Bewohner der Sonnenregion und der andern Sterne.
[p.405] Denn wenn Gott auch Mittelpunkt und Umkreis aller Sternbereiche ist und die Naturen verschiedenen Wertes, in welchem Bereich auch immer sie wohnen, von ihm ausgehen, damit nicht so viele Stätten des Himmels und der Sterne leer seien und vielleicht nur diese Erde von niedrigeren Wesen bewohnt ist, so scheint es dennoch keine vornehmere und vollkommenere Natur zu geben als die geistige Natur, die auf dieser Erde und in ihrem Bereich wohnt, auch wenn auf anderen Sternen Bewohner anderen Geschlechts sind. Denn der Mensch strebt nicht nach einer anderen Natur, sondern nur danach, in der seinen vollkommen zu sein.Improportionabiles igitur sunt illi aliarum stellarum habitatores, qualescumque illi fuerint, ad istius mundi incolas, etiamsi tota regio [26] illa ad totam regionem istam ad finem universi quandam occultam nobis proportionem gerat, ut sic inhabitatores istius terrae seu regionis ad illos inhabitatores per medium universalis regionis hincinde [27] quandam ad se invicem habitudinem gestent, sicut particulares articuli digitorum manus per medium manus proportionem habent ad pedem et particulares articuli pedis per medium pedis ad manum, ut omnia ad animal integrum proportionata sint.
Wie immer also jene Bewohner anderer Sterne sein mögen, sie stehen mit den Bewohnern dieser Welt in keinem Verhältnis; das gilt auch, wenn im Sinne des Gesamt jene ganze Region zu dieser ganzen Region einen bestimmten, uns verborgenen Verhältnisbezug hat, so daß auf solche Weise die Bewohner dieser Erde oder Region zu jenen Bewohnern vermittels der allgemeinen Region in einem bestimmten gegenseitigen Verhältnis stehen, so wie die einzelnen Fingerglieder der Hand vermittels der Hand einen Bezug zum Fuß und die einzelnen Glieder des Fußes vermittels dieses ein Verhältnis zur Hand haben, so daß alle auf das ganze Lebewesen bezogen sind.Unde, cum tota nobis regio illa ignota sit, remanent inhabitatores illi ignoti penitus, sicut in hac terra accidit, quod animalia unius speciei quasi unam regionem specificam facientia se uniunt et mutuo propter communem regionem specificam participant ea, quae eorum regionis sunt, de aliis nihil aut se impedientes aut veraciter [28] apprehendentes. Non enim animal unius speciei conceptum alterius, quem per signa exprimit vocalia, apprehendere potest nisi in paucissimis signis extrinsecus, et tunc per longum usum et solum opinative. Minus autem de habitatoribus alterius regionis improportionabiliter scire poterimus, suspicantes in regione solis magis esse solares, claros et [29] illuminatos intellectuales habitatores, spiritualiores etiam quam in luna, ubi magis lunatici, et in terra magis materiales et grossi; ut illi intellectuales naturae solares sint multum in actu et parum in potentia, terrenae vero magis in potentia et parum in actu, lunares in medio fluctuantes.
Weil uns daher jene ganze Region unbekannt ist, bleiben uns auch jene Einwohner völlig unbekannt, so wie es auch auf dieser Erde geschieht, daß die Lebewesen einer Eigengestalt gleichsam eine eigentümliche Region schaffend sich einen und der gemeinsamen, eigentümlichen Region wegen, an dem, was zu ihr gehört, wechselseitig Teil haben, von den andern aber entweder nicht annehmen wollen oder wahrhaft nicht annehmen. Denn das Lebewesen der einen Art kann den Begriff eines andern, den dieses in lautlichen Zeichen ausdrückt, nur durch wenige Zeichen äußerlich begreifen, und auch das nur nach langer Erfahrung und lediglich als Meinung.
Von den Bewohnern einer andern Region aber werden wir unverhältnismäßig weniger erfahren können; wir vermuten nur, daß in der Region der Sonne eher sonnenhafte, helle und erleuchtete, geistige Bewohner sind, geistigere auch als [p.407] in der Mondregion, wo sie eher mondhaft sind und als auf der Erde, wo sie stoffhafter und dichter sind. Demnach wären jene geistigen, sonnenhaften Naturen mehr in der Wirklichkeit und weniger in der Möglichkeit, die erdhaften mehr in der Möglichkeit und weniger in der Wirklichkeit, die mondhaften bewegten sich in der Mitte.108.20 Hoc quidem opinamur ex influentia ignili solis et aquatica simul et aerea lunae et gravedine materiali terrae, consimiliter de aliis stellarum regionibus suspicantes nullam inhabitatoribus carere, quasi tot sint partes particulares mundiales unius universi, quot sunt stellae, quarum non est numerus; ut unus mundus universalis sit contractus [30] triniter progressione sua quaternaria descensiva in tot particularibus, quod eorum nullus est numerus nisi apud eum, qui omnia in numero creavit.
Etiam corruptio rerum in terra, quam experimur, non est efficax argumentum ignobilitatis. Nobis enim constare non poterit, [31] postquam est unus mundus universalis et proportiones influentiales [p.109] omnium particularium stellarum ad invicem, quod aliquid sit corruptibile penitus, sed bene secundum alium et alium essendi modum, quando ipsae influentiae iam quasi contractae in uno individuo resolvuntur, ut modus essendi sic vel sic pereat, ut non sit morti locus, ut [32] ait Virgilius. Mors enim nihil esse videtur nisi ut compositum ad componentia resolvatur; et an talis resolutio solum sit in terrenis incolis, quis scire poterit?
Dies vermuten wir aus dem feurigen Einfluß der Sonne, aus dem wäßrigen und luftigen des Mondes und aus der stofflichen Schwere der Erde in ähnlicher Weise von den andern Sternregionen; dabei nehmen wir an, daß keine Region der Bewohner entbehrt und es gleichsam so viele besondere Teil-Welten des einen Gesamt gibt, wie Sterne, die keine Zahl haben; daß die eine gesamte Welt in einem viermal absteigenden Fortschreiten zu so viel Besonderem dreifach verschränkt ist, daß nur der, der alles in der Zahl erschaffen hat, dessen Zahl kennt.
Auch die Vergänglichkeit der Dinge auf der Erde, die wir erfahren, ist kein bündiges Argument für ihre Niedrigkeit. Da es ein Weltgesamt gibt und alle einzelnen Sterne zueinander in einem gegenseitig beeinflussenden Verhältnis stehen, dürfen wir nicht annehmen, daß etwas vollkommen vergehen kann. Wohl aber ist es nach dem einen und andern Seinsmodus vergänglich, wenn sich die in dem einen Individuum gleichsam verschränkten Beeinflussungen auflösen und die Seinsweise so oder so vergeht; darum ist für den Tod kein Platz, wie Virgil sagt. Der Tod scheint nämlich in nichts anderem zu bestehen als darin, daß sich das Zusammengesetzte in das Zusammensetzende auflöst. Und wer weiß, ob es eine solche Auflösung nur bei den Bewohnern der Erde gibt?Dixerunt quidam tot esse rerum species in terra, quot sunt stellae.
Si igitur terra omnium stellarum influentiam ita ad singulares species [33] contrahit, quare similiter non fit in regionibus aliarum stellarum influentias aliarum recipientium? Et quis scire poterit, an omnes influentiae, contractae prius in compositione, in dissolutione redeant, ut animal nunc existens individuum alicuius speciei in regione terrae contractum ex omni stellarum influentia resolvatur, ita ut ad [34] principia redeat, forma tantum ad propriam stellam redeunte, a qua illa species actuale esse in terra matre recepit? Vel an forma tantum redeat ad exemplar sive animam mundi – ut dicunt Platonici – et | materia ad possibilitatem, remanente spiritu unionis in motu [35] stellarum, qui spiritus dum cessat unire, se retrahens ob organorum [36] indispositionem vel alias, ut ex diversitate motus separationem inducat, tunc quasi ad astra rediens, forma supra astrorum influentiam ascendente et materia infra descendente? Aut an formae cuiuslibet regionis in altiori quidem forma, puta intellectuali, quiescant, et per illam illum finem attingant, qui est finis mundi?
Einige sagten, es gäbe auf Erden so viele Eigengestalten der Dinge, wie es Sterne gibt. Wenn die Erde den Einfluß aller Sterne so zu den einzelnen Eigengestalten verschränkt, warum sollte es dann in den Bereichen anderer Sterne, die den Einfluß der andern empfangen, nicht ähnlich geschehen?
Und wer kann wissen, ob alle Einflüsse, die zuvor in der Zusammensetzung verschränkt waren, in der Auflösung [p.409] zurückkehren, so daß ein Lebewesen, das jetzt im Bereich der Erde als Einzelwesen einer bestimmten Eigengestalt verschränkt existiert, von jedem Einfluß der Sterne befreit wird, und zu seinen Ursprüngen zurückkehrt, wobei nur die Gestalt zu dem ihm eigenen Stern kehrt, von dem diese Eigengestalt ihr tatsächliches Sein auf der Muttererde empfing? Oder geht nur die Gestalt zum Urbild oder zur Weltseele zurück – wie die Platoniker sagen – und die Materie zur Möglichkeit, während der einende Geist in der Bewegung der Sterne verbleibt? Wenn dieser Geist aufhört, zu vereinen, indem er sich wegen der Untauglichkeit der Organe oder aus anderen Gründen zurückzieht, so daß er auf Grund der Verschiedenheit der Bewegung die Trennung herbeiführt, kehrt er gleichsam zu den Gestirnen zurück, indem die Gestalt jenseits des Einflusses der Gestirne emporsteigt und die Materie innerhalb herabsinkt. Oder wer kann wissen, ob die Gestalten irgendeiner Region in einer Art höherer Gestalt, wie zum Beispiel der geistigen, ruhen und durch diese jenes Ziel erreichen, das das Ziel der Welt ist?Et quomodo hic finis [37] attingitur per inferiores formas in Deo per illam, et quomodo illa ad circumferentiam, quae Deus est, ascendat corpore descendente versus centrum, ubi etiam Deus est, ut omnium motus sit ad Deum; in quo aliquando, sicut centrum et circumferentia sunt unum in Deo, corpus [38] etiam quamvis visum sit quasi ad centrum descendere et anima ad circumferentiam, iterum in Deo unientur, cessante non omni motu, sed eo, qui ad generationem est; tamquam partes illae mundi essentiales necessario redeant tunc successiva generatione cessante, sine [39] quibus mundus esse non possit, redeunte etiam spiritu unionis et connectente possibilitatem ad suam formam.
Haec quidem nemo hominum ex se, nisi singularius a Deo habuerit, scire poterit. Licet non dubitet quisquam Deum optimum ad se omnia creasse et non velle quidquam perire eorum, quae fecit, sciatque [40] eum remuneratorem largissimum omnium ipsum colentium, modum tamen divinae operationis praesentis et futurae remunerationis Deus ipse solum scit, qui est sua operatio. Dicam tamen inferius iuxta inspiratam divinitus veritatem pauca circa hoc, de quibus nunc sufficit in ignorantia taliter tetigisse.
Und wie kann jemand wissen, wie die niederen Gestalten dieses Ziel in Gott durch jene erreichen, und wie jene Gestalt zum Umkreis, der Gott ist, emporsteigt, während der Körper zum Mittelpunkt hinsinkt, wo ebenfalls Gott ist? Denn die Bewegung aller ist auf Gott gerichtet. Wie Mittelpunkt und Umfang in Gott eines sind, so werden einmal auch der Körper und die Seele, obwohl er zum Mittelpunkt hinab- und sie zum Umkreis emporzusteigen scheint, in Gott wiederum vereint werden; dabei endet nicht jede Bewegung, sondern nur jene, die zur Fortpflanzung führt. Die wesenhaften Teile der Welt müssen zurückkehren; die aufeinanderfolgende Fortpflanzung, ohne die die Welt nicht bestehen kann, endet. Auch der Geist der Einheit kehrt zurück und verknüpft die Möglichkeit mit ihrer Gestalt.
Dies jedoch wird kein Mensch von sich aus wissen können, wenn nicht Gott es ihm unmittelbar offenbart hat. Mag auch niemand zweifeln, daß der beste Gott alles auf sich hin geschaffen hat und nicht will, daß etwas des von ihm Geschaffenen verloren geht; weiß man auch, daß Gott allen, [p.411] die ihn verehren, überreich vergilt – die Art seines gegenwärtigen Tuns und seiner zukünftigen Vergeltung weiß nur er, der sein eigenes Tun ist.
Später werde ich trotzdem einiges diesbezüglich sagen, soweit mir die Eingebung göttlicher Wahrheit zuteil wird; für jetzt soll es genügen, dies in unserer Unwissenheit berührt zu haben.Einzelnachweise
- ↑ 103.15
- ↑ 103.20
- ↑ [p.104]
- ↑ 104.5
- ↑ 104.10
- ↑ 104.15
- ↑ 104.20
- ↑ [p.105]
- ↑ fol.22r
- ↑ 105.5
- ↑ 105.10
- ↑ 105.15
- ↑ 105.20
- ↑ 105.25
- ↑ [p.106]
- ↑ 106.5
- ↑ 106.10
- ↑ 106.15
- ↑ 106.20
- ↑ 106.25
- ↑ [p.107]
- ↑ 107.5
- ↑ fol.22v
- ↑ 107.10
- ↑ 107.15
- ↑ 107.20
- ↑ [p.108]
- ↑ 108.10
- ↑ 108.15
- ↑ 108.25
- ↑ 108.30
- ↑ 109.5
- ↑ 109.10
- ↑ 109.15
- ↑ fol.23r
- ↑ 109.20
- ↑ 109.25
- ↑ [p.110]
- ↑ 110.5
- ↑ 110.10