De docta ignorantia Liber secundus Capitulum II.
Capitulum II.
Quod esse creaturae sit inintelligibiliter ab esse primi.
Docuit nos sacra ignorantia in prioribus nihil a se esse nisi maximum simpliciter, ubi a se, in se, per se et ad se idem sunt: ipsum [1] scilicet absolutum esse; necesseque esse omne, quod est, id quod est – inquantum est –, ab ipso esse. Quomodo enim id, quod a se non est, aliter esse posset quam ab aeterno esse? Quoniam autem ipsum maximum procul est ab omni invidia, non potest esse diminutum ut tale communicare. Non habet igitur creatura, quae ab esse est, omne [2] id quod est: corruptibilitatem, divisibilitatem, imperfectionem, diversitatem, pluralitatem et cetera huiusmodi a maximo aeterno, indivisibili, perfectissimo, indistincto, uno, neque ab aliqua causa positiva.
Kapitel II.
Auf eine Weise, die nicht eingesehen werden kann, stammt das Sein des Geschöpfes vom Sein des Ersten.
Die heilige Unwissenheit hat uns belehrt, daß im Ersten nichts aus sich sei außer dem schlechthin Größten; in ihm sind aus-sich, in-sich, durch-sich und auf-sich hin dasselbe, nämlich das absolute Sein selbst. Sie hat uns ferner gelehrt, daß notwendig alles, was ist, das, was es ist und soweit es ist, von ihm ist.
Denn wie könnte das, was nicht aus sich ist, anders als vom Ewigen sein? Da aber jede Beeinträchtigung dem Größten fern ist, kann es nichts Mangelhaftes als solches mitteilen. Das Geschöpf, das in der Abhängigkeit vom Sein das ist, was es ist, hat Vergänglichkeit, Teilbarkeit, Unvollkommenheit, Verschiedenheit, Vielheit und dergleichen weder vom Größten Ewigen, Unteilbaren, Vollkommensten, Ununterschiedenen, Einen noch von einer anderen, positiven Ursache.Sicut enim linea infinita est rectitudo infinita, quae est causa omnis esse linealis, linea vero curva, in hoc quod linea, ab infinita est, [3] in hoc quod curva, non ab infinita est, sed curvitas sequitur finitatem, quoniam ex eo curva, quia non maxima – si enim maxima esset, curva non esset, ut superius est ostensum –: ita quidem contingit [4] rebus, quoniam maximum esse non possunt, ut sint diminuta, altera, distincta et cetera huiusmodi, quae quidem causam non habent. Habet igitur creatura a Deo, ut sit una, discreta et connexa universo et, quanto magis una, tanto Deo similior. Quod autem eius unitas [5] est in pluralitate, discretio in confusione et connexio in discordantia, a Deo non habet neque ab aliqua causa positiva, sed contingenter.
Wie nämlich die unendliche Linie die unendliche Geradheit, der Grund jeden Linien-Seins ist, die gekrümmte Linie aber, sofern sie Linie ist, von der unendlichen stammt, sofern sie jedoch gekrümmt ist, nicht von der unendlichen stammt, die Krümmung vielmehr der Endlichkeit folgt – denn sie ist deshalb gekrümmt, weil sie nicht die größte ist: als größte wäre sie, wie oben gezeigt, nicht gekrümmt –, so trifft es auch für die Dinge zu; da sie nicht das Größte sein können, sind sie vermindert, anders, verschieden und dergleichen mehr. Doch hat das keinen Grund.
[p.325] Von Gott ist dem Geschöpf zuteil geworden, daß es geeint, unterschieden und mit dem Gesamt verknüpft ist; je mehr geeint es ist, um so ähnlicher ist es Gott. Die Tatsache, daß seine Einheit in Vielheit, seine Sonderung Verwirrung und seine Verknüpfung Zwiespalt ist, stammt nicht von Gott oder einer positiven Ursache, sondern sie tritt hinzu.Quis igitur copulando simul in creatura necessitatem absolutam, a qua est, et contingentiam, sine qua non est, potest intelligere esse eius? Nam videtur, quod ipsa creatura, quae nec est Deus nec nihil, [6] sit quasi post Deum et ante nihil, intra Deum et nihil, ut ait unus sapientum: «Deus est oppositio nihil mediatione entis.[7]» Nec tamen potest esse ab esse et non-esse composita. Videtur igitur neque esse, per hoc quod descendit de esse; neque non esse, quia est ante nihil; neque compositum ex illis. Noster autem intellectus, qui nequit [8] transilire contradictoria, divisive aut compositive esse creaturae non attingit, quamvis sciat eius esse non esse nisi ab esse maximi. Non est igitur ab esse intelligibile, postquam esse, a quo, non est intelligibile, sicut nec adesse accidentis est intelligibile, si substantia, cui adest, non intelligitur. Et igitur non potest creatura ut creatura dici una, [9] quia descendit ab unitate; neque plures, quia eius esse est ab uno; neque ambo copulative. Sed est unitas eius in quadam pluralitate contingenter. Ita de simplicitate et compositione et reliquis oppositis pariformiter dicendum videtur.
Wer also, der im Geschöpf die absolute Notwendigkeit, von der es ist, und das Zufällige, ohne welches es nicht ist, verbindet, kann sein Sein denkend verstehen? Es scheint nämlich, daß das Geschöpf, das weder Gott noch Nichts ist, gleichsam nach Gott und vor dem Nichts, zwischen Gott und dem Nichts steht, wie auch ein Weiser sich ausdrückt: «Durch die Vermittlung des Seienden ist Gott der Gegensatz des Nichts.» Dennoch kann das Geschöpf nicht aus Sein und Nicht-Sein zusammengesetzt sein. Es scheint weder zu sein, denn es steigt vom Sein herab; noch nicht zu sein, denn es steht vor dem Nichts; noch scheint es aus beiden zusammengesetzt zu sein.
Unser Geist aber, dem es nicht möglich ist, die Widersprüche zu überwinden, vermag das Sein des Geschöpfes weder auf getrennte noch auf zusammengesetzte Weise zu erreichen, obwohl er weiß, daß sein Sein nur aus dem Sein des Größten stammen kann. Weil das Sein, aus dem es ist, nicht einsehbar ist, ist auch das Sein-vom-Sein nicht einsehbar; ebensowenig wie das Dasein des Hinzukommenden einsichtig ist, wenn die Substanz, zu der es hinzukommt, nicht verstanden wird. Also kann das Geschöpf, da es von der Einheit herabsteigt, als Geschöpf nicht eines genannt werden, noch mehrere, denn sein Sein stammt vom Einen, noch beides in Verbindung. Seine Einheit besteht vielmehr in einer auf bestimmte Weise zusammengefügten Mehrheit. Dasselbe scheint man von der Einfachheit, der Zusammensetzung und den übrigen Gegensätzen sagen zu müssen.Quoniam vero creatura per esse maximi creata est, in maximo [10] vero idem est esse, facere et creare, tunc non aliud videtur esse creare quam Deum omnia esse. Si igitur Deus est omnia et hoc est creare, quomodo intelligi hoc poterit, quod creatura non est aeterna, cum Dei esse sit aeternum, immo ipsa aeternitas? Inquantum enim [11] ipsa creatura est esse Dei, nemo dubitat esse aeternitatem; inquantum igitur cadit sub tempore, non est a Deo, qui est aeternus. Quis igitur intelli|git creaturam ab aeterno et cum hoc temporaliter esse? [12] Non potuit enim creatura in esse ipso in aeternitate non esse neque [13] potuit prius tempore esse, quando ante tempus non fuit prius; et ita semper fuit, quando esse potuit.
Da aber das Geschöpf durch das Sein des Größten geschaffen ist, im Größten jedoch Sein, Tun und Erschaffen dasselbe sind, scheint «Erschaffen» nichts anderes zu bedeuten, als [14] daß Gott alles ist. Wenn also Gott alles ist und dies Schaffen bedeutet, wie soll man dann einsehen, daß das Geschöpf nicht ewig ist, während Gottes Sein ewig, ja sogar die Ewigkeit selbst ist? Insoweit das Geschöpf Gottes Sein ist, bezweifelt niemand, daß es die Ewigkeit sei. Insoweit es aber der Zeit unterworfen ist, ist es nicht von Gott, der ewig ist. Wer versteht also, daß das Geschöpf vom Ewigen stammt und zugleich zeitlich ist? Denn im Sein selbst mußte das Geschöpf in Ewigkeit sein und es konnte nicht früher in der Zeit sein, da es kein «früher» vor der Zeit gab. Und so war es immer, wenn es sein konnte.
Quis denique intelligere potest Deum esse essendi formam nec tamen immisceri creaturae? Non enim ex infinita linea et finita curva potest unum exoriri compositum, quod absque proportione [15] esse nequit. Proportionem vero inter infinitum et finitum cadere non posse nemo dubitat. Quomodo igitur capere potest intellectus esse lineae curvae ab infinita recta esse, quae tamen ipsam non informat ut forma, sed ut causa et ratio? Quam quidem rationem non potest participare partem capiendo, cum sit infinita et [16] indivisibilis; aut ut materia participat formam, ut Socrates et Plato humanitatem; aut ut totum participatur a partibus, sicut universum a suis partibus; nec ut plura specula eandem faciem diversimode, cum non sit esse creaturae ante ab esse, cum sit ipsum, – sicut speculum ante est speculum quam imaginem faciei recipiat.
Wer kann schließlich verstehen, daß Gott die Gestalt des Seins ist und sich doch nicht mit dem Geschöpf vermischt? Denn aus der unendlichen Linie und der endlichen, gekrümmten Linie kann nicht ein Eines, Zusammengesetzes entstehen. Es könnte nicht ohne Verhältnisbezug sein und niemand zweifelt daran, daß es diesen zwischen dem Unendlichen und Endlichen nicht geben kann. Wie also kann der Geist begreifen, daß das Sein der gekrümmten Linie von der unendlichen, geraden Linie stammt, die jene dennoch nicht als Gestalt bildet, sondern als Bestimmungsgrund und Wesenssinn?
Da der Wesenssinn unendlich und unteilbar ist, kann sie an ihm nicht dadurch teilhaben, daß sie sich einen Teil davon zu eigen macht; oder dadurch, daß sie an ihr wie der Stoff an der Gestalt teilhat, so wie Sokrates und Plato an der Menschheit; sie kann auch nicht dadurch teilhaben, daß die Teile am Ganzen so partizipieren wie es beim Gesamt der Fall ist; noch so, wie viele Spiegel ein und dasselbe Angesicht auf verschiedene Weise wiedergeben. Denn das Sein des Geschöpfes gibt es nicht vor dem Sein-vom-Sein, so als wäre es dies wie der Spiegel, der schon vorher Spiegel ist, bevor er das Bild des Antlitzes aufnimmt.
[17] Quis est igitur, qui intelligere queat, quomodo diversimode una infinita forma participetur in diversis creaturis, cum creaturae esse non possit aliud esse quam ipsa resplendentia, non in aliquo alio positive recepta, sed contingenter diversa? Quemadmodum fortassis, si penitus artificiatum ab idea artificis dependens non haberet aliud [18] esse quam dependentiae, a quo haberet esse et sub cuius influentia conservaretur, sicut imago speciei in speculo, – posito, quod speculum ante aut post per se et in se nihil sit.
[19] Neque potest intelligi, quomodo Deus per creaturas visibiles possit nobis manifestus fieri; nam non sicut intellectus noster solum Deo et nobis cognitus, qui, dum in cogitationem venerit, ex quibusdam phantasiis formam quandam in memoria recipit coloris aut soni aut [20] alterius, qui prius informis fuit et post hoc aliam assumens signorum, vocum aut litterarum formam se aliis insinuat. Nam quamvis Deus propter suam cognoscendam bonitatem – ut religiosi volunt – aut ex eo, quia maxima absoluta necessitas, creavit mundum, qui ei oboediat, ut sint qui cogantur et eum timeant et quos iudicet, vel aliter: [21] tamen manifestum est eum nec aliam formam induere, cum sit forma omnium formarum, nec in positivis signis apparere, cum ipsa signa pariformiter in eo, quod sunt, alia requirerent, in quibus, et ita in infinitum.
Wer könnte verstehen, wie die verschiedenen Geschöpfe an der einen unendlichen Gestalt auf verschiedene Weise teilnehmen, da das Sein des Geschöpfes nichts anderes sein kann als deren Widerschein, der in keinem andern positiv aufgenommen, sondern zufällig und verschieden ist? So hätte [p.329] wohl ein völlig von der Idee des Künstlers abhängiges Kunstwerk kein anderes Sein als das der Abhängigkeit, von der es sein Sein hätte, und unter deren Einfluß es erhalten würde, wie das Bild einer Gestalt im Spiegel erhalten wird, vorausgesetzt, daß der Spiegel vorher oder nachher durch sich und in sich nichts wäre.
Es ist auch unverständlich, wie uns Gott durch sichtbare Geschöpfe offenbar werden könnte. Denn er ist nicht wie unser, nur Gott und uns bekannter Geist, der, sobald er zu überlegen beginnt, aus irgendwelchen Vorstellungen, aus Farbe, Klang oder etwas anderem, eine bestimmte Gestalt in sein Gedächtnis aufnimmt. Zuerst ist er formlos, dann nimmt er die fremde Form von Zeichen, Worten oder Buchstaben an und geht in diese ein. Obwohl Gott entweder – wie es die Frommen wollen –, um seine Güte zu offenbaren, oder weil er die größte, absolute Notwendigkeit ist, die ihm gehorchende Welt erschaffen hat, damit es welche gibt, die ihm Untertan sind, ihn fürchten und über die er richtet, oder aus einem andern Grund, so ist dennoch offenkundig, daß er als Gestalt aller Gestalten keine andere annimmt noch in bestimmten Zeichen erscheint, da diese gleichermaßen in dem, was sie sind, anderes erforderten, in welchem sie wären, und so weiter ins Unendliche.Quis ista intelligere posset, quomodo omnia illius unicae infinitae [22] formae sunt imago, diversitatem ex contingenti habendo, quasi creatura sit Deus occasionatus sicut accidens substantia occasionata et mulier vir occasionatus? Quoniam ipsa forma infinita non est nisi finite recepta, ut omnis creatura sit quasi infinitas finita aut Deus creatus, ut sit eo modo, quo hoc melius esse possit; ac si dixisset [23] creator: «Fiat», et quia Deus fieri non potuit, qui est ipsa aeternitas, hoc factum est, quod fieri potuit Deo similius. Ex quo subinfertur omnem creaturam ut talem perfectam, etiam si alterius respectu minus perfecta videatur. Communicat enim piissimus Deus esse omnibus eo modo, quo percipi potest. Cum igitur Deus absque diversitate et [24] invidia communicet et recipiatur, ita quod aliter et alterius contingentia recipi non sinat, quiescit omne esse creatum in sua perfectione, quam habet ab esse divino liberaliter, nullum aliud creatum esse appetens tamquam perfectius, sed ipsum, quod habet a maximo, praediligens quasi quoddam divinum munus, hoc incorruptibiliter [25] perfici et conservari optans.
Wer kann verstehen, wie alles das Bild dieser einzigen, unendlichen Gestalt ist und die Verschiedenheit nur aus Zufälligem hat, als wäre das Geschöpf gleichsam ein zufälliger Gott, so wie das Akzidens eine zufällige Substanz und die Frau ein zufälliger Mann ist? Die unendliche Gestalt ist nur auf endliche Weise aufgenommen, so daß jedes Geschöpf eine endliche Unendlichkeit oder ein geschaffener Gott ist und dies auf die bestmögliche Weise. Und wenn der Schöpfer gesagt hat «Es werde», so ist dies geworden, was Gott ähnlicher werden konnte, da er selbst als Ewigkeit nicht werden konnte.
Daraus ergibt sich zugleich, daß jedes Geschöpf als solches vollkommen ist, auch wenn es aus anderer Sicht weniger vollkommen zu sein scheint. Denn der gütigste Gott teilt das Sein allen so zu, wie sie es aufnehmen können. Da also Gott ohne Unterschied und Beeinträchtigung mitteilt und [p.331] seine Gaben so aufgenommen werden, daß sie nicht anders und nicht von einem anderen aufgenommen werden können, ruht jedes geschaffene Sein in seiner Vollkommenheit, die es vom göttlichen Sein in Fülle erhalten hat und trachtet nicht danach, ein anderes Geschöpf zu sein, als ob es dadurch vollkommener wäre. Es liebt vielmehr in vorzüglicher Weise das, was es vom Größten erhalten hat als göttliches Geschenk und wünscht, dies auf unvergängliche Weise zu vollenden und zu bewahren.Einzelnachweise
- ↑ 65.15
- ↑ 65.20
- ↑ 65.25
- ↑ [p.66]
- ↑ 66.5
- ↑ 66.10
- ↑ [Hermes Trismegistus] Liber XXIV philosophorum, propos. 14 (ed. Baeumker, Studien u. Charakt. z. Gesch. d. Phil., BGPM XXV 1-2, p. 211, 24).
- ↑ 66.15
- ↑ 66.20
- ↑ 66.25
- ↑ [p.67]
- ↑ fol.14r
- ↑ 67.5
- ↑ [p.327]
- ↑ 67.10
- ↑ 67.15
- ↑ 67.20
- ↑ 67.25
- ↑ [p.68]
- ↑ 68.5
- ↑ 68.10
- ↑ 68.15
- ↑ 68.20
- ↑ 68.25
- ↑ 68.30