Werk:Phaidon (Platon)/95b-99d
◀▷Folglich, Bester, ist es keineswegs richtig von uns zu behaupten, daß die Seele eine Stimmung ist. [1] Denn weder würden wir, wie es scheint, mit Homer, dem göttlichen Dichter, übereinstimmen noch mit uns selbst.
So ist es, sprach er.
[2] Nun gut, sagte Sokrates, die Sache mit der Thebanischen Harmonia[3] ist für uns, wie es scheint, noch ganz leidlich ausgegangen. Wiesteht es aber nun mit der des Kadmos,[4] Kebes, wie versöhnen wir uns damit und durch welche Rede?
Das wirst du, glaube ich, schon herausfinden, sprach Kebes, die Rede gegen die Stimmung jedenfalls hast du für mich wider Erwarten ganz wunderbar ausgeführt. Denn als Simmias sagte, was ihn ratlos machte, fragte ich mich ganz verwundert, ob jemand mit seiner Rede etwas anfangen könne. [5] Ganz unfaßbar schien es mir daher, daß sie gleich dem ersten Anlauf deiner Rede nicht standhielt. Also würde ich mich auch nicht wundern, wenn dies auch der Rede des Kadmos widerfahren würde.
Guter, sagte Sokrates, keine großen Worte, damit uns nicht ein Zauber die Rede verdrehe,[6] die wir führen wollen. Doch dafür möge Gott sorgen, wir aber wollen, indem wir in Homerischer Weise[7] näher treten, prüfen, ob du wohl etwas sagst. Offenbar ist die Hauptsache von dem, was du suchst, dieses: Du willst, es solle gezeigt werden, daß unsere Seele unvergänglich und unsterblich ist, wenn ein [8] philosophischer Mensch, der mi Begriff ist zu sterben und dabei zuversichtlich ist und glaubt, es gehe ihm, wenner gestorben ist, dort gut, anders, als wenn er einer anderen Lebensweise folgend gestorben wäre, nicht auf törichte und einfältige Weise zuversichtlich sein soll. Aufzuzeigen aber, daß die Seele etwas Starkes und Gottgleiches ist und schon war, bevor wir Menschen geboren wurden, das alles hindere nicht daran, sagst du, nicht etwa Unsterblichkeit anzuzeigen, sondern nur, daf die Seele dauerhaft ist und früher irgendwo unvorstellbar lange gewesen ist und viele Dinge gewußt und getan hat. Aber [9] deswegen sei sie noch um nichts mehr unsterblich, sondern gerade, daß sie in den menschlichen Körper gekommen ist, sei für sie der Anfang vom Untergang gewesen, so wie eine Krankheit.[10] Und große Leiden erduldend bringe sie dieses Leben zu und gehe zuletzt in dem, was man Tod nennt, unter. Es mache also keinen Unterschied, behauptest du, ob sie einmal in einen Körper kommt oder oftmals, in Hinsicht darauf jedenfalls, daß jeder von uns sich fürchten müsse. Denn es sei für jeden angebracht, sich zu fürchten – sofern er nicht töricht ist –, der nicht weiß und auch keine Rechenschaft darüber geben kann, daß sie unsterblich ist. [11] Dieses etwa ist es, glaube ich, Kebes, was du meinst; absichtlich nehme ich es mehrfach wieder auf,[12] damit uns nicht etwas entgehe und du, wenn du willst, noch etwas hinzufügen oder wegnehmen kannst.
Da sagte Kebes: Aber ich habe im Augenblick weder etwas wegzunehmen noch hinzuzufügen; es ist das, was ich meine.[13]▷
—Übrstzng F.S.◀▷[14] Sokrates hielt nun geraume Zeit inne und sagte, nachdem er bei sich etwas geprüft hatte: Keine schlechte Sache suchst du, Kebes. Denn wir müssen uns nun überhaupt mit der Ursache des [15] Entstehens und Vergehens beschäftigen.[16] Ich schildere dir also, wenn du willst, wie es mir damit ergeht. Wenn dir nun etwas von dem, was ich sage, brauchbar erscheint zur Überzeugung von dem, worüber du sprichst, so gebrauche es.
Gewiß, sagte Kebes, das will ich.
So höre denn, was ich sagen werde.[17] Ich hatte nämlich, Kebes, als ich jung war, eine außerordentliche Begierde nach jener Weisheit, die man die Naturforschung nennt. Denn großartig schien es mir zu sein, die Ursachen von allem zu wissen, wodurch jedes entsteht, wodurch es vergeht und wodurch es besteht. [18] Und oftmals wendete ich mich hin und her, indem ich zuerst folgendes untersuchte: Ob wohl, wenn das Warme und das Kalte in Fäulnis gerät, dann wirklich, wie manche behauptet haben,[19] die Lebewesen mitentstehen? Und ob es das Blut[20] ist, durch das wir denken, oder die Luft[21] oder das Feuer?[22] Oder nichts von alledem, sondern daß es das Gehirn[23] ist, das die Wahrnehmungen des Hörens und Sehens und Riechens hervorruft, aus diesen aber entstehe Gedächtnis und Vorstellung, und aus Gedächtnis und Vorstellung, wenn sie Beständigkeit erlangt haben, entstehe demgemäß Erkenntnis? Und als ich wiederum das Vergehen von diesen untersuchte und die Vorgänge am Himmel und auf der Erde, [24] schien ich mir selbst am Ende zu dieser Untersuchung so untauglich zu sein wie zu nichts sonst. Ich werde dir hierfür ein hinreichendes Zeugnis geben: Was ich nämlich zuvor sicher wußte, wie es wenigstens mir selbst und den anderen schien, darin erblindete ich damals infolge dieser Untersuchungen so sehr, daß ich auch das verlernte, was ich davor zu wissen glaubte; so unter vielen Dingen auch, wodurch der Mensch wächst. Dies nämlich, glaubte ich zuvor, sei jedem klar, daß es durch das Essen und Trinken kommt. Denn wenn aus der Nahrung zum Fleisch Fleisch hinzukommt [25] und zu den Knochen Knochen, und so, nach demselben Grundsatz, auch zu allem anderen das ihm Verwandte, dann werde die geringe Masse mit der Zeit mehr und so werde der kleine Mensch groß. So glaubte ich damals – scheint dir das nicht ganz angemessen zu sein?
Doch, sagte Kebes.
Untersuche aber auch dies noch: Ich glaubte nämlich, es sei hinreichend zu meinen, daß ein Mensch, wenn er neben einem kleinen stehend groß erscheine, durch eben seinen Kopf größer sei, [26] und ebenso ein Pferd im Vergleich mit einem anderen Pferd. Und noch deutlicher als dieses ist: Zehnschien mir mehr als acht zu sein, weil noch zwei dabei sind, und was zwei Ellen mißt, schien mir mehr, als was eine Elle mißt, weil es dieses um die Hälfte übertrifft.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Und jetzt, fragte Kebes, wie scheint es dir jetzt damit?
Weit entfernt, sagte er, bin ich, bei Zeus, davon zu glauben, von diesen Dingen die Ursache zu wissen, der ich es ja nicht einmal mir selbst abnehme, daß, wenn jemand zu einem eins hinzufügt, dann entweder das eine, dem es hinzugefügt wurde, zwei geworden ist oder das Hinzugefügte und das, dem es hinzugefügt wurde, [27] durch die Hinzufügung des einen zum anderen zwei geworden sind. Denn ich wundere mich, wie denn, als jedes von ihnen getrennt vom anderen war, jedes offenbar eins war und sie damals nicht zwei waren, nachdem sie sich aber einander genähert hatten, dies offenbar die Ursache dafür gewesen ist, daß sie zwei geworden sind, die Vereinigung, daß man sie nahe aneinander gesetzt hat. Und auch nicht, wenn jemand eins zerspaltet, kann ich mich noch dazu überreden, daß dieses wiederum, die Spaltung, die Ursache dafür wurde, daß es zwei geworden sind.
[28] Denn das wäre die entgegengesetzte Ursache des Zwei-Werdens zu der damaligen. 04 Damals nämlich, weil sie nahe zueinander gebracht wurden und das eine zum anderen hinzugefügt wurde, nun aber, weil das eine vom anderen weggeführt und getrennt wird. Auch nicht, dais ich weifs, weswegen eins wird, kann ich mich selbst noch zu überreden versuchen, noch irgend etwas anderes, kurz: weswegen etwas entsteht oder vergeht oder besteht, nämlich nach dieser Art der Untersuchung, sondern eine andere Art mische ich mir aufs Geratewohl zusammen, diese aber lasse ich auf keinen Fall zu.
[29] Aber als ich einmal jemanden aus einem Buch, wie er sagte, von Anaxagoras,[30] vorlesen und sagen hörte, [31] daß die Vernunft es ist, die alles ordnet und die die Ursache aller Dinge ist,[32] da freute ich mich über diese Ursache, und es schien mir in gewisser Weise richtig zu sein, daß die Vernunft die Ursache aller Dinge sei; und ich glaubte, daß, wenn sich das so verhält, dann gewiß die ordnende Vernunft alles ordnet und jedes so stellt, wie es am besten ist. Wenn also jemand die Ursache finden wolle, wie jedes entsteht oder vergeht oder besteht, so müsse er dieses von ihm finden, wie es für es am besten wäre zu sein oder irgend etwas sonst zu erleiden oder zu tun.[33] [34] Nach dieser Rede käme es folglich dem Menschen sowohl in bezug auf sich selbst als auch auf alles andere zu, nach nichts anderem Ausschau zu halten als nach dem Zweckmäßigsten und Besten. Notwendig werde derselbe auch das Schlechtere wissen, denn die Erkenntnis von beiden sei dieselbe. Indem ich dies nun bedachte, freute ich mich und glaubte, einen Lehrer für die Ursache des Seienden gefunden zu haben, der nach meinem Sinn[35] wäre, eben den Anaxagoras, und er werde mir zuerst sagen, ob die Erde flach ist oder rund,[36] nachdem er es mir aber gesagt habe, [37] werde er mich ferner über die Ursache und Notwendigkeit davon belehren, indem er sage, was das Bessere ist und daß es für sie besser sei, wenn sie so beschaffen wäre.[38] Und wenn er behauptete, sie sei in der Mitte,[39] werde er mich belehren, daß es besser für sie sei, in der Mitte zu sein. …▷
—Übrstzng F.S.◀▷[40] Wenn er mir dies aufzeigen würde, war ich gewillt, niemals mehr eine andere Art von Ursache zu begehren. Und ebenso war ich gewillt, mich auch über die Sonne auf die gleiche Weise zu erkundigen, auch über den Mond und die anderen Sterne, über ihre Geschwindigkeit im Verhältnis zueinander, ihre Richtungen und ihre anderen Eigenschaften, inwiefern es wohlfür jedes besser ist, das zu tun und zu erleiden, was es erleidet. Denn ich glaubte ja nicht, daß er, nachdem er behauptet hatte, alles sei von der Vernunft geordnet, irgendeine andere Ursache dafürhinzuziehen würde, als daß es am besten sei, wenn sie sich so verhalten, wie sie sich eben verhalten. [41] Indem er nun für jedes einzelne von ihnen und für alles insgesamt die Ursache angebe, werde er, glaubte ich, mich auch über das für jedes Beste und das für alle gemeinsame Gute belehren. Nicht um alles in der Welt hätte ich diese Hoffnung drangegeben, sondern voller Eifer nahm ich seine Bücher und las sie, so schnell ich nur konnte, um so schnell wie möglich das Beste und das Schlechtere zu erkennen.
[42] Dieser außerordentlichen Hoffnung, Freund, wurde ich beraubt, als ich voranschritt im Lesen und sah, daß der Mensch die Vernunft gar nicht gebraucht und auch keine Ursachen für die Ordnung der Dinge angibt, [43] sondern Luft und Äther und Wasser vorschiebt und viele andere sonderbare Dinge.[44] Und mir schien, ihm sei ganz dasselbe widerfahren, wie wenn jemand sagen wollte: Sokrates tut alles, was er tut, mit Vernunft, und wenn er es daraufhin unternähme, die Ursachen von allem, was ich tue, anzuführen, er zuerst sagen wollte, daß ich jetzt deswegen hier säße, weil mein Körper aus Knochen und Sehnen zusammengefügt ist, und die Knochen seien hart und durch Gelenke voneinander getrennt, die Sehnen aber seien so beschaffen, [45] daß sie angespannt und losgelassen werden könnten, und sie umgäben die Knochen mitsamt dem Fleisch und der Haut, die sie zusammenhält. Da sich nun die Knochen in ihren Gelenken frei bewegten, bewirkten die Sehnen, indem ich sie entspanne und anspanne, daß ich nun in der Lage sei, die Glieder zu beugen, und aus dieser Ursache säße ich zusammengebeugt hier. Auch dafür, daß ich mich mit euch unterhalte, könnte er wiederum andere Ursachen dieser Art anführen, indem er Töne und Luft und das Gehör und tausend anderes dergleichen vorschieben würde, [46] unbekümmert darum, die wahren Ursachen anzuführen: daß, nachdem es den Athenern besser zu sein schien, mich zu verurteilen, es deshalb auch mir wiederum besser erschien, hier sitzen zu bleiben, und gerechter, auszuharren und die Strafe zu erdulden, die sie angeordnet haben. …▷
—Übrstzng F.S.◀▷… Denn sonst, beim Hunde!, wären, wie ich meine, diese Sehnen und [47] Knochen schon lange in Megara oder bei den Boiotiern,[48] von der Vorstellung des Besten in Bewegung gesetzt, wenn ich nicht geglaubt hätte, es sei gerechter und schöner, statt zu fliehen und davonzulaufen, der Stadt die Strafe abzuleisten, welche auch immer sie anordnet.[49] Aber derartige Ursachen anzuführen, ist allzu sonderbar. Wenn jedoch jemand sagen wollte, daß ich, ohne so etwas zu haben wie Knochen und Sehnen und was ich sonst habe, nicht in der Lage wäre, das zu tun, was mir richtig erscheint, dann hätte er wohl recht; daß ich allerdings deshalb tue, was ich tue, und es deshalb mit Vernunft tue, nicht aber wegen der Wahl des Besten, [50] das wäre eine gewaltige und große Nachlässigkeit der Rede. Denn das hieße, nicht imstande zu sein zu unterscheiden, daß für jedes Seiende wohl eines das Verursachende ist, ein anderes aber jenes, ohne das das Verursachende nicht Verursachendes sein könnte. Das scheinen mir die meisten, gleichsam mi Dunkeln herumtappend, mit einem unpassenden Namen zu bezeichnen, als sei es das Verursachende selbst.[51] Deshalb umgibt der eine die Erde mit einem Wirbel[52] und läßt sie so unter dem Himmel bleiben, der andere unterlegt ihr, wie einem breiten Trog[53] einen Sockel, die Luft als Stütze.[54] Die Kraft aber, [55] durch die alles jetzt so liegt, wie es am besten war, gelegt zu werden, die suchen sie weder noch glauben sie, daß ihr göttliche Macht zukommt, sondern sie meinen, sie hätten wohl einen Atlas[56] ausfindig gemacht, der stärker und unsterblicher wäre und alles besser zusammenhielte als dieser; daß in Wahrheit das Gute und Erforderliche verbindet und zusammenhält, das glauben sie nicht.[57] Ich wäre nun darin, wie es sich wohl mit einer derartigen Ursache verhält, gerne jedermanns Schüler geworden. Weil ich aber der Möglichkeit beraubt und weder imstande war, es selbst zu finden noch es von einem anderen zu lernen – willst du, daß ich dir von der zweiten Fahrt[58] auf der [59] Suche nach der Ursache, wie ich sie unternommen habe, eine Beschreibung gebe, Kebes?
Über die Maßen, sprach er, wil ich das.
[60] Es schien mir nämlich nach diesen Erfahrungen, sagte er, als ich die Betrachtung der Dinge aufgegeben hatte, ich müsse mich davor in acht nehmen, daß mir nicht das widerfahre, was denen widerfährt, die die Sonnenfinsternis anschauen und betrachten: Es verderben sich nämlich manche die Augen, [61] wenn sie nicht im Wasser oder etwas anderem dieser Art das Bild der Sonne betrachten. So etwas bemerkte ich auch und ich fürchtete, ich könnte ganz und gar an der Seele geblendet werden, wenn ich die Dinge mit den Augen ansehe und versuche, sie mit jedem der Sinne zu fassen. Es schien mir also, ich müsse, indem ich zu den Reden Zuflucht nehme, in jenen die Wahrheit des Seienden betrachten. …▷
—Übrstzng F.S.- ↑ [95.A]
- ↑ 44.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.126
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.128
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.128
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.129
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.130
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.131
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.132
- ↑ 45.
- ↑ [96.A]
- ↑
- ↑ ▷ 134. Die sich anschließende philosophische Autobiographie des Sokrates nennt drei Stadien auf dem Weg der Ursachenforschung: 1. Prüfung der Antworten auf die Ursachenfrage, die die ionische Naturphilosophie gab (96a-97b); 2. Erwartung, die anaxagoreische Nous-Lehre sei die gesuchte Antwort (97b-99c); 3. aufgrund enttäuschter Erwartung die eigene Suche nach der Ursache (99e ff.).
- ↑ [B]
- ↑ ▷ 135. Z.B. Archelaos, Schüler des Anaxagoras: »Er stellte zwei Urgründe des Werdens auf, Wärme und Kälte. Die lebenden Wesen sind nach ihm aus dem Schlamm entstanden ... Die lebenden Wesen, sagt er, entstehen aus der Erde, die in (durch die Sonne) erwärmtem Zustand einen milchähnlichen Schlamm als Nahrungsstoff hervortreten läßt; und der hat dann auch zur Menschenschöpfung geführt.« (II, 16-17; Diogenes Laertius, S. 81). Ähnliches vertrat anscheinend auch Empedokles.
- ↑ ▷ 136. Wie Empedokles glaubte: »In den Fluten des Blutes, das entgegenspringt, ist (die Denkkraft) ernährt, wo gerade das Denken nach Meinung der Menschen seinen Sitz hat. Denn das das Herz umströmende Blut ist dem Menschen die Denkkraft.« (Fragm. 105, Capelle, S. 234).
- ↑ ▷ 137. 137 So Anaximenes. »Anaximenes erklärte für den Urgrund der Dinge die Luft. Denn aus dieser entstände alles und in diese löse sich alles wieder auf. Sagt er doch: ›Wie unsere Seele, die Luft ist, uns regiert, so umfaßt auch den ganzen Kosmos Hauch und Luft.«* (Aetius I, 3, 4, nach Capelle, S. 95). Ähnliches vertrat auch Diogenes von Apollonia, ein Hörer des Anaximenes. Er schrieb offenbar der Luft die Eigenschaften zu, die Anaxagoras dem Nous zusprach (s. Anm. 142). Damit vermied er, was er an Anaxagoras kritisierte, nämlich den Nous gesondert vom Stofflichen anzusetzen.
- ↑ ▷ 138. Wie Heraklit glaubte: »Alles ist Austausch des Feuers und das Feuer Austausch von allem ...« (Fragm. 90) und: »Er (Heraklit) sagte aber auch, daß ein Gericht über die Welt und ale Dinge in ihr durch das Feuer stattfinden wird, wie folgende Worte zeigen: ›Alle Dinge steuert der Blitz, d. h. er lenkt sie. Unter »Blitze versteht er hier das ewige Feuer. Er sagt auch, dies Feuer sei vernunftbegabt, und es regiere alle Dinge …« (Fragm. 63-66, nach Capelle, S. 141).
- ↑ ▷ 139. Die Sicht des Alkmaion, Schüler des Pythagoras. Dieser lehrte, »daß sämtliche Sinnesvermögen irgendwie mit dem Gehirn zusammenhängen. Daher litten sie auch Schaden, wenn dieses erschüttert wurde und seine Lage verändere.« (Theophrast, Von den Sinneswahrnehmungen 26, nach Capelle, S. 109).
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [97.A]
- ↑ [B]
- ↑ 46.
- ↑
- ↑ [C]
- ↑ ▷ 142. »Die anderen Dinge haben an jedem Anteil, der Geist aber ist etwas Unendliches und Selbstherrliches, und er ist mit keinem Dinge vermischt ... Denn er ist das feinste und reinste von allen Dingen, und er besitzt von jedem Dinge jede Erkenntnis, und er hat die größte Kraft. Und alles, was Seele hat, Größeres und Kleineres, über all dies hat der Geist Gewalt. Auch über die gesamte Wirbelbewegung hat der Geist die Gewalt, so daß sie im Anfang herumzukreisen begann. Und zuerst begann diese Bewegung von einem gewissen kleinen Punkte aus herumzukreisen; sie greift aber noch weiter um sich und wird noch mehr um sich greifen. Und alle Dinge, die sich mischten und absonderten und voneinander schieden, sie alle erkannte der Geist. Und wie alles werden sollte und wie alles war und wie es jetzt ist, das alles ordnete der Geist an, auch diese Wirbelbewegung, die jetzt die Sterne und Sonne und Mond vollführen, wie auch die Luft und der Äther, die sich ausschieden. Eben diese Wirbelbewegung bewirkte ihre Ausscheidung.« (Fragm. 12, nach Capelle, S. 270) - Mit der Lehre des Anaxagoras, daß der Nous, die Vernunft oder der Geist die Ursachevon allem ist, scheint eine neue Stufe der philosophischen Welterklärung erreicht zu sein. Anaxagoras führt alles auf eine Ursache zurück, die scheinbar nicht materiell ist. Dennoch werden Sokrates' Erwartungen an diese neue Erklärung enttäuscht, s. 98bff.
- ↑ ▷ 143. Der Wechsel von der mechanischen zur teleologischen Ursache. Die mechanische Ursache konnte Sein und Werden nicht wirklich erklären, sie nannte nur die materiellen Bedingungen, unter denen die Ursache wirken kann, z.B. Spaltung als mögliche Bedingung des Zwei-Werdens. Die teleologische Ursache läßt diesen Fehler offenbar vermeiden. Wenn allem, was ist und wird, dies nicht zufällig zukommt, sondern es sinnvollerweise so geschieht, wenn alles Ausdruck einer ihm innewohnenden Ordnung ist, dann wirkt in allem dasselbe. Dieses Eine muß, da es selbst Vernunft ist, auch von dem ihm korrespondierenden menschlichen Vernunftvermögen erfaßbar sein. Die vernünftige Ordnung der Dinge ist die gute Ordnung, die Vernunft ist Ausdruck des Guten. Das Gute als letzte Ursache von Denken und Sein zu erkennen, ist nun Ziel der sokratischen Suche. – Damit wird auch der Bezug zu den anderen sokratischen Dialogen sichtbar, in denen es letztlich immer um diese Erkenntnis geht. Die anaxagoreische Lösung kann nicht genügen, da sich Anaxagoras die Vernunft doch wieder als sinnliches Prinzip vorstellt – eine contradictio in adiecto. Das zeigt, daß die gedachte Vernunft noch nicht die wirkliche Vernunft ist. Daher zielt die sokratische Frage stets auf den Nachweis der Wirklichkeit der Vernunft, des Guten, z.B. in der Frage nach dem Wesen der Tugenden. Diese Wirklichkeit ist noch nicht mit der richtigen Wesensdefinition gegeben, sondern erst mit der widerspruchsfreien (Letzt-)Begründung der richtigen Definition. Daß Sokrates nach dem Guten vornehmlich in der Tugend sucht, liegt daran, daß die Tugend das spezifisch menschliche Gute ist. Das Gute ist jedoch nicht nur ethisches Grundprinzip, sondern Grundlage von Wirklichkeit schlechthin (vgl. das ›Sonnengleichnis‹ in ›Politeia‹, Buch VI).
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 144. Der Nous des Anaxagoras wäre ›κατὰ νοῦν‹ für Sokrates - mit diesem Wortspiel will Platon wohl andeuten, daß die Erklärung des Anaxagoras, hätte der sie selbst nur ernstgenommen, sowohlnach dem Sinne des Sokrates gewesen wäre als auch dessen eigener Vernunft entsprochen hätte.
- ↑ ▷ 145. Sich die Erde als Scheibe vorzustellen, war in der Antike verbreitete Auffassung. So sagt Hippolytos von Anaxagoras, er vertrete die Ansicht, »Die Erde sei von flacher Gestalt …« (1, 8, 3, nach Capelle, S. 257). Mit dieser Ansicht konkurrierte die Hypothese, die Erde sei konkav, wie Demokrit, Archelaos und Diogenes von Apollonia annahmen. Diese Mulden- oder Beckenhypothese war aufgestellt worden, um erklären zu können, warum Sonnenaufgang und -untergang nicht für alle Menschen zur selben Zeit erfolgen. Die dritte Möglichkeit, nämlich von der Kugelgestalt der Erdeauszugehen, wird in 108e-109a erörtert – vielleicht zum ersten Mal in der antiken Literatur. (Zum Stand der naturwissenschaftlichen Forschung in der Abfassungszeit des Phaidon vgl. E. Frank, Plato und die sogenannten Pythagoräer, Halle 1923, sowie Friedländer Bd. 1, Kap. 15).
- ↑ [E]
- ↑ ▷ 146. Beispiel dafür, wie für Sokrates die teleologische Erklärung verfahren muß: Zunächst ist die Faktizität festzustellen – was eine Sache ist. Dann muß die Vernunftursache gefunden werden – warum die Sache so ist. Ebenso geht Sokrates in den Dialogen vor: Zuerst wird nach dem Wesen, z.B. der Tugend, gefragt, dann nach der Ursache, dem Guten.
- ↑ ▷ 147. Laut Aristoteles (Über den Himmel, II, 13, 293a, übers. von P. Gohlke, Paderborn 1958) vertraten die meistens der Naturphilosophen die Auffassung, die Erde befinde sich in der Mitte – im Gegensatz zu den Pythagoräern. »Sie behaupten nämlich, in der Mitte befände sich ein Feuer, die Erde dagegen sei einer der Sterne und durch ihre Kreisbahn um die Mitte herum bewirke sie Tag und Nacht.«
- ↑ [98.A]
- ↑ [B[
- ↑ 47.
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.148
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [99.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.149
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.150
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.151
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.152
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.153
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.154
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.155
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.156
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.157
- ↑ [D]
- ↑ 48.
- ↑ [E]