▷▶Der Titel ist bei Aristoteles selbst nicht belegt. Minio-Paluello vermutet, daß er von einem Herausgeber »älter als Andronikos« hinzugefügt ist.
▷▶Der Themenkatalog gibt sich selbst als präliminar (»zuerst«); was hatte er sich danach vorgenommen? Die Antwort darauf hängt davon ab, wie man einteilt. Rein äußerlich weisen die Themen auf Kap. 2–5; Kap. 1 hat offensichtlich eine Sonderstellung, ist aber der vom sehr Allgemeinen herkommende Anlauf zur Sache; Kap. 6 läßt sich einigermaßen plausibel an 5 anschließen. Also um Psychologie, Grammatik, Semantik und Syntax einfacher Aussagesätze (Urteile) ginge es. Man kann aber auch Kap. 4–9 oder 5–9 zur Einheit nehmen, je nach Gesichtspunkt. Die Kap. 1–4 (16 a 1–17 a 7) galten seit der antiken Kommentierung (von Aspasios, um 100 n. Chr., bis Joh. Damascenus) als diearistotelische Sprachphilosophie; vgl. H. Arens, Aristotle's Theory of Language and its Tradition. Texts from 500 to 1750. Amsterdam/Philadelphia 1984. – Die zu bearbeitenden Termini sind fast alle bei Platon in ihrem spezielleren Sinn als terminus technicus vorgeklärt: όνομα und ῥῆμα als Nominal- resp. Verbalform spätestens seit Krat., 425 a (aufgenommen 431 b), und der λόγος als ein »großes und schönes Gefüge« aus ihnen, Satz, Aussage, Urteil, sinnvolle Rede, ebendort. Variert wird dies bei Tht., 206 cd und bei Soph., 261 d auf die prinzipielle Frage gebracht, ob alle (Wörter) unter einander zusammenstimmen oder keines, oder ob sie sich teils zusammenfügen lassen, teils aber nicht. Die darauf folgende Analyse von Wort»arten« (denn die platonische Einteilung entspricht der modernen Bedeutung des Wortes nur in Umrissen) und deren Verknüpfung zu sinnvollen – oder nicht-sinnvollen – Sätzen, die etwas kundtun wollen, und deren Wahrheits- bzw. Falschheits-Relation zu den bezeichneten Sachverhalten ist unbestritten das Vorbild nicht nur der aristotelischen Hermeneutik, sondern aller folgenden Grammatik und Semiotik. Innerhalb dieser Untersuchung sind auch Behauptung (φάσις) und Verneinung (ἀπόφάσις) schon vorgeformt (Soph., 263 e).
▷▶Was Aristoteles hier als σύμβολα (übers. mit »Ausdruck«) bezeichnet, heißt bei Platon, Krat., 433 b; δήλωμα. Den notwendigen Vermittlungsschritt über die »Seele«, durch die es vom Ding bis zum Wortausdruck ja hindurchmuß, liefert Tht., 191 cf. mit dem Bild von der Wachstafel, in die die »Erfahrungen« eingeprägt werden.
▷▶4) Es gibt also verschiedene Sprachen (schon Homer weist darauf hin, II., B 804) und Schriftsysteme. Die laufen – so die Behauptung – trichterförmig auf gleiche Erlebnisse zusammen (er denkt wohl an Hunger, Begierde, Lust, Schmerz, Angst, Freude, Trauer etc.), infolge gleicher Affektionen durch gleiche Tatbestände. Dieser »naive Realismus« nimmt an, daß (z. B.) für alle Menschen das Matterhorn, wenn sie es sehen, gleich aussieht. Daß jede Sprache eine eigene Weltsicht bedeutet, wäre von hier aus abwegig. Das Modell ist:
Tatbestand
→
Seele
→
Worte
→
Sätze
→
Worte,
Affektion
Abbildung
Ausdruck
Kundtun
Verknüpfung
Sätze
(gesprochen)
Namen,
Handlungen,
Bezeichnungen
(geschrieben)
Aussagen,
wahr/falsch
Den folgenden Hinweis bezieht man auf De an., Г 3–8.
▷▶5)Das Vorbild könnte die große Aufzählung bei Platon, Tht., 192 aff. sein. Zur Sache vgl. Cat., 1a 16–19; auch Platon, Soph., 262 a ff. Er hat im übrigen hier schon einen präziseren Begriff von Verknüpfung: Es ist nicht mehr jeder Satz, sondern nur noch der affirmative, dem die Trennung als Negation gegenübertreten kann.
▷▶6) Man kann also beliebige unsinnige, fabelhafte Namen erfinden wie die homerische Chimäre – vorn ein Löwe, hinten Schlange, in der Mitte Ziege –, dies liegt noch unterhalb der wahr-falsch-Alternative; die durch »ist« gestiftete Verknüpfung erst, oder die durch »ist nicht« erfolgte Trennung, bringen es auf diese Stufe. Dabei ist »sein« offenbar durchgehend mit einer Bedeutung besetzt, die über bloß kopulative Funktion hinausgeht: Wer von einem Zugrundeliegenden sagt, daß es etwas ist, sagt implizit auch Existenz dieses Zugrundeliegenden aus. Der Zusatz (auf Zeit oder der Zeit nach) meint selbstverständlich das, was man heute als Zeitstufen bezeichnet, aber gerade auch er bleibt nicht auf der bloß formalen Seite, sondern meint das Sein in der Zeit mit.
▷▶7) Es ist also die Position des Hermogenes bei Platon, Krat., 384 c d ; der leitet die »Richtigkeit der Namen« ab aus Übereinkunft, Übereinstimmung, Brauch, Gewohnheit. Die aristotelische Definition mit ihren immerhin fünf Bestandsstücken stellt ein schon sehr elaboriertes Stadium dar; man hört die Absicherung gegen die »sophistischen Belästigungen« (Kap. 6, 17 a 36 f.) schon hier heraus.
▷▶8) Entscheidend ist also der Verlust der Aspiration (Psilose), den »hippos« (Pferd) beim Übertritt zum (ursprünglich sicher doch sprechenden) Namen Kallippos erleidet. Beim deutschen Namen Erich hört man die möglichen, wenn auch etymologisch falschen – Teile »er – ich« ja auch nicht mit. Als kleinster Teil der Rede, der noch etwas bedeutet, ist das Wort auch bei Platon, Krat., 385 c bestimmt. Dort kann es allerdings noch falsche Worte geben.
▷▶9) Eine Abfolge von Lauten und Silben wird also erst dann zu einem »Namen«, wenn sie »verabredungsgemäß« zum stellvertretenden Ausdruck von etwas wird. Das Wort als ein Zeichen für ein Ding mithilfe von Silben und Buchstaben, vgl. Platon, Krat., 433 b. Aristoteles scheint, mindestens einmal, bei der deutlichen Trennung zwischen menschlicher Sprache und tierischem Laut nicht geblieben zu sein: »Es gebrauchen die Vögel die Zunge auch zur Verständigung (ὲρμηεία) untereinander, u. z. alle, aber die einen in höherem Maß als die anderen, sodaß es bei einigen sogar ein Lernen voneinander zu geben scheint«, De part. an., 660 a 35.
▷▶10) An Stellen wie dieser tritt die intrikateReflexivität dieses Textes besonders hervor: Ein und derselbe Terminus tritt unmittelbar nebeneinander auf zwei logisch verschiedenen Ebenen auf. Es kann aber nicht anders gehen, wenn mithilfe von Sprache über Sprache gesprochen wird. – Was nun die ungewöhnliche Sache selbst angeht, nicht-A, das unbestimmte Nomen, dem in Kap. 3 sogleich ein ebenso unbestimmtes Verb zur Seite tritt, so gibt es einige verfolgbare Spuren. Ausgangspunkt ist Metaph., A 9 990 b 13f. (= 1079 a 9f.): »nach dem Beweis, welcher von der Einheit über der Vielheit ausgeht, müßte es auch von den Negationen Ideen geben« (übers. Bonitz; der originale Wortlaut ist noch viel konziser). Für sich selbst würde diese knappe Bemerkung nichts ausgeben, zumal die Partien 990 b 2ff. (= 1078 b 34ff.) bis zur Unverständlichkeit zusammengekürzt sind. Gerade dieser Befund hat darauf geführt, in beiden Partien das stichwortartige Exzerpt einer früheren Schrift des Aristoteles zu identifizieren, deren Punkte er in seiner Auseinandersetzung mit der platonischen Ideenlehre hier eingearbeitet hat. Vgl. Düring, Arist. (1966), S. 243 ff. Mithilfe der weiteren Angaben des Kommentators Alexander v. Aphrod. (bei Ross, Arist. Fragmenta selecta (1955), De ideis Frg. 3, dort speziell S. 123 f.) kann man die Argumentation weitgehend aufhellen, und das bringt mehr: »Auch eine Verneinung wird ja von vielem ausgesagt« ist die Begründung zum o. z. Satz; also das Nennen vonetwas (hier einer Idee) setzt ein Schweigen über alles andere außer ihm mit. Und Aristoteles hat, wenn Alexander Glauben verdient, bei diesem Negativen auch an negative Form gedacht: Nicht-Mensch – was dann sein könnte: Pferd, Hund und überhaupt alles, was eben »nicht Mensch« ist; item nicht-gebildet, Nicht-Pferd, Nicht-Holz. Die Beispiele zeigen also, daß er das in der Hermeneutik verwendete Material für verallgemeinerbar gehalten hat. Wenn es nun davon auch Ideen nicht geben kann, so wäre es immerhin sinnvoll, von solchen Negativa zu reden. In der Hermeneutik versucht er darüber hinaus, diese Kontradiktion in Absetzung gegen das Konträre in einen erkenntnistheoretischen Zusammenhang einzuordnen (23 b 20f.), zwar offenbar nur inzidentell und unbeholfen, aber es zeigt, daß ihm diese Vorstellung auch anderswo geläufig ist. – Nichtweiter führt der Hinweis auf den Dialog Eudemos (Frg. 45 Rose = 7 Ross): Die dortige »unbestimmte Verneinung« gibt erstens inhaltlich nichts her, zweitens ist sie nicht auf Aristoteles zurückzubringen, sondern Alexanders Eigentum. – Über alles bisher Beigebrachte hinaus ist aber die Topik eine Fundgrube zur Sache. Mehrere Topoi befassen sich ausdrücklich mit Verneinung in allen Varianten. Ausgehend von dem zutiefst dialektischen Satz: Wer »Wissen« bestimmt, bestimmt nebenbei irgendwie auch »Unkenntnis« mit, den er inzidentell fallenläßt (VI, 9 Topos [37], 147 a 17f.), finden sich Ausdruck und bedachte Vorstellung von »nicht gut« (IV, 4 [41]), »nicht schön« (IV, 7 (30]), »nicht gleich« (VI, 9 [41]); daneben setzt er »nicht Mensch« (II, [24 a]), »nicht Lebewesen« (V, 6 [4 b]), Letzteres ist eben »nicht mit Seele ausgestattet« (V, 6 [4 a]); wo er Blindheit einordnen muß, reicht es in einem Fall mit »nicht Sinneswahrnehmung« aus (IV, 4 [40]), entsprechend »nicht sehen« (V, 6 [3]); die Bestimmung der Geraden schließlich als einer Länge, die »nicht Breite« hat (VI, 6 143 b 1ff.) ist geradezu Standard: Eine Prüfung dieses Stoffs würde ergeben, wie sehr diese negativen Setzungen aus der Akademischen Dihairesismethode kommen, die sich, wenn sie ein x definitionis herunterverfolgen will, auf der je anderen Einteilungsseite ja mit einem »nicht so« zufriedengeben kann. – Man darf schließlich noch auf seine späteren, eleganteren Lösungen zwar des Kontrastes halber hinsehen: »Was der Möglichkeit nach etwas ist, ohne es doch schon in tatsächlicher Wirklichkeit zu sein, das ist das (noch) Unbestimmte (Metaph., Γ 4, 1007 b 28 f.); und: »Aus ›nicht-Mensch, aber der Möglichkeit nach schon Mensch (wird) Mensch, und aus ›nicht-weiß, aber der Möglichkeit nach weiß‹ weiß (Metaph., N 2, 1089 a 29–31; vgl. Phys., Γ 2, 202 a 11f.). Aber man sollte es vom hier vorliegenden Stand des Bewußtseins fernhalten, es sei denn, wirklich überzeugende Gründe zwängen zum Gegenteil.
▷▶11) Die wissenschaftliche Terminologie ist das klassische Feld, auf dem sich der Konventionscharakter von Zeichen und Symbolen direkt sinnfällig machen läßt. Bei gewachsenen Sprachen tut sich die Konventionstheorie schwerer.
▷▶12) 16 a 12f. zusammengenommen mit a 16–18 führt genau hierher: Ein Substantiv in Verbindung mit einer Form von »sein« tritt notwendig ins Feld der Wahrheits-/Falschheits-Alternative.
▷▶13) Die beiden Differenzen sind klar: (1) Ein Verbum kann in spezieller Weise über Formveränderungen in die Zeit gesetzt werden; Aristoteles bleibt auch hier auf der objektiven, semantischen Seite: Es bezeichnet Zeit mit. (2) Es steht in einem logos auf der Prädikatsseite, ist also nicht das, wovon die Rede ist.
▷▶14) Analog zu 16 a 30. Die Negation wird offensichtlich nicht als bloß operative Funktionspartikel betrachtet, die den Sinn ihrer Anwendung erst in Sätzen fände; sie negiert hier schon Wortinhalte, bringt diese auf die unbestimmte Seite des Nicht-seins und zieht, zu einem Zugrundeliegenden hinzugesetzt, dieses mit hinüber. Wenn etwas Bestimmtes nicht ist, kann immer noch allesandere sein, daher »unbestimmt«, sowohl beim Verb wie auch beim Nomen.
▷▶15) Absolute Präponderanz also der Präsensform hier wie der Nennform beim Nomen. Es ist wieder nicht die bloße Form, sondern ihr Inhalt: Was hier und jetzt gilt, ist für die hier zu betrachtenden Urteilsarten allein interessant. Was einmal gegolten hat oder gelten wird, die »Zeit darum herum«, wie er viel anschaulicher sagt, mag genauso zu Rhetorik oder Poetik gehören wie Gebet etc. (17 a 4–6).
▷▶16) In der Tat waren zu Anfang des platonischen Kratylos die Worte überhaupt noch nicht geschieden: jedes Wort weist auf etwas hin, ist also vor seinem Satzgebrauch erst einmal ein »Name«. Spezieller, die Grammatik sieht auch die Nennform des Verbs, den Infinitiv, als ein Substantiv an. Die Begründung, die er gibt, nämlich das Suchen des ruhenden Punktes in der Flucht der – hier – phonetischen Erscheinungen, wird auf erkenntnistheoretischem Niveau gewissermaßen zitiert bei Anal. post., B 19, 100 a 15 ff. Beide Topoi gehen offenbar zurück auf die Etymologie von ἐπιστήμη (Wissen) bei Platon, Krat., 437 a (wobei man allerdings 412a unbeachtet lassen muß).
▷▶17) Hier ist er der bloß kopulativen Funktion des »ist« am nächsten, aber vollen Ernst hat er mit der bloßen Formalität davon doch nicht gemacht. »Sein« und einige andere (z. B. »eines«) gehören bei ihm zu den Allgemeinbestimmungen, die an allem und jedem vorkommen, also selbst praktisch keinen Inhalt haben. Ein anderer kommt ihm hierin sehr nahe und ist an Radikalität weit über ihn hinausgegangen: »Seyn, reines Seyn – ohne alle weitere Bestimmung. In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich und auch nicht ungleich gegen Anderes, hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner, noch nach außen … Es ist die reine Unbestimmtheit und Leere … ist in der Tat Nichts, und nicht mehr noch weniger als Nichts.« Hegel, Logik I, WW IV, 87 f. Glockner.
▷▶18) In Absetzung also gegen die Wörter, wie das im folgenden wiederholend (nach 16 a 20–26) und sich darauf berufend ausgeführt wird. »Logos« hat bekanntlich, von einer leicht verständlichen Kernbedeutung aus, eine Fülle von vermittelten Bedeutungen; in De interpretatione wird die Betrachtung scharf gebündelt: Sagt er etwas von etwas, so ist es der grammatischen Form nach ein Satz, der näheren Intention nach eine Aussage; nimmt diese Aussage strenge logische, präsentische Form an und wird auf den ausgesagten Sachverhalt bezogen, ist es ein Urteil.
▷▶19) Vgl. 16 a 26–28. Im folgenden kehrt er, gemessen an moderner Denkgewohnheit, die Folge um, weil er die Wahr-Falsch-Alternative als criterium diiudicationis benutzt, um andere Satztypen auskoppeln zu können. Im übrigen ist mit Kap. 4 Ende ein deutlicher Abschluß nicht nur erreicht – alle sechs Themabegriffe sind teils explizit behandelt, teils wenigstens gefallen –, sondern auch intendiert: Er kommt zum eigentlichen Thema, dem aussagenden Satz. Allerdings wird die anfängliche Themenstellung konterkariert durch einen anderen Aspekt: Die beiden Themabegriffe, die bislang nur gefallen waren, werden nun unter dem Gesichtspunkt der Einheit der Rede thematisiert (Behauptung, Verneinung); es ist zwischen Kap. 4 und 5 also auch Verbindung da. Vgl. Anm 12.
▷▶20) Der kürzeste Aussagesatz ist also: A ist b (vgl. 17 a 20 f.). Die folgende Verkettung ist eine Reihung von Sätzen. Die Disjunktion »Verb oder«. wird verständlich, wenn ῥῆμα zunächst die Nennform meint, die »Fälle« die finiten Formen (beim Urteil nur Präsens); dann erfolgt die notwendige Zusatzannahme, daß beim acimi griechischen Satz die Prädikatsaussage eben mi Infinitiv steht.
▷▶21) Es ist die provokante Behauptung des Antisthenes von der Unmöglichkeit einer Definition von etwas, auf die er hier anspielt. Er selbst referiert darüber ausführlicher in Metaph., H 3, 1043 b 23 ff. Auch hier kommt er in Kap. 11, Anfang noch einmal darauf zurück; die »andere Anstrengung« aber weist über De int. hinaus; er meint wohl Metaph., Z 12 oder H 6 vor allem.
▷▶22) Gemäß der ersten Andeutung ex negativo 16 b 1–4 in Verbindung mit dem, was in Kap. 3 über das Verb vorgetragen ist. Die Präsens-Einschränkung tritt für den Moment zurück; die Linie zu Kap. 9 bleibt offen.
▷▶23) Der Skopos von Kap. 6 ist, Widerspruch erstens theoretisch zu ermöglichen und zweitens möglichst exakt in Richtung auf den SvW festzumachen. Alles andere ist dazu instrumentell, z. B. die Konstruktion des Wahrheits-Falschheits-Feldes. Das Gesamte ließe sich so schematisieren:
I. Sachverhalt
I. Aussage
III. Wahrheitswert
IV. Widerspruch
1. Ab
b –/→ A
f
1 ⟷ 3
2. A/b
b ⟶ A
f
4 ⟷ 2
3. Ab
b ⟶ A
w
4. A/b
b –/→ A
w
Für das Ganze t = Faktor 3 (ist, war, wird sein). Der Schwerpunkt liegt für den Verfasser bei IV.
▷▶24) Nachdem im Kap. 6 offensichtlich auf Kontradiktion abgezielt war, tritt dem jetzt zunächst Kontrarietät gegenüber. Aber das ist nur ein Aspekt des Kap. 7. Was er in diesem behandelt haben will, sagt er in der Zusammenfassung am Schluß (18 a 8–12), nachdem im verschlungenen Gedankengang nicht immer klar ist, wo er sich befindet: Gegenstand des Kapitels waren acht Fälle (sieben Satzpaare, ein Einzelsatz, der keinen Sinn ergibt und auszuscheiden ist), deren Gegensatzverhältnis und Wahrheits-Falschheits-Relation.
▷▶25) Die Satztypen, mit denen er in überblicklich drei Anläufen experimentiert, sind eigentlich bekannt, bis auf Typ (b), die »Crux der Interpretatoren« (R. Brandt, S. 71). Man kann sie so in ein Schema bringen:
Satzpaar
Charakteristik
Widerspruch
(a) j.M.i.w. – k.M.i.w.
allgemein, Typ a:e
konträr
(b) M.i.w. – M.i.n.w.
indefinit
nicht konträr,
aber ....(17b7f.;
anders 18 a 6f.)
(c) j.M.i.j.L.
unmöglich;
vgl. Anal. pr., 43 b 20
–
(d) j.M.i.w. – n.j.M.i.w.
allgemein/partikulär
Typ a:o
kontradiktorisch
(e) k.M.i.w. – e.M.s.w.
allgemein/partikulär
Typ e:i
kontradiktorisch
(f) j.M.i.g. – k.M.i.g.
Variation von (a) s. (a)
(g) n.j.M.i.w. – e.M.s.w.
partikulär, Typ o :
bestehen zusammen
(h) So.i.w. – So.i.n.w.
singulär; wenn i. w,
dann i.n. f und umgekehrt.
kontradiktorisch
Daß er mit Fall (b) seine Last hat, zeigt sich in der Epanalepse 17 b 29 ff. und der Mühe, die er sich da macht. Der nun wirklich schier unlösbare Widerspruch zeigt sich 18 a 6f., wo er, formal ja richtig, aber im Widerspruch zu 17 b 29 f. und unausgeglichen mit 17 b 7f., ihn unter kontradiktorisch setzt. Warum er das überhaupt einführt, dazu R. Brandt, S. 66–77. Zusätzlich sei darauf verwiesen, daß er Top., III 120 a 6ff. auf »unbestimmte Probleme« kurz eingeht, also Sätze vom Typ (b); s. dort Anm. 135 zu Buch III.
▷▶26) Gemeint ist: b → A kontradiktorisch b → oA; b → eA kontradiktorisch b → iA; dann: b → oA kompatibel mit b → iA.
▷▶27) Vgl. etwas genauer Metaph., I 10, 1058 b 3 f.
▷▶28) Zusammenfassung der Aussagen von Kap. 7, mit einer wesentlichen Änderung, die die Antithese zum Folgenden vorbereitet. Es sind die Fälle (d), (e) und (h), auf die er abhebt (entscheidend für die Charakteristik ist je die erste Aussage des Paars); der Fall (b) wird nach 17 b 7f. und nicht nach 18 a 6f. zusammengefaßt. Die Änderung ist, daß den »ist«-Aussagen als logisch gleichwertig die »war«-Aussagen zur Seite gestellt werden. Geht man auf die Seite der ausgesagten Sachverhalte hinüber, wo nämlich, als Onto-logie, die aristotelische Logik auch immer ist, so ist die neue Antithese leicht verständlich: Bestehende Sachverhalte oder solche, die Bestand gehabt haben (z. B. geschichtliche Ereignisse), sind dadurch von zukünftigen wesentlich unterschieden, daß an ihrem Bestand die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen eindeutig entschieden werden kann. Das geht bei zukünftigen Ereignissen und Sachverhalten eben nicht, da Bestandskontrolle hier nicht möglich ist. Indem er sich für die Zukunftsaussage auf den Singulärfall beschränkt – sehr vernünftig –, so wäre es noch vernünftiger gewesen, das gleiche ausdrücklich für den Vergangenheitsfall zu tun, womit dann diesen beiden in neuer Antithese der präsentische Fall als der eigentliche Fall der Allgemeinheit gegenübergetreten wäre.
▷▶29) Zu beachten ist, daß das Folgende apagogisch angelegt ist, freilich so überzeugend vorgetragen, daß es zunächst richtig scheinen könnte; aber es ist Unsinn (18 b 26) und unmöglich (19 a 7); das wirkliche Ergebnis steht 19 a 18 f. Hier wird kein unerbittlich notwendiges Schicksal und kein Laplacescher Dämon konstruiert. Ebenso zugespitzt wie treffend formuliert, dies ist »kein Traktat пєρὶ εἰμαρμένης, sondern пερὶ ἑρµηνείας« (R. Brandt, S. 95).
▷▶20) Der kürzeste Aussagesatz ist also: A ist b (vgl. 17 a 20 f.). Die folgende Verkettung ist eine Reihung von Sätzen. Die Disjunktion »Verb oder«. wird verständlich, wenn ῥῆμα zunächst die Nennform meint, die »Fälle« die finiten Formen (beim Urteil nur Präsens); dann erfolgt die notwendige Zusatzannahme, daß beim acimi griechischen Satz die Prädikatsaussage eben mi Infinitiv steht.
▷▶31) Die gleiche Überlegung wie eben, sie wird nur auf der Zeitachse in die andere Richtung verfolgt. Wie sehr man derlei Überlegungen mißverstehen und in einen ewigen Schicksalsentschluß umdeuten konnte, zeigt das Referat aus Diodor, Пερὶ δυνατῶν bei Cicero, De fato, 13; 17.
▷▶32 Versuchter Ausweg, aus dem Dilemma der Disjunktion herauszukommen; er hätte den gleichen Wahrheits»wert« wie sein Gegenteil, das »sowohl ... als auch«. Bejahung und Verneinung mi folgenden beziehen sich auf »sein« und »nicht sein«.
▷▶33) Aristoteles ordnet Ereignisse und Ereignisfolgen nach einem Schema abnehmender Notwendigkeit an (vgl. 19 a 18–22): An oberster Stelle das »Immer-und-aus-Notwendigkeit-so«, danach das »Allermeist-so«, darunter das »Wie-es-sich-eben-so-fügte«; Letzteres kann, aber muß nicht Zufall sein; in der Geschichte ist es die historische Singularität. Eine Seeschlacht kann das Ergebnis zufälligen Aufeinandertreffens sein; allermeist aber ist sie es nicht, sondern die Kontrahenten gehen je vorher mit sich zu Rate über Risiko, Ziele, Taktik, Termine usf.; vgl. das unmittelbar Folgende.
▷▶34) Hier macht er also endlich ausdrücklich, was schon lange klar war: Die Brücke vom »ist« der Gegenwart zum zukünftigen »wird sein« ist Werden (Veränderung, Folge, Arbeit, Beratung, Zufall etc.), so wie die vom »war« der Vergangenheit zum gegenwärtigen »ist« das Gewordensein ist.
▷▶36) Vgl. Anm. 30. Wie in vielen aristotelischen Diskursen so fällt auch in diesem Kap. 9 die Doppelsträngigkeit der Argumentation auf.
▷▶37) Hier arbeitet er sich bis zur verbalen Annäherung an das mächtige, produktive Begriffspaar Dynamis – Energeia vor, dem in der Metaphysik bestimmt ist, so viele Aufgaben zu lösen. Bezugstexte zum Kap. 9 sind generell Metaph., Γ 5, 1009 a 34 ff.; K 8, 1065 a 6 ff.; auch Γ 7–8. Interessant für den logischen Ort der Frage ist, daß er in einem Anhang zur Ersten Analytik auf die gleichen logischen Relationen wie in der Hermeneutik zu sprechen kommt: Anal. pr., A 46, 51 b 5 ff. Da er genau diesen Abschnitt bei 19 b 30 f. zitiert, ist er sich der thematischen Nähe auch bewußt.
▷▶38) Ersichtlich tritt die Notwendigkeitsbestimmung auf zwei verschiedenen Ebenen auf: Einmal bestimmt sie modallogisch den Inhalt der Sätze, zum anderen drückt sie die Exhaurierung eines Ereignisfeldes durch eine Disjunktion aus. Moderner Interpunktion gelingt es relativ leicht, den Unterschied deutlich zu machen; um die Schwierigkeiten zu verstehen, die sich Aristoteles damit so ausführlich macht, ist es gut, sich vor Augen zu halten, daß die griechische Orthographie im 4. Jh. v. Chr. über diese Mittel nicht verfügte; das bedeutet: Alles Betrachten von Sätzen bleibt näher an deren Inhalt und weiter fort von ihrer Form. Die ausgesprochenen Sachverhalte reden sozusagen immer selbst mit.
▷▶39) Einer Behauptung im Möglichkeitsmodus kann also nur eine Negation im gleichen Modus widersprechen, usf. Darüber handelt Кар. 12.
▷▶40) Er greift in diesem repetierenden Neuansatz zurück auf zentrale Behauptungen der Kap. 6, 2, 8. Ausdrücklich zitiert er 16 a 30 ff., sinngemäß 16 b 1 ff.; in der conclusio nimmt er Kap. 5, wie fast immer bei ihm in variierter Form, da man im Vortrag eben so viel weiter ist, auf. Die besondere Schwierigkeit in De int. sind die indefiniten Formen von Nomen, Verb und Satz (vgl. Anm. 25); genau das nimmt er partiell hier wieder auf.
▷▶41) Gemäß Kap. 3, Anfang. Wenn man all die Bezüge hat, kann man kaum von »unverbunden mit dem Vorhergehenden« (R. Brandt, S. 116) sprechen.
▷▶42) Gleiche Vorstellung wie 16b18 (vgl. Anm. 15).
▷▶43) Das mag erinnern an die Überlegungen am Anfang der 2. Deduktion in Platons Parmenides (142 bc; auch 143 ab), wo genauso das »ist« als eigene Instanz gegen das Subjekt des Satzes, in dem es vorkommt, auftritt. Vielleicht kommt man auch ohne solche, mit der Ideenlehre belastete Reminiszenz aus: Jeder Satz der Form A ist b läßt sich im Griechischen auch ohne Kopula aussagen; Beispiele davon hat es 17 b 6ff. genug gegeben. Wenn man das »ist« als drittes nun ausdrücklich setzt, ist ja Existenz im Urteil immer mitgesetzt. Daß er es unentschieden läßt, ob »ist« hier Nomen oder Verb sein soll, kann man rückbeziehen auf den letzten Teil von Kap. 3, 16 b 19 f. Wie so oft ist nur der Aspekt verschoben.
▷▶44) Er führt die Kombination zweier Paare durch, eines verbalen (ist – ist nicht) und eines nominalen (gerecht - nicht-gerecht); letzteres steht im Satz nicht auf der Subjekt-, sondern auf der Prädikatsseite. Das ergibt vier Sätze, die er, anders als es überliefert ist, nach allem, was man zusätzlich beibringen kann (Waitz ad loc.), folgendermaßen angeordnet haben dürfte:
Die kontradiktorischen Oppositionen laufen überkreuz, die »Zuordnungen« oder »Entsprechungen« verhalten sich wie (Besitz und) Verlust (19b24). Der Hinweis geht auf Anal. pr., A 46, 51 b 5 ff.
»Am weitesten auseinander« sind die diametralen Sätze; nj.M.i.g. und nj.M.in.g. können, da sie partikulär sind, zusammenbestehen.
▷▶46) Nach Kap. 2, 16 a 29–32, ist »nicht Mensch« kein Nomen, kann also nicht etwas meinen, das zum Zugrundeliegenden würde; bringt er es nun doch in Subjektsposition, so kann es nur »so etwas wie« ein Satzgegenstand werden. Über die Uneinlösbarkeit der Rechtfertigung des Gebrauchs solcher Negativbegriffe als Subjekt in Sätzen, die etwas sagen sollen, hat sich schon Prantl (I, S. 144) aufgehalten. Als Übersetzer muß man einmal notieren, daß man die Beispielsätze in der überlieferten Gestalt sehr gegen ihre Form pressen muß, um es so formal hinzubekommen; verteilt man die Nominative anders, ginge es auch so:
Es gibt »gerechter Nicht-Mensch« – Es gibt nicht »gerechter Nicht-Mensch«
Es gibt »nicht gerechter Nicht-Mensch« – Es gibt nicht »nicht gerechter Nicht-Mensch«.
Auf jeden Fall ist man bei einem Formalismus der Negationen, wie er an einer berüchtigten Stelle in Platons Parmenides (161 e-162 b) konstruiert ist: Ausgehend von der Hypothese »Wenn Eins nicht ist«, wird, im Widerspruch zu ihr, mittels einer Metabasis auf andere logische Ebene scheinbar schlüssig hergeleitet, daß es doch auch sein muß: Es ist nichtseiend; das Nichtsein braucht das Band des Seins, um zu Nichtseiend sein werden zu können; umgekehrt braucht das Seiende das Nichtseiendnichtsein, um wirklich sein zu können usf. Wer meint, Platon habe im Sophistes dies Problem überzeugend gelöst, sieht sich in De interpretatione eines Schlechteren belehrt. Bemerkenswert ist dagegen, daß Aristoteles in seiner Syllogistik diese Art von Sätzen strikt meidet.
▷▶47) Eben standen die verneinten Nomina (= unbestimmte Bezeichnungen, 16a32) in der indefiniten Satzform (vgl. Anm. 25), jetzt sind sie auch in generelle Sätze gesetzt. Zu den folgenden Überlegungen vgl. 17 b 10–12.
▷▶48) Das Anordnungsschema war schon zweimal da, hier ist der Aspekt um die Wahrheits- und Folgerelation erweitert:
▷▶49) Daß dies eine Bejahung sein soll, zeigt also, daß die Negation bei »weise«, nicht bei »ist« angesetzt ist. Der dialogische Ursprung der aristotelischen Logik kommt an Stellen wie dieser besonders augenfällig heraus (in der Topik ist er allgegenwärtig).
▷▶50) »Mensch«, »gerecht«, läuft« weisen als bloße Nomina wenigstens schon auf etwas Bestimmtes hin, »nicht Mensch« usf. weisen nur auf den unbestimmten Leerraum außerhalb dessen hin. Nomina sind also immer noch näher an der Realität als Nicht-Nomina. Wird dann etwas »hinzugesetzt«, so kann ein Satz daraus werden; Sätze dieser Art wollen nicht in das bislang konstruierte System der Entgegensetzungen passen.
▷▶51) War Thema von Kap. 7, speziell herausgehoben 17 b 37 ff. Von Wortumstellungen im Satz hat Aristoteles in seinen bisherigen Beispielsätzen reichlich Gebrauch gemacht. Das Gesagte gilt selbstverständlich nicht für die Negation. Die folgenden Uberlegungen sind eine crux interpretum; nachzeichnendes Verständnis gerät an die Grenzen dessen, was der Autor in seiner Muttersprache gemeint haben könnte (wenn der Text überhaupt in Ordnung ist; aber Möglichkeiten, es zu bessern, sieht man auch nicht). Schon Waitz sah eine petitio in der unbegründeten Äquivalentsetzung zweier Sätze, »quod vix dabit qui affirmationes diversas esse contendat« (I,351). Ackrill, S. 145 kommt zu dem gleichen Schluß: »Aristotle's proof is not cogent.« Richtig ist auch die Feststellung, daB die übrigen aristotelischen Aufstellungen über Nomen und Verb uns nicht in den Stand setzen zu beurteilen, ob seine Behauptungen über mögliche nicht sinnverändernde Metathese von Wörten im (griechischen) Satz stimmen oder nicht. Die Übersetzung und folgende Formalisierung verstehen sich daher nur als Versuch:
▷▶54) Der Satz: »Weiß, Mensch, gehen sind Worte« besteht also aus drei Teilsätzen: »Weiß ist ein Wort«, »Mensch...« etc. Umgekehrt entsprechend, wenn die drei Worte auf der Prädikatsseite stehen, also in einem Satz (z. B. von Sokrates) ausgesagt werden, so sind dies wieder drei Teilsätze.
▷▶55) Was er hier meint, kann man sehr schön aus dem IX. Buch der Topik (Soph. el.) erhellen, das er ja zitiert; dort 167 b 39 ff.; 169 a 6ff.; 175 b 39 ff.; 181 a 36 f.
▷▶56) Indem er die Definition aus der Dialektik herausnimmt, zeigt das erstens die Entfernung von Platon, zweitens die Umbewertung dieser Technik vom krönenden Abschluß (so Platon) zur propädeutischen Übung mit eristischem Hang. Die folgenden Sätze charakterisieren die dialektische Frage.
▷▶57) Er ist immer noch beim Thema der Soph. el., z. B. dort Kap. 24 die akzidentellen Fehlschlüsse. Das Prinzip der Lösung formuliert er sogleich: Wesen contra Beiläufigkeit.
▷▶58) Das Akzidentelle kann also auftreten auf der Prädikatsseite wie auf der Subjektseite und direkt oder vermittelt über anderes, also in vierfacher Version.
▷▶60) Dies ist nicht so ein unsicheres Herumtasten wie die unentschlossenen »oder« in der Topik, sondern er formuliert das eben Gesagte nur noch einmal von der gegenüberliegenden Seite aus. Das Beispiel (Homer) soll sich auf den zweiten Fall beziehen, aber es ist denkbar schlecht gewählt (Ackrill, S. 148f.). Er ist da der bloß kopulativen Funktion des »ist« am nächsten, ohne doch das Dilemma dieses »ist« lösen zu können; es bleibt dabei, daß Existenz des Subjekts immer mitgemeint ist. »Es ist das Prinzip der Eleaten: das Sein verzehrt, was ist, und was (es) nicht ist, ist nicht.« (R. Brandt, S. 117) Die Dialektik des platonischen Parmenides ist in dieser Form unüberwindbar.
▷▶61) Kap. 12 und 13 handeln also von modalen Urteilen unter dem Aspekt ihrer Entgegensetzung. In 12 geht es um die Relation von Sätzen gleicher, in 13 um die von Sätzen ungleicher Modalität. Die Mehrzahl der Möglichkeitsausdrücke, die man fein differenzieren mag, obschon Aristoteles sie offenbar als äquivalent betrachtet – nur in der grammatischen Konstruktion lassen sie Varietäten zu ,-zeigt, daß es zu einer Entwicklung strenger, formaler, eindeutiger Terme noch nicht gekommen ist. Eine ausgearbeitete Modallogik trägt Aristoteles im Rahmen seiner Syllogistik vor (Anal. pr., A 8–22); von bloßem Sich-so-ergeben, Zufall, Fügung und Notwendigkeit handelt Phys., B 4-6; 8-9; die große Theorie über Möglichkeit und Wirklichkeit als modi des Seins trägt das Θ der Metaph. vor. – Wenn Aristoteles von Aporien spricht, ist zu erwarten, daß sogleich dialektisch, also auf ein zunächst falsches Ergebnis hin argumentiert wird, dem dann das Richtige gegenüberzutreten hat. So ist es auch; die Wendung erfolgt bei 21 b 12.
▷▶62) Der kritische Punkt ist klar: Bei assertorischen Urteilen hat die Negation bei der Kopula, genauer, beim sein zu stehen; das bringt bei Aussagen im Möglichkeitsmodus keinen Widerspruch.
▷▶63) Er unterscheidet also im Satz die Dinge, von denen die Rede ist – die sind »substantiell«; andererseits das, was mithilfe anderer Worte mit ihnen gemacht wird, die »Satzverknüpfer« - die sind instrumentell. Die Negation gehört zur Verknüpfung, nicht zum Substantiellen. So richtig das ist, die Feststellung hat, wie so manches in der Hermeneutik, apercuhaften Charakter: sie wird nicht ins Prinzipielle verfolgt.
▷▶65) Letzteres gehört sicher nicht in die Reihe, einerlei wer es dazugesetzt hat.
▷▶66) „Folge« ist bei Aristoteles etwas durchaus anderes als im modernen Sprachgebrauch und Verständnis; es bedeutet – hier kommt er von der Denkweise der Topik nicht los – so etwas wie: Damit zusammenhängende Vorstellung (und immer, deren objektive Entsprechung). Es ist also im Grunde das argumentum a fortiori; aber die Reihe kann auch vom schwächsten Glied aufsteigen, je nachdem, ob man Negationen fortschafft oder beibringt oder versetzt. Diese Aufstellungen scheinen geradezu nach Formalisierung im Sinn der Begriffsschrift der Logistik zu verlangen (A. Becker [1933], S. 7-22), doch erweist sich das mit den bisherigen Mitteln als unmöglich: die aristotelischen Ausdrücke bleiben mehrdeutig (ausdrücklich 23 a 6f.). Das gänzliche Fehlen strenger Formalismen belegt die folgende Aufzählung im Vergleich mit der Tafel: Aristoteles geht es in der Reihenfolge (a), (c), (b), (d) durch und variiert auch noch die jeweiligen vier Glieder, wobei er offensichtlich in Paaren denkt.
▷▶67) Einen anderswo abgebrauchten Satz zu modulieren: In De interpretatione, und in der aristotelischen Philosophie allgemein, bestimmt das Sein das Bewußtsein. Er hört im mit »ist« urteilenden Satz die Existenzaussage immer mit.
▷▶68) In der scheinbaren Fülle der Themen (Kap. 12, Anfang) war dies nur als eine Bestimmung unter anderen aufgetaucht; in Wirklichkeit sind zwei Modalbereiche zu bearbeiten: Die Relationen der Möglichkeitsbegriffe und die des Notwendigkeitsbegriffs mit seinem contrarium, der Unmöglichkeit.
▷▶69) So offen dargestellte Unsicherheit ist das Kennzeichen der Topik; in De interpretatione kommt es nur hier vor. Was er sagt, ist auf die Tafel zurückzubeziehen; man kann deren Setzungen also auch in Teilen anders anordnen. Zu beachten ist die in hohem Maße dialektische Reflexivität der Ausdrücke: Unmöglich und notwendig treten auf der instrumentellen Ebene der Deskription auf sowohl wie auf der inhaltlichen des Beschriebenen. (Und dies wird nirgends ausdrücklich bedacht; es ist auch kein Hinweis zu sehen, daß es implizit bedacht worden wäre.)
▷▶70) Er hatte das Thema ja eingeführt mit der Begründung, es enthalte einige Aporien (Schwierigkeiten, Zweifel, Unentschiedenheiten etc.), 21 a 37. Als Argumentationsschema setzt er die dialektische Gesprächssituation zweier Partner, bei der einer fragt, der andere antwortet, und der Fragende will entweder etwas »errichten« oder etwas Behauptetes »niederreißen«; wenn der Antwortende ein Resultat bestreitet, muß er auf dessen genauen Widerspruch hinüber, tertium non datur. Aus dieser Situation versteht sich die so verbissene Suche nach dem jeweiligen Widerspruch; damit aus der Dialektik keine Eristik werden kann, muß die »Logik« präzis werden.
▷▶71) Ein weiteres schlagendes Beispiel dafür, wie sehr diese »Logik« an Gegebenem, Erfahrbarem, Tatsächlichem orientiert ist, also eine Onto-Logik ist, die keinen reinen Formalismus kennt.
▷▶74) Diese Zusammenfassung zeigt, daß er den Boden des nur Logischen weit hinter sich gelassen hat; was er vorträgt, ist Ontologie im strengen Sinne des Wortes. Die Linie führt nach Metaph., Θ 10. Mit diesem Aufschwung könnte De interpretatione einen Abschluß gefunden haben, wenn sich denn bei dieser mühsamen Anstrengung des Begriffs ein Kompositionsprinzip nachweisen ließe. Über die Sonderstellung des Kap. 14 herrscht allgemein Übereinstimmung
▷▶75) Es ist offenkundig, daß er sich mit solchen Fragen in den Kap. 7–10 ausführlich befaßt hat; dies ist also im Ansatz ein dazu konkurrierender Anlauf. Im Verlauf der Argumentation muß es das nicht bleiben. Wie sauber und gegenstandsorientiert man eine Liste von fünf Fällen von Entgegensetzung in eine Ordnung bringen kann, zeigt Phys., E 5.
▷▶76) Er bezieht sich über alles hinweg auf den Ansatz in Kap. 1 und geht von der geäußerten Aussage sozusagen in die Seele zurück zu deren innerem Analogon, der Meinung. Die »besagte«, oder genannte oder vorgetragene, dargestellte etc. Verneinung (23 a 37) könnte sich auf die Gesamtheit der Diskurse seit Kap. 6 berufen – dann setzte Kap. 14 all das ausdrücklich voraus –, oder es greift auch auf die Exposition von Kap. 1, in Kap. 5, 6 entfaltet, zurück. Je nachdem wird die Einordnung von Kap. 14 ausfallen.
▷▶77) Die beiden Meinungen, etwas Gutes sei (a) nicht gut, (b) schlecht, laufen doch, wenn man sie umgangssprachlich nimmt, auf das gleiche hinaus. Die Reflexion über den logos, in dem sie zum Ausdruck kommen, muß sie aber auseinanderhalten; eine mag der anderen zwar folgen, dann ist die zweite es, die die erste in den Widerspruch zu einer dritten mit hineinzieht.
▷▶78) Was hier von der Auseinandersetzung mit einem plakativen Satz aus, der in Platons Euthydem stehen könnte, entwickelt wird (Entgegengesetzte Meinungen haben Entgegengesetztes zum Gegenstand, 23 b 3f.; aus welchem Horizont diese »Definition« kommt, sieht man sehr schön bei Top., A 10, 104 a 20 ff.), hat nach mehreren Seiten hin Differenzierungsbedarf und kann so einfach nicht summiert werden. Immerhin bringt er den wirklich entscheidenden Punkt ja gleich heraus.
▷▶79) Jetzt hat er schon wieder variiert, denn eben noch war die Prämisse, daß die »dritte« Meinung nur etwas zum Inhalt haben durfte, »was ihm nicht zukommt« etc.; aber er ist jetzt schon bei Fehlerhaftigkeit überhaupt und expliziert den Gedanken vom quantitativen Überschuß des Falschen, der ja auch diesen Fall einschließt. Ein eindeutiger Sachverhalt, z. B. 7 + 5, hat eine richtige Lösung und unzählig viele falsche.
▷▶80) Aus dieser Annahme konstruiert er sein fundamentales Denkmodell von Veränderung überhaupt, Phys., A 5–7; dort auch schon die Auffindung und Aussonderung des bloß Akzidentellen.
▷▶81) So gleitend kann also auch mit dem Gegensatzverhältnis umgegangen werden, das in der Tradition eindeutig als konträr – kontradiktorisch festgeschrieben ist. Hier zumindest ist das noch im lebendigen status nascendi. – Der nächste Satz bringt noch ein zusätzliches Argument, das aus der bisherigen Herleitung nicht hervorgeht.
▷▶82) Diese Prämisse will zunächst nur sagen: Die beiden ersten Sätze sind wahr, und ihnen treten die beiden anderen als falsch gegenüber.
▷▶83) Kann in der Form nur gelten, wenn alle Beteiligten auf fraglose Eindeutigkeit reduziert sind; vor allem die Identität des Zugrundeliegenden ist dabei vorausgesetzt. Im übrigen arbeitet er sich immer noch im Spannungsfeld konträr – kontradiktorisch ab.
▷▶84) In einem Teil der Überlieferung finden sich die Worte nicht, oder sie sind verwirrt. Minio-Paluello hat es m. E. zu recht athetiert; es sieht aus wie die kritische Marginalie eines frühen Lesers und unterbricht auch den Zusammenhang.
▷▶85) Das definiert er sonst immer als konträr. Vgl. zuletzt 23 b 23 ff. und die Schlußzusammenfassung 24 b 3–6; also will er hier mehr auch nicht sagen
▷▶87) Die Formulierung ist etwas sibyllinisch, insofern nun auch noch als neue Ebene die Sprecherperson hereingezogen zu werden scheint. Offensichtlich aber muß man es verstehen im Zusammenhang mit den Überlegungen über das Gute, Nicht-Gute, Schlechte und den entsprechenden Aussagen dazu, 23 b 33 ff.