Werk:Phaidon (Platon)/63b-66a
◀▷[1]Als Sokrates das angehört hatte, schien mir, er freute sich über Kebes' Eifer in der Sache, und uns anblickend sprach er: Immer macht Kebes irgendwelche Einwände ausfindig und will sich durchaus nicht ohne weiteres von dem überzeugen lassen, was jemand sagt.
Darauf sprach Simmias: Aber diesmal, Sokrates, scheint auch mir etwas an dem zu sein, was Kebes sagt. Denn warum sollten wohl wahrhaft weise Menschen vor Herren fliehen, die besser sind als sie, und sich leicht von ihnen losmachen? Und mir scheint, Kebes zielt mit seiner Rede auf dich, daß du es so leicht erträgst, uns zurückzulassen und auch, wie du selbst einräumst, die guten Herrscher, die Götter.
[2]Ihr habt recht, sprach er. Ich glaube nämlich, ihr wollt sagen, daß ich mich hierüber zu verteidigen habe wie vor Gericht.
Allerdings, sagte Simmias.
[3]Nun gut, sprach er, ich will versuchen, mich vor euch überzeugender zu verteidigen als vor den Richtern.[4] Denn, Simmias und Kebes, wenn ich nicht glaubte, erstens zu anderen weisen und auch guten Göttern zu kommen, ferner auch zu verstorbenen Menschen, die besser sind als die hiesigen, dann hätte ich wohl unrecht, nicht unwillig zu sein über den Tod. Nun müßt ihr aber wissen,[5] daß ich zu guten Menschen zu gelangen hoffe – wenn ich das auch nicht ganz sicher behaupten möchte –; daß ich aber zu Göttern, die vollkommen gute Herren sind, kommen werde, wißt, daß ich, wenn überhaupt etwas von diesen Dingen, dann dies behaupten möchte. Daher bin ich nicht so unwillig wie sie, sondern ich bin guter Hoffnung, daß es etwas gibt für die Verstorbenen, und zwar, wie schon immer gesagt wurde, etwas viel Besseres für die Guten als für die Schlechten.
Was nun, Sokrates? fragte Simmias. Hast du mi Sinn, diesen Gedanken für dich zu behalten und fortzugehen oder möchtest du ihn auch uns mitteilen?[6] Denn ein gemeinsames Gut, scheint mir, sollte das auch für uns sein, und zugleich wird eben das deine Verteidigung sein, wenn du uns von dem, was du sagst, überzeugst.
Gut, sagte er, ich will es versuchen. Zuerst aber laßt uns nach Kriton sehen, was es ist, das er mir schon lange sagen zu wollen scheint.
Was sonst, Sokrates, sprach Kriton, als daß der, der dir das Gift geben soll, mir schon lange sagt, man müsse dir raten, dich möglichst wenig zu unterhalten. Denn er sagt, man erhitze sich zu sehr, wenn man sich unterhält, das vertrage sich aber nicht mit dem Gift; andernfalls seien die, die das tun würden, manchmal gezwungen, zwei- und auch dreimal zu trinken.
Da sagte Sokrates: Laß ihn gehen. Soll er nur das Seine vorbereiten, damit er mir auch zweimal etwas geben kann, wenn nötig, auch dreimal.[7]
Das wußte ich beinah schon, sagte Kriton, aber schon lange läßt er mir damit keine Ruhe.▷
—Übrstzng F.S.[9]Es scheinen nämlich alle, die sich auf die rechte Weise mit der Philosophie befassen, – verborgen vor den anderen – nichts anderes zu betreiben als zu sterben und tot zu sein. Wenn das nun wahr ist, wäre es doch wohl sonderbar, sich im ganzen Leben um nichts anderes zu bemühen als um dieses, wenn es aber nun selbst käme, unwillig zu sein über das, worum man sich schon so lange bemüht und was man betrieben hat.
Da lachte Simmias und sagte: Bei Zeus, Sokrates, obwohl ich jetzt durchaus nicht zum Lachen aufgelegt bin, hast du mich zum Lachen gebracht. Denn ich glaube, wenn die Leute das hören würden, würden sie meinen, das sei sehr treffend gesagt im Hinblick auf die Philosophen – und die Leute hier bei uns[10] würden wohl völlig zustimmen –, daß die Philosophen tatsächlich zu sterben wünschten; und sie wüßten sehr gut, daß sie es auch verdienten, dies zu erleiden.
Sie würden wohl auch die Wahrheit sagen, Simmias, abgesehen von dem »sehr gut wissen«. Denn weder wissen sie, inwiefern die wahren Philosophen zu sterben wünschen, noch, inwiefern sie den Tod verdienen und was für einen Tod.[11] So wollen wir, sprach er, die Sache unter uns besprechen und uns um jene nicht kümmern.[12] Glauben wir, daß der Tod etwas ist?
Sicher, sagte Simmias, indem er das Wort ergriff.
Doch wohl nichts anderes als die Trennung der Seele vom Körper? Und das sei das Tot-Sein, wenn der Körper, getrennt von der Seele, abgesondert ganz für sich ist, und auch die Seele, getrennt vom Körper, abgesondert ganz für sich ist? Der Tod ist doch nichts anderes als dieses?
Nein, sondern eben dies, sprach er.
Prüfe also, du Guter, ob du derselben Ansicht bist wie ich!
[13] Denn hieraus, glaube ich, werden wir besser erkennen, was wir untersuchen. Scheint es dir Sache eines philosophischen Menschen zu sein, sich um die sogenannten Lüste wie die des Essens und Trinkens zu bemühen?
Keineswegs, Sokrates, antwortete Simmias.
Aber um die der körperlichen Liebe? Durchaus nicht.
Und um die sonstige Pflege des Körpers – glaubst du, daß ein solcher große Achtung für sie hegt? Zum Beispiel der Besitz von besonderen Kleidern und Schuhen und der andere Schmuck für den Körper, meinst du, daß er ihn hoch oder gering achtet, [14] soweit es nicht unbedingt notwendig ist, etwas davon zu haben?
Gering achten, denke ich, wird ihn der wahre Philosoph. Scheint dir also nicht überhaupt die Bemühung eines solchen Menschen nicht auf den Körper gerichtet zu sein, sondern sich, so weit es ihm möglich ist, von diesem zu entfernen und sich der Seele zuzuwenden?
Ja.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Also vor allem in diesen Dingen zeigt sich der Philosoph als einer, [15]der die Seele so weit er kann von der Gemeinschaft mit dem Körper loslöst, anders als die anderen Menschen.[16] Offenbar.
Und doch glauben wohl die meisten Menschen, Simmias, für den, der an solchen Dingen kein Vergnügen findet und auch nicht an ihnen teilhat, lohne es nicht zu leben, sondern ganz nahe sei schon dem Tot-Sein, wer sich nicht um die Lüste kümmert, die durch den Körper kommen.[17]
Du hast völlig recht.
[18] Wie steht es aber mit dem Erwerb von Einsicht? Ist der Körper dabei mi Weg oder nicht, wenn man ihn zur Suche nach ihr als Gefährten miteinbezieht?[19] Was ich damit sagen will, ist: bieten das Sehen und das Hören den Menschen irgendeine Wahrheit oder schwatzen uns derartiges nicht auch die Dichterimmer vor, daß wir nichts Genaues hören und sehen? Wenn nun aber von den Wahrnehmungen, die zum Körper gehören, schon diese nicht genau und sicher sind, dann wohl schwerlich die anderen; denn sie alle sind ja wohl schlechter als diese. Oder erscheinen sie dir nicht so?
Allerdings, sagte er.
Wann also, fragte er, erfaßt die Seele die Wahrheit? Denn wenn sie versucht, mit dem Körper etwas zu untersuchen, wird sie offenbar von ihm getäuscht.
[20] Du hast recht.
Wird ihr also nicht im Denken, wenn überhaupt irgendwo, etwas vom Seienden offenbar?
Ja.
Sie denkt aber doch dann am besten, wenn nichts davon sie stört: weder Hören noch Sehen, weder Schmerz noch irgendeine Lust, sondern wenn sie so weit wie möglich ganz für sich ist, den Körper beiseite läßt und, so sehr sie kann, ohne Gemeinschaft oder Berührung mit ihm nach dem Seienden strebt.
So ist es.
Nicht wahr, auch hierin achtet die Seele des Philosophen den Körper am geringsten und flieht ihn,[21] bemüht sich hingegen, ganz für sich zu sein?[22]
Offenbar.
Wie ist es nun mit dem folgenden, Simmias? Behaupten wir, daß das Gerechte selbst etwas ist oder nichts?[23]
Das behaupten wir allerdings, bei Zeus!
Und daß auch das Schöne etwas ist und das Gute?
Wieso denn nicht?
Hast du nun schon jemals etwas davon mit den Augen gesehen?
Niemals, sprach er.
Aber mit irgendeiner anderen der Wahrnehmungen, die man durch den Körper hat, hast du es erfaßt? Ich meine all dies wie zum Beispiel Größe, Gesundheit, Stärke, mit einem Wort: das[24] Wesen aller Dinge, was jedes wirklich ist. Wird durch den Körper das eigentlich Wahre an ihnen gesehen oder verhält es sich so: Wer sich von uns am meisten und am sorgfältigsten darauf einrichtet, jegliches selbst zu denken, was er untersucht, der dürfte doch wohl der Erkenntnis eines jeden am nächsten kommen.
Allerdings.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Wird dies also nicht der am reinsten tun, der so weit wie möglich mit dem Denken selbst zu jedem geht und weder das Sehen beim Denken[25] zur Hilfe nimmt noch irgendeine andere[26] Wahrnehmungsart zu seiner Überlegung heranzieht, sondern versucht, indem er das reine Denken ganz für sich gebraucht, rein ganz für sich auch das Seiende zu fassen – so weit wie möglich getrennt von Augen und Ohren und, um es kurz zu sagen, vom ganzen Körper, der nur verwirrt und die Seele nicht Wahrheit und Einsicht erwerben läßt, wenn er mit dabei ist? Ist es nicht dieser, wenn überhaupt jemand, der das Seiende treffen wird?
Überaus richtig, was du sagst, Sokrates, sprach Simmias.
[27] Ist es nun nicht unvermeidlich, sagte er, daß durch dies alles eine solche Meinung bei den »echten« Philosophen aufkommt,[28] daß sie untereinander derartiges reden wie: »Es scheint so, als führte uns beim Untersuchen mit der Vernunft gewissermaßen ein Pfad hinaus, weil wir, solange wir den Körper haben und unsere Seele mit diesem Übel vermengt ist, niemals hinreichend besitzen werden, was wir begehren; dies aber, sagen wir, sei das Wahre. Denn tausendfachen Mangel an Muße bereitet uns der Körper wegen der für ihn notwendigen Nahrung;[29] ferner, wenn uns irgendwelche Krankheiten befallen, hindern sie uns an der Jagd nach dem Seienden. Aber auch mit Liebesverlangen und Begierden, mit Ängsten, mancherlei Bildern und vielen Kindereien erfüllt er uns, so daß uns in Wahrheit, wie man zu sagen pflegt, unter seiner Einwirkung niemals auch nur irgendwelche Einsichten entstehen. Denn auch Kriege, Zwietracht und Kämpfe verursacht uns nichts anderes als der Körper und seine Begierden. Um den Erwerb von Gütern nämlich entstehen alle Kriege; die Güter zu erwerben, sind wir aber durch den Körper gezwungen,[30] weil wir der Pflege des Körpers zu Diensten sein müssen. Und deshalb mangelt es uns an Muße, Philosophie zu betreiben, al dieser Dinge wegen.[31] Das Schlimmste aber von allem ist, daß, wenn wir auch einmal Muße von ihm haben und wir uns der Prüfung einer Sache zuwenden, er in unseren Untersuchungen wieder überall dazwischentritt und Verwirrung und Unruhe verursacht und uns aus der Fassung bringt, so daß wir seinetwegen das Wahre nicht erkennen können. Vielmehr ist uns in Wirklichkeit ganz klar, daß wir uns, wenn wir jemals etwas rein erkennen wollen, von ihm trennen und mit der Seele selbst die Dinge selbst betrachten müssen. Und dann erst, wie es scheint, werden wir das haben, was wir begehren und dessen Liebhaber wir zu sein behaupten, die Einsicht: wenn wir tot sein werden, wie die Rede andeutet; so lange wir leben aber nicht. Denn wenn es nicht möglich ist, mit dem Körper etwas rein zu erkennen, so bleibt nur eins von beidem – entweder, daß wir niemals in den Besitz des Wissens gelangen oder erst nach dem Tod. …
—Übrstzng F.S.- ↑ [62. A]
- ↑ [B]
- ↑ 8.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.41
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.42
- ↑ [64.A]
- ↑ 9.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.43
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.44
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [65.A]
- ↑
- ↑ ▷ 46. Die Formulierung Sterben-Lernens ist also auch eine ironische Übernahme des Urteils der Leute über die Philosophen: Wer nicht den sinnlichen Vergnügungen lebt, der ist doch eigentlich schon tot.
- ↑ 10.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 47. Die theoretische Seite der philosophischen Trennung von der Sinnlichkeit: Der Philosoph löst sich bei der Wesenserkenntnis von den durch Wahrnehmung vermittelten Eindrücken, weil diese immer subiektiv und niemals eindeutig sind (s. auch die ›Ursachenforschung‹ 96aff.), und wendet sich ganz dem am Untersuchungsgegenstand zu, was nur durch Denken zu erfassen ist. Zur Funktion der Wahrnehmung vgl. Anm. 49, 73.
- ↑ ▷ 48. Hier wie im weiteren wird ganz selbstverständlich von der Ideenannahme ausgegangen. Die Idee wird als bekannt vorausgesetzt und im Dialog auch inhaltlich nicht näher bestimmt. Mit ihr ist nur das am Ding benannt, was gedacht werden muß, damit das Ding benennbar und verstehbar wird, was aber nicht durch Wahrnehmung zugänglich ist.
- ↑ [E]
- ↑
- ↑ [66.A]
- ↑ 11.
- ↑ ▷ 50. Die im folgenden zitierte Rede der ›echten‹ Philosophen (66b-67b) faßt vermutlich den pythagoräischen Standpunkt zusammen (vgl. auch Anm. 34). Dafür spricht auch die ungeteilte Zustimmung, die diese Rede von dem Pythagoräer Simmias erfährt, der den ironischen Unterton von Sokrates beim Vortrag und den aus der Rede gezogenen Folgerungen nicht bemerkt. Daß diese Rede nicht den sokratischen Standpunkt wiedergibt, wird deutlich, wenn Sokrates sein Verständnis der philosophischen Reinigung der Seele darlegt: Die Reinigung durch die Tugend ist eigene Tat, nicht Erlösung von außen durch den physischen Tod. Nicht der Körper ist von Übel, sondern dei falsche Einstellung zu ihm. Wen der eigene Körper an der Philosophie hindert, der ist eben kein Philosoph, vielmehr wird der Philosoph durch die körperliche Ambivalenz gerade zum Philosophieren angeregt –, s 60b und 96aff. Zur Rede der ›echten‹ Philosophen vgl. auch die Einführung, S. XXII f.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 51. Der Inbegriff der ›faulen Ausrede‹: Ich möchte ja gern gut sein, aber die Verhältnisse lassen es nicht zu; nicht ich bin schuld, sondern mein tyrannischer Körper. – Diese Sicht muß im Grunde von einem ›deus malignus‹ ausgehen, der die Natur so schlecht eingerichtet hat, daß sie den Menschen notwendig am Guten hindert. Dagegen steht die sokratische Sicht: Der Mensch ist für sich und sein Tun selbst verantwortlich (s. Schlußmythos); das Übel ist nicht der Körper, sondern der Irrtum, das Körperliche sei die eigentliche Wahrheit (mehrere Stellen, z. B. 81b); Gott ist das Gute, die Welt ist vernünftig geordnet (63c, 99c).