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▷ ▷Wenn es sich von der Sprache[1] des Volks handelt, welches in unserm Weltteil den Raum zwischen Kelten, Römern, Slaven, Letten und Finnen erfüllt und behauptet hat; so steht die Wahl nur unter zwei beinahe gleich treffenden Benennungen.
Man darf sie die Germanische heißen, weil schon den Römern dieser Name nicht allein von den Stammen des eigentlichen Deutschlands galt, sondern auch, so weit ihre Kunde reichte, von den Skandischen. Nur ist uns Germanivielleicht ein fremdes Wort, das ich bei allgemeineren Forschungen über slavogermanische oder indogermanischeSprache nicht verwerfen würde, dessen ich mich aber für der heimischen Sprache eignen Kreis lieber enthalte.
Diesen umschreibt am genausten der Ausdruck Deutsch, der, wie Germanisch, keinen bestimmten Stamm bezeichnend nirgend eintrag tut. Zugleich ist er althergebracht, gewährt den lautersten Sinn und die bequemsten Einteilungen.
▷ ▷Es wäre ersprießlich, wenn die Geschichte jeder Hauptsprache vollständig durch alle ihre Dialekte verfolgt werden könnte, aber einzelne Volksstämme pflegen unterzugehn, andere sich zu verrücken, zu mengen und umzugestalten, daß in ihnen die alte Grundlage nur zum Teil kenntlich bleibt. Die deutsche Grammatik, vielfacher Verluste eingedenk, denen ihre oft verschütteten Quellen ausgesetzt waren, hat sich dennoch des Glücks zu erfreuen, daß sie ihr von uralter Zeit her an zahllosen Stellen aufsprudeln und erfrischende Nahrung verabreichen, zwar steht jede Sprache auf eignen Füßen und schreibt sich selbst ihre Gesetze; doch den stillen Zusammenhang unsrer Gegenwart mit dem Altertum, den Grund warum die heutige Regel hervorgegangen sein kann aus einer ganz verschieden lautenden früheren deckt uns bloß die Geschichte auf. Kaum ladet irgend eine andere Sprache so dringend zu historischer Betrachtung wie die Deutsche ein, und keine ihrer Mundarten ist so gering oder unscheinbar, daß sie nicht im einzelnen das große Ganze neu zu beleuchten und fester zu bestätigen vermöchte.
▷ ▷Die östlichsten Stämme, die sich jugendlich und nicht ohne Glanz ausgebreitet hatten, sind erloschen, mit vollem Recht wird ihre Sprache nach den Goten benannt, aus deren Zeit und Mitte uns noch genügende, zweimal gerettete Reste einer unsterblichen Arbeit verbleiben, ohne welche es in der Geschichte deutscher Sprache nur gedämmert, nie getagt hätte. Wir überschauen den edeln Reichtum des gotischen Wortvorrats vielleicht nicht zur Hälfte, doch so daß uns die Regeln der Formen wohl meistenteils offenbar werden, der Mundart verschwistert war ohne Zweifel die der Gepiden, Vandalen, Herulen, vielleicht der Bastarnen, obschon Verschiedenheiten eingetreten sein müssen, wie sie selbst noch an wenigen Eigennamen, die uns Prokop und andere überliefert haben, zu erkennen sind, alle Heldenlieder der Goten gehen uns ab, und daß ihre Dichter, nach der Bekehrung, christliche Stoffe behandelt hätten, wird nirgend versichert.
▷ ▷Auf der entgegengesetzten Westseite haben andere Auswanderer, die Angelsachsen, sehr bedeutende freilich um vier und mehr Jahrhunderte jüngere Denkmäler ihrer Sprache, in Poesie wie in Prosa, hinterlassen, aus welchen ein außerordentlicher Gewinn gezogen wird, denn wenn auch die Gedichte sämtlich schon in christlicher Zeit aufgeschrieben oder abgefaßt sind, enthalten sie doch Anklänge an frühere heidnische Darstellung, vorzüglich Beovulf, Cædmon und die eben erst in Vercelli glücklich aufgefundnen Andreas und Elene. Eine Menge der seltensten Wörter, Formen und Ausdrücke ist uns durch diese Dichtungen offenbart. Auch hier bestimmt den Namen der Stamm; später durch den Zutritt eines romanischen Elements ging die angelsächsische Sprache[2] in die Englische über.
▷ ▷Im Norden dauert der eingeborne Volksstamm bis heute fort, der Sprachquell hat sich da mächtig und in ungetrübter Lauterkeit erhalten, sind die Aufzeichnungen noch später als die Angelsächsischen erfolgt, so geht die Fassung der meisten eddischen Lieder der Grundlage nach doch ungezweifelt in das Heidentum selbst zurück, und zeigt Dichtung und Rede fast ungestört; die altnordische Sprache hat uns also nicht wenige Geheimnisse des Altertums zu erschließen. Ihre Kraft flüchtete aus Norwegen nach Island; die Schwedische und Dänische könnte man unter Benennung der Neunordischen zusammen begreifen jede derselben verdient in der deutschen Grammatik aber auch eigens aufzutreten.
▷ ▷Südlich ist die Mundart der Langobarden und Burgunden bis auf geringe Spuren verschwunden, jene grenzend an die Bairische, diese an die Alamannische und Fränkische; grammatische Regeln sind nicht mehr daraus zu entnehmen.
▷ ▷Den Kern des eigentlichen, inneren Deutschlandes würde man zum besten der Grammatik überall gern nach den einzelnen Stämmen, die ihn bilden, zerlegen. Für den nördlichen Teil geht diese Unterscheidung insofern von statten, als sich die Mundart der Friesen in fester Sonderung, durch sichere Denkmäler zwar schon aus ziemlich später Zeit, bewahrt hat; die Niederländische aber seit dem dreizehnten Jh. in reicher Quelle fließt und noch heute als Schriftsprache fortgebildet wird. Hierbei muß die politische Trennung der Niederländer vom großen Deutschen Reich, und die lange Setigkeit der Friesen angeschlagen werden, seit diese unter Holland, das eigentliche Deutschland und Dänemark gefallen sind, hört ihre Befähigung zur Schriftsprache auf. Befremdend scheint, daß jene niederländischen Sprachdenkmäler alles hintergrundes früherer Zeit entbehren und die Eigentümlichkeit der Mundart aus keinen älteren Urkunden deutlich geschöpft oder bestätigt werden kann, die Lösung des Rätsels verliert sich in dem über die besonderen Verhältnisse des altfränkischen Dialekts gebreiteten dunkel. Was nach Ausscheidung der Friesen und Niederländer zwischen Rhein und Weser, Weser und Elbe an Gebiet übrig bleibt, fällt der sächsischen Sprache zu, ohne daß es tunlich wäre Westfalen und Sachsen rein zu scheiden, alle Quellen der altsächsischen Sprache aus dem heidnischen Zeitraum sind versiegt; in den ersten Jahrhunderten nach der Bekehrung entsprangen unter den Sachsen wohl noch größere Dichtungen, von welchen sich ein einziges bewahrt hat, aus dessen ansehnlichem Umfang hauptsächlich die Regel der Sprache erkannt werden muß; gering sind andere Überbleibsel. Dies Altsächsische mag etwa zwischen Münster, Essen und Kleve zu Haus gewesen sein, es hat Anklänge an das Niederländische, und entfernt sich, bei manchen Ähnlichkeiten, doch bedeutend vom Angelsächsischen. Für die jüngere Zeit könnte die Benennung Sächsisch beibehalten werden, schiene nicht angemessen sie mit der allgemeineren Niederdeutsch zu vertauschen, welche, in gewissem Betracht, auch auf das Friesische und Niederländische sich erstrecken darf.
▷ ▷Seitdem unter den Karolinger Einheit und Zusammenhang der innern deutschen Volksstämme sich festigten, konnte eine Wirkung dieser lebhafter als vorher gefühlten Gemeinschaft auch für unsre Sprache nicht ausbleiben. Im sechsten und siebenten Jh. muste die der Franken, Burgunden, Alamannen, Bajuwaren und Thüringer merkbar von einander abstehn; auch im achten und neunten Jh. lassen sich einzelne Unterschiede grammatisch erfassen, und doch, wer vermöchte die auf uns gekommnen einzelnen Denkmäler durchgreifend nach ihnen zu sondern? Man gewahrt bloß daß die alamannische Mundart zu überwiegen beginnt, die Bairische ihr sehr nahe tritt, wie schon die geschriebnen Volksrechte beider Stämme in vielen Bestimmungen zusammentreffen, kein burgundisches Stück läßt sich aufweisen, kaum ein thüringisches. Das schwierigste scheint zwischen alamannischer und fränkischer Sprache die Grenze zu finden. Wenn Alamannen (wie teilweise Burgunden) lange Jahrhunderte hindurch die Strecke des Oberrheins bis zum Main hinab besessen hatten; muß auch noch unter den Karolingen einer hälfte der Schweiz, dem Elsaß und einer Seite des nun bald so heißenden Lothringens alamannische Bevölkerung zustehn. Der Umfang Alamanniens war durch Siege der Franken geschmälert worden, und am Rhein, am Neckar bis gegen Thüringen hieß das Land nun Franken; doch welchen Begrif hatte uns altfränkische Sprache? Die Franken waren vom Niederrhein her durch Belgien und die Ardennen in Gallien eingedrungen, ihre älteste Spracheigenheit muß aus den zerrütteten malbergischen Glossen und aus Namen bei Schriftstellern des 6. 7. 8 Jh. geschöpft werden; diese dürftigen Behelfe reichen nicht zur Grammatik hin, zeigen aber schon in dem Lautelement merklichen Abstand von alamannischer Mundart. Entschieden fränkische Sprachdenkmäler sind uns misgönnt, aus der Zeit der Merowinger wie der Karolinger, und die von Karl dem Großen veranstaltete Sammlung vaterländischer Gedichte ist verloren. Aber die Macht der deutschen Zunge im fränkischen Reich scheint frühe schon aus dem innern Gallien nach Austrasien und dem Rheinland hin gewichen; Benennungen der Monate und Winde bei Einhart, der zu Straßburg geschworne Königseid nähern sich dem Alamannischen und nur die Übersetzung der Kapitularien in der Trierer hs. steht ihm etwas ferner. Herrschte nun in Sanktgallen, Konstanz, Sindleozesouwa (Reichenau), Straßburg unbezweifelt alamannische Sprache, so wird im vosagischen Gebiet bis nach Tull, den Rhein hinab bis nach Speier, Worms und Mainz, auf dem rechten Ufer bis gegen Fulda und Würzburg keine große Verschiedenheit von ihr stattgefunden haben. Otfried zu Weißenburg, hart ander damaligen Marke zwischen Alamannien und Franken, nennt seinen Dialekt selbst einen fränkischen, und bei ihm, noch mehr bei den Übersetzern Isidors und Tatians, deren Heimat wir nicht wissen, die ich aber nach Lothringen setzen möchte, zeigen sich Vermittlungen zwischen alamannischcr und sächsischer Sprache, doch mit dem Übergewicht jener. Das ließe sich Fränkisch nennen, nur in der Grammatik ebenso schwer getrennt behandeln als das Bairische neben dem Alamannischen. Bedarf es folglich, um diese drei Mundarten zusammenzufassen, einer allgemeinen Benennung, so war sie damals bestimmt im Gang, und kann keine andre sein als Deutsch, was, wie hernach ausgeführt werden soll, mit Fränkisch beinahe zusammenfiel.
▷ ▷Hierzu kommt, datl die fortschreitend entfaltete Bildung unserer Poesie und Literatur auch fernerhin eben auf dem Grund dieser nun unzertrennlich gewordnen drei Mundarten sich emporhob, welche für das 12 und 13 Jh. passender die Schwäbische, Bairischöstreichische und Fränkische[3] genannt werden, ohne völlig das Provinzielle aufzugeben, teilen sie sich in lebendigster Anregung das allgemeine mit und prägen die Kennzeichen der über dem landschaftlichen Gebrauch in der Höhe schwebenden deutschen Schriftsprache noch reiner aus.
▷ ▷Zur Unterscheidung der sächsischen Mundart, die im Norden des Reichs, wiewol auf engerem Boden, jenen südlichen gegenüber Stand, und ebenso gültigen Anspruch auf den Hauptnamen hatte, scheint die hergebrachte Ausdrucksweise Niederdeutsch und Hochdeutsch die Gefügste, nicht bloß im örtlichen Sinn, der das höhere Gebirgsland den flachen Niederungen entgegensetzt, sondern auch geistig genommen, weil die hochdeutsche Sprache und Dichtkunst aufstieg, die Niederdeutsche sank. Denn selbst im Glanz der sächsischen Könige hatte die niederdeutsche Mundart nicht wieder zur Blüte gelangen können; unter den Frankischen und Schwäbischen sammelte sich die Hochdeutsche mit erneuter Stärke, und begann schon ihren Einfluß über den Mittelrhein, Hessen und Thüringen auszudehnen.
▷ ▷Vollends entschied im 16 Jh. die Reformation, welche aus Deutschlands Mittelpunkt ausgehend den eingetretnen Verfall der Poesie durch Kräftigung der Prosa ersetzte und den hochdeutschen Dialekt in Kirchen und Schulen einführte, so daß er von da an in der Poesie des 17 und noch herrlicher in der des 18 Jh. veredelt als deutsche Schriftsprache herrschte. Sie kann aus den lebendigen Volksmundarten, die den angestammten Unterschied zäher bewahren und langsamer fahren lassen, durch die Läuterung der Dichter und Schriftsteiler erfrischt, nicht aber abgeändert werden.
▷ ▷Somit ergeben sich die der Grammatik notwendigen und in der historischen Untersuchung gerechtfertigten Benennungen einer althochdeutschen, mittelhochdeutschen und neuhochdeutschen Sprache, deren Ordnung und Verhältnis gesondert darzustellen ist.[4]
▷ ▷Die gotische Sprache bildet nur eine Periode; auch die Angelsächsische, neben welcher jedoch das aus ags. Grundbestandteil hervorgegangne, durch Zufluß des normannisch-französischen gemischte Alt- und Neuenglisch zu betrachten bleibt. Als Fortsetzung der altnordischen Zunge, deren Form sich auf Island beinahe noch heute geborgen hat, gelten die Neunordischen, in Schweden und Dänemark bald gleichmäßig bald mit Abweichungen ausgebildeten und regen Sprachen, am Isländischen zeigt sich, wie auch ein vollkommener und reiner Typus der alterthümlichen Formen, wenn er sich in den Schranken abgeschlossener Bevölkerung hält, fort zu dauern vermag, etwas Ähnliches gewahrt man an dem friesischen Dialekt des 13 und 14 Jh., der noch damals und umgeben von geschwächteren Mundarten, fast in der älteren Gestaltung beharrte, und dem ags. des 10 oder 11 Jh. näher stand als dem Altenglischen oder Mittelniederländischen jener jüngeren Zeit.
▷ ▷Wie bei Skandinavien genügen für die Niederlande zwei Perioden, nur daß dort die alte und neue Zeit, hier die mittlere und neue Erwägung fordern, dem Norden mangelt sein Mittelalter, oder richtiger ausgedrückt, fällt ihm mit dem Altertum zusammen, wodurch der ruhige Gang der nordischen Sprache und Literatur bezeichnet wird: erst späterhin machten sich deutsche Einflüsse besonders auf Dänemark geltend. Daß uns Kenntnis altniederländischer Sprachformen gebreche, wurde schon vorhin angemerkt. Beide, die friesische und mittelniederdeutsche Mundart gehn der Fortbildung in neuer Schriftsprache verlustig; denn was in Friesisch oder Plattdeutsch heutigestages zu dichten oder zu schreiben versucht werden kann, steht nicht auf der Stufe der neuhochdeutschen Sprache, es ist nur ebenbürtig dem auch noch in oberdeutschem Dialekt gelingenden. Die unentbehrlichen drei Zeiträume hochdeutscher Sprache zeugen nicht allein von größerer Fülle, Kraft und Rührigkeit der Volksstämme aus deren Mitte, sondern auch von dem breiteren Grund, in dem sie erwachsen ist.
▷ ▷Über den althochdeutschen Sprachquellen hat ein ungünstiges Geschick gewaltet: sie stehn hinter der Reinheit und dem hohen Alter des gotischen Denkmals; sie erreichen zwar das Alter, aber lange nicht den Wert, noch die Menge der angelsächsischen Quellen, und wenn ihre Aufzeichnung allerdings um drei oder vier Jahrhunderte früher erfolgt ist, als die der Altnordischen, werden sie durch den innern gebalt und Reichtum dieser weit übertroffen, wir erlangen also von dem althochdeutschen Sprachstand nur eine lückenhafte und unterbrochne Vorstellung. Vollen Ersatz leistet die Wärme und Fruchtbarkeit der mittelhochdeutschen Poesie, durch die uns der einheimischen Sprache schätz eben so ergibig, wenn schon von anderer Seite aufgetan wird, als in der formgewaltigen objektiven Eigentümlichkeit des Nordens. Wie ansehnlich und erwünscht auch der Vorrat mittelniederländischer Dichtungen sei, an die Bedeutsamkeit der Hochdeutschen reicht er nicht von Ferne.
▷ ▷Nach dieser ungefähren Übersicht der Fundgruben, aus welchen das bald geschmeidige bald spröde Erz für eine historische Grammatik deutscher Sprache zu Tage gefördert werden kann, darf ich vorlaufig ein allgemeines Kennzeichen angeben, das sie von allen übrigen urverwandten Sprachen unterscheidet, und auch eine wesentliche Verschiedenheit unter ihren einzelnen Zweigen begründet, es ist kein anderes als die Lautverschiebung von welchem Gesetz in der Folge umständlich gehandelt werden soll.
▷ ▷Auf zwei regelrechten Stufen nehmlich tritt das genau in einander gefügte Verhältnis der stummen Konsonanten jener urverwandten Sprachen einer Abweichung einmal sämtlicher Deutscher und dann wiederum der Hochdeutschen entgegen, so daß, gerade wie die deutschen Sprachen hierin überhaupt von den urverwandten verschieden sind, auch die Hochdeutsche von allen übrigen Deutschen verschieden ist. Die begonnene Bewegung hat nicht eingehalten, sondern ihren Kreis erst in der hochdeutschen Mundart erfüllt. Wenn folglich z. b. ein lateinisches, griechisches oder indisches Wort die erste Stufe einnimmt, so findet sich das ihm entsprechende gotische auf der zweiten, das Hochdeutsche auf der dritten; ein vierter Standpunkt wäre unmöglich, weil er notwendig auf den ersten zurückkehren müßte.
▷ ▷Dieses characteristische und für die Erforschung unserer Sprache höchst willkommne Merkmal scheint gleichwohl keinen ursprünglichen, nur einen historischen Unterschied zu liefern, von dem in frühen Zeiten der hochdeutsche, in noch früheren alle übrigen deutschen Stämme nicht betroffen wurden, er zeigt bloß eine im Verlauf der Jahrhunderte eingetretne Richtung an, durch welche der eigentlichen und nahen Gemeinschaft des gesammten deutschen Volks kein Eintrag geschieht. Hiervon zeugen uns merkwürdige Ausnahmen und Unterbrechungen, denen die Regel der Lautverschiebung einzeln und sogar Reihenweise unterliegt, ohne dadurch überhaupt aufgehoben zu werden, solche Ausnahmen sind zumal bei dem Verhältnis der besonderen Mundarten beachtungswert, die zusammen den hochdeutschen Sprachstamm bilden, für den Dialekt, in welchem die hochdeutsche Lautsenkung am reinsten durchgedrungen ist, werde ich mich hin und wieder der Benennung des Strengalthochdeutschen bedienen, ohne daß damit eben auf einen bestimmten Volksschlag gewiesen würde, der jedoch kaum ein andrer als der alamannische sein könnte. Im Mittelhochdeutsch, nochmehr im Neuhochdeutsch weicht diese Strenge ganz: ein Beweis wie sehr unsre Schriftsprache, obschon von der alamannischen Mundart ausgegangen, in allmälichem Fortschritt sich doch wieder den übrigen zu nähern strebte.
▷ ▷Wenn nun zwar die Lautverschiebung einen wesentliclien Gegensatz der hochdeutschen Sprache zu allen übrigen begründet, werden dadurch nicht andere Gesichtspunkte ausgeschlossen, unter welchen die verschiednen Äste des deutschen Volks einander näher oder ferner stehn.
▷ ▷Um nur einiges hervorzuheben, so bildet der nordische Stamm mit seinen Passiv- und Artikelsuffixen einen Hauptabstand von allen übrigen, auch in der Wegwerfung des auslautenden -n von der schwachen Flexion, wie von den Infinitiven und Tertiis Pl. schließt er sich eigenthümlich ab und nur der friesische Dialekt halt es damit einigermaßen ebenso, während ihm der gotische, althochdeutsche und sächsische hier gegenüber liegen. In den vokalischen, zumal diphthongischen Verhältnissen aber rückt das Althochdeutsche dem Gotischen näher, das Sächsische dem Nordischen.
▷ ▷Hier entscheiden insgemein Übereinkunft oder Abweichung in den Wurzeln und Wörtern weniger, als die Rücksicht auf Laute, Flexionen und syntaktische Wortfolge.
▷ ▷Allgemein betrachtet läßt sich aufstellen, was auch durch räumliche Beziehungen bestätigt wird, und wobei die zeitliche Verschiedenheit nicht außer acht zu lassen ist: die gotische Sprache steht in inniger Verwandtschaft zur Hochdeutschen, doch verbleibt jener zugleich noch ein gewisser Anschluß an die Nordische. Hochdeutsch, Niederdeutsch, Niederländisch, Angelsächsisch liegen gegenseitig in engem Band, allein wiederum so, daß das Sächsische Angelsächsische und Englische außerdem eine merkliche Berührung mit dem Nordischen haben. Hochdeutsch und Niederdeutsch vermittelten sich ehmals in dem Fränkischen; einige schwache Spuren dieser Vermittlung läßt noch heute das Niederländische gewahren. Das Friesische schlägt die Brücke aus dem Dänischen in das Sächsische; von dem hochdeutschen Ufer auf das gotische Gebiet ist sie uns abgebrochen, wie von den Baiern aus zu den Langobarden, hätte von ihnen man wahrscheinlich zu den Herulen, Rügen, unmittelbar von da zu den Goten und ihrem Anhang gelangen können. Vielleicht daß ein andrer noch mehr verschlagner und abgetragner Weg von den Thüringern zu den Markomannen und Quaden gen Osten führte.
▷ ▷Was die äußere Berührung (nicht die viel tiefer begründete Urverwandtschaft) mit fremden Sprachen anlangt; so hat ihrer die Gotische mit der Finnischen Litthauischen, Slavischen und Römischen; die Hochdeutsche mit der Slavischen und Romanischen; auch die Niederdeutsche einige, wiewohl andere mit der Slavischen; die Niederländische zumal mit der Romanischen, im Angelsächsischen walten geringfügige Einflüsse des Keltischen. Weit enger hat das Englische sich dem Französischen vermählt, frühste Einwirkung des Keltischen würde im Altfränkischen zu spüren sein, das Nordische zeigt, vorzüglich von Schweden her Zusammenhang mit dem Finnischen, nur sparsam und unsicher wird man Keltischen aufweisen in Jütland und Dänmark.
▷ ▷Alle diese Andeutungen über die manigfaltig ausgebreiteten und verschränkten Zweige und Äste des großen deutschen Sprachstamms lassen sich in vergleichender, historischer Darstellung viel lehrreicher und lebhafter ausführen, als hier beabsichtigt werden konnte.
- ↑ 1) In sofern γλῶσσα, lingua, sermō die eigentümliche Ausdrucksweise eines Individuums, Stammes oder Volkes bezeichnen, wird dafür golh. razda gebraucht (Rom. 14, 11. I Cor. 12, 10. 13, 8. 14, 21. 23. 26 = γλῶσσα, Matth. , 73. Marc. 14, 70 = λᾰλῐᾱ́); ebenso ags. reord in den alten gediebten (reord väs þâ gieta eorðbûendum an gemæne Cædm. 98, 25. torhtan reorde, vèregan reorde Cædm. 248, 10. 267, 9. cearegan reorde Andr. 2215), in der jüngeren Prosa aber spræc; ahd. ehmals gewiß auch rarta, wie noch aus elirartèr (aliēnigena, goth. aljarazdja?) folgt, doch später galt rarta für das engere modulātiō (Graff 2, 535); für sermō loquela sprāhha (schon fragm., theot und T. Matth. 26, 73. spràcha O. IV. 18,27) auch zungā (O. I. 1, 31. 53. 122.) mhd. sprāche, zuweilen zunge (Mar. 148, 12. Aw. 2, 10.) und rede (mit dütisker rede Mar. 148, 41.) altn. tūnga; das schwed. sprak, dän. sprog (beide neutral) scheinen aus hochd. Einfluß zu erklären, nnl. spraak gewöhnlich aber taal (was ursprünglich Zahl oder Erzählung bedeutet) Heutzutage bedienen wir uns auch der Ausdrücke Mundart und Dialekt in etwas eingeschränkterem Sinn, aber schwankendem.
- ↑ 1) Im neunten Jh. scheint man sie die anglische geheißen zu haben, vgl. nachher $. 13 und das abecedarium anguliscum im cod. sgall. 878 p. 321 linguā Anglorum bei Beda 13, 19 gibt Älfred durch on englisc. In Urkunden auch die Benennung sächsisch: fures quos saxonice dicimus vergeldþeóvas (a. 796.) Kembles ch. ags. I, 172. 207. Den zusammengesetzten Namen Engilsahsun haben erst spätere Glossen (Graft* 1, 351.)
- ↑ 1) Sowol Ostfränkische als Rheinfränkische, unter welcher letztern man sich, mehr die westliche Mittelrheinische denkt.
- ↑ 1) Von oberdeutschen Volksmundarten kann die Rede sein, nicht von altoberdeutscher Sprache; wie wollte man unter dieser die lLothringische und Fränkische begreifen? Und Mittelhochdeutsch hat sich noch weiter, Neuhochdeutsch ganz aus dem Bereich von Oberdeutschland entfernt, vgl. was im Verfolg bei Feststellung des Begriffs der heutigen Volksdialekte über den Namen Plattdeutsch gesagt werden wird.