Werk:Phaidon (Platon)/63b-69e
◀▷[1]Als Sokrates das angehört hatte, schien mir, er freute sich über Kebes' Eifer in der Sache, und uns anblickend sprach er: Immer macht Kebes irgendwelche Einwände ausfindig und will sich durchaus nicht ohne weiteres von dem überzeugen lassen, was jemand sagt.
Darauf sprach Simmias: Aber diesmal, Sokrates, scheint auch mir etwas an dem zu sein, was Kebes sagt. Denn warum sollten wohl wahrhaft weise Menschen vor Herren fliehen, die besser sind als sie, und sich leicht von ihnen losmachen? Und mir scheint, Kebes zielt mit seiner Rede auf dich, daß du es so leicht erträgst, uns zurückzulassen und auch, wie du selbst einräumst, die guten Herrscher, die Götter.
[2]Ihr habt recht, sprach er. Ich glaube nämlich, ihr wollt sagen, daß ich mich hierüber zu verteidigen habe wie vor Gericht.
Allerdings, sagte Simmias.
[3]Nun gut, sprach er, ich will versuchen, mich vor euch überzeugender zu verteidigen als vor den Richtern.[4] Denn, Simmias und Kebes, wenn ich nicht glaubte, erstens zu anderen weisen und auch guten Göttern zu kommen, ferner auch zu verstorbenen Menschen, die besser sind als die hiesigen, dann hätte ich wohl unrecht, nicht unwillig zu sein über den Tod. Nun müßt ihr aber wissen,[5] daß ich zu guten Menschen zu gelangen hoffe – wenn ich das auch nicht ganz sicher behaupten möchte –; daß ich aber zu Göttern, die vollkommen gute Herren sind, kommen werde, wißt, daß ich, wenn überhaupt etwas von diesen Dingen, dann dies behaupten möchte. Daher bin ich nicht so unwillig wie sie, sondern ich bin guter Hoffnung, daß es etwas gibt für die Verstorbenen, und zwar, wie schon immer gesagt wurde, etwas viel Besseres für die Guten als für die Schlechten.
Was nun, Sokrates? fragte Simmias. Hast du mi Sinn, diesen Gedanken für dich zu behalten und fortzugehen oder möchtest du ihn auch uns mitteilen?[6] Denn ein gemeinsames Gut, scheint mir, sollte das auch für uns sein, und zugleich wird eben das deine Verteidigung sein, wenn du uns von dem, was du sagst, überzeugst.
Gut, sagte er, ich will es versuchen. Zuerst aber laßt uns nach Kriton sehen, was es ist, das er mir schon lange sagen zu wollen scheint.
Was sonst, Sokrates, sprach Kriton, als daß der, der dir das Gift geben soll, mir schon lange sagt, man müsse dir raten, dich möglichst wenig zu unterhalten. Denn er sagt, man erhitze sich zu sehr, wenn man sich unterhält, das vertrage sich aber nicht mit dem Gift; andernfalls seien die, die das tun würden, manchmal gezwungen, zwei- und auch dreimal zu trinken.
Da sagte Sokrates: Laß ihn gehen. Soll er nur das Seine vorbereiten, damit er mir auch zweimal etwas geben kann, wenn nötig, auch dreimal.[7]
Das wußte ich beinah schon, sagte Kriton, aber schon lange läßt er mir damit keine Ruhe.▷
—Übrstzng F.S.[9]Es scheinen nämlich alle, die sich auf die rechte Weise mit der Philosophie befassen, – verborgen vor den anderen – nichts anderes zu betreiben als zu sterben und tot zu sein. Wenn das nun wahr ist, wäre es doch wohl sonderbar, sich im ganzen Leben um nichts anderes zu bemühen als um dieses, wenn es aber nun selbst käme, unwillig zu sein über das, worum man sich schon so lange bemüht und was man betrieben hat.
Da lachte Simmias und sagte: Bei Zeus, Sokrates, obwohl ich jetzt durchaus nicht zum Lachen aufgelegt bin, hast du mich zum Lachen gebracht. Denn ich glaube, wenn die Leute das hören würden, würden sie meinen, das sei sehr treffend gesagt im Hinblick auf die Philosophen – und die Leute hier bei uns[10] würden wohl völlig zustimmen –, daß die Philosophen tatsächlich zu sterben wünschten; und sie wüßten sehr gut, daß sie es auch verdienten, dies zu erleiden.
Sie würden wohl auch die Wahrheit sagen, Simmias, abgesehen von dem »sehr gut wissen«. Denn weder wissen sie, inwiefern die wahren Philosophen zu sterben wünschen, noch, inwiefern sie den Tod verdienen und was für einen Tod.[11] So wollen wir, sprach er, die Sache unter uns besprechen und uns um jene nicht kümmern.[12] Glauben wir, daß der Tod etwas ist?
Sicher, sagte Simmias, indem er das Wort ergriff.
Doch wohl nichts anderes als die Trennung der Seele vom Körper? Und das sei das Tot-Sein, wenn der Körper, getrennt von der Seele, abgesondert ganz für sich ist, und auch die Seele, getrennt vom Körper, abgesondert ganz für sich ist? Der Tod ist doch nichts anderes als dieses?
Nein, sondern eben dies, sprach er.
Prüfe also, du Guter, ob du derselben Ansicht bist wie ich!
[13] Denn hieraus, glaube ich, werden wir besser erkennen, was wir untersuchen. Scheint es dir Sache eines philosophischen Menschen zu sein, sich um die sogenannten Lüste wie die des Essens und Trinkens zu bemühen?
Keineswegs, Sokrates, antwortete Simmias.
Aber um die der körperlichen Liebe? Durchaus nicht.
Und um die sonstige Pflege des Körpers – glaubst du, daß ein solcher große Achtung für sie hegt? Zum Beispiel der Besitz von besonderen Kleidern und Schuhen und der andere Schmuck für den Körper, meinst du, daß er ihn hoch oder gering achtet, [14] soweit es nicht unbedingt notwendig ist, etwas davon zu haben?
Gering achten, denke ich, wird ihn der wahre Philosoph. Scheint dir also nicht überhaupt die Bemühung eines solchen Menschen nicht auf den Körper gerichtet zu sein, sondern sich, so weit es ihm möglich ist, von diesem zu entfernen und sich der Seele zuzuwenden?
Ja.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Also vor allem in diesen Dingen zeigt sich der Philosoph als einer, [15]der die Seele so weit er kann von der Gemeinschaft mit dem Körper loslöst, anders als die anderen Menschen.[16] Offenbar.
Und doch glauben wohl die meisten Menschen, Simmias, für den, der an solchen Dingen kein Vergnügen findet und auch nicht an ihnen teilhat, lohne es nicht zu leben, sondern ganz nahe sei schon dem Tot-Sein, wer sich nicht um die Lüste kümmert, die durch den Körper kommen.[17]
Du hast völlig recht.
[18] Wie steht es aber mit dem Erwerb von Einsicht? Ist der Körper dabei mi Weg oder nicht, wenn man ihn zur Suche nach ihr als Gefährten miteinbezieht?[19] Was ich damit sagen will, ist: bieten das Sehen und das Hören den Menschen irgendeine Wahrheit oder schwatzen uns derartiges nicht auch die Dichterimmer vor, daß wir nichts Genaues hören und sehen? Wenn nun aber von den Wahrnehmungen, die zum Körper gehören, schon diese nicht genau und sicher sind, dann wohl schwerlich die anderen; denn sie alle sind ja wohl schlechter als diese. Oder erscheinen sie dir nicht so?
Allerdings, sagte er.
Wann also, fragte er, erfaßt die Seele die Wahrheit? Denn wenn sie versucht, mit dem Körper etwas zu untersuchen, wird sie offenbar von ihm getäuscht.
[20] Du hast recht.
Wird ihr also nicht im Denken, wenn überhaupt irgendwo, etwas vom Seienden offenbar?
Ja.
Sie denkt aber doch dann am besten, wenn nichts davon sie stört: weder Hören noch Sehen, weder Schmerz noch irgendeine Lust, sondern wenn sie so weit wie möglich ganz für sich ist, den Körper beiseite läßt und, so sehr sie kann, ohne Gemeinschaft oder Berührung mit ihm nach dem Seienden strebt.
So ist es.
Nicht wahr, auch hierin achtet die Seele des Philosophen den Körper am geringsten und flieht ihn,[21] bemüht sich hingegen, ganz für sich zu sein?[22]
Offenbar.
Wie ist es nun mit dem folgenden, Simmias? Behaupten wir, daß das Gerechte selbst etwas ist oder nichts?[23]
Das behaupten wir allerdings, bei Zeus!
Und daß auch das Schöne etwas ist und das Gute?
Wieso denn nicht?
Hast du nun schon jemals etwas davon mit den Augen gesehen?
Niemals, sprach er.
Aber mit irgendeiner anderen der Wahrnehmungen, die man durch den Körper hat, hast du es erfaßt? Ich meine all dies wie zum Beispiel Größe, Gesundheit, Stärke, mit einem Wort: das[24] Wesen aller Dinge, was jedes wirklich ist. Wird durch den Körper das eigentlich Wahre an ihnen gesehen oder verhält es sich so: Wer sich von uns am meisten und am sorgfältigsten darauf einrichtet, jegliches selbst zu denken, was er untersucht, der dürfte doch wohl der Erkenntnis eines jeden am nächsten kommen.
Allerdings.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Wird dies also nicht der am reinsten tun, der so weit wie möglich mit dem Denken selbst zu jedem geht und weder das Sehen beim Denken[25] zur Hilfe nimmt noch irgendeine andere[26] Wahrnehmungsart zu seiner Überlegung heranzieht, sondern versucht, indem er das reine Denken ganz für sich gebraucht, rein ganz für sich auch das Seiende zu fassen – so weit wie möglich getrennt von Augen und Ohren und, um es kurz zu sagen, vom ganzen Körper, der nur verwirrt und die Seele nicht Wahrheit und Einsicht erwerben läßt, wenn er mit dabei ist? Ist es nicht dieser, wenn überhaupt jemand, der das Seiende treffen wird?
Überaus richtig, was du sagst, Sokrates, sprach Simmias.
[27] Ist es nun nicht unvermeidlich, sagte er, daß durch dies alles eine solche Meinung bei den »echten« Philosophen aufkommt,[28] daß sie untereinander derartiges reden wie: »Es scheint so, als führte uns beim Untersuchen mit der Vernunft gewissermaßen ein Pfad hinaus, weil wir, solange wir den Körper haben und unsere Seele mit diesem Übel vermengt ist, niemals hinreichend besitzen werden, was wir begehren; dies aber, sagen wir, sei das Wahre. Denn tausendfachen Mangel an Muße bereitet uns der Körper wegen der für ihn notwendigen Nahrung;[29] ferner, wenn uns irgendwelche Krankheiten befallen, hindern sie uns an der Jagd nach dem Seienden. Aber auch mit Liebesverlangen und Begierden, mit Ängsten, mancherlei Bildern und vielen Kindereien erfüllt er uns, so daß uns in Wahrheit, wie man zu sagen pflegt, unter seiner Einwirkung niemals auch nur irgendwelche Einsichten entstehen. Denn auch Kriege, Zwietracht und Kämpfe verursacht uns nichts anderes als der Körper und seine Begierden. Um den Erwerb von Gütern nämlich entstehen alle Kriege; die Güter zu erwerben, sind wir aber durch den Körper gezwungen,[30] weil wir der Pflege des Körpers zu Diensten sein müssen. Und deshalb mangelt es uns an Muße, Philosophie zu betreiben, al dieser Dinge wegen.[31] Das Schlimmste aber von allem ist, daß, wenn wir auch einmal Muße von ihm haben und wir uns der Prüfung einer Sache zuwenden, er in unseren Untersuchungen wieder überall dazwischentritt und Verwirrung und Unruhe verursacht und uns aus der Fassung bringt, so daß wir seinetwegen das Wahre nicht erkennen können. Vielmehr ist uns in Wirklichkeit ganz klar, daß wir uns, wenn wir jemals etwas rein erkennen wollen, von ihm trennen und mit der Seele selbst die Dinge selbst betrachten müssen. Und dann erst, wie es scheint, werden wir das haben, was wir begehren und dessen Liebhaber wir zu sein behaupten, die Einsicht: wenn wir tot sein werden, wie die Rede andeutet; so lange wir leben aber nicht. Denn wenn es nicht möglich ist, mit dem Körper etwas rein zu erkennen, so bleibt nur eins von beidem – entweder, daß wir niemals in den Besitz des Wissens gelangen oder erst nach dem Tod. …
—Übrstzng F.S.◀▷…[32] Dann nämlich wird die Seele ganz für sich sein, getrennt vom Körper, vorher aber nicht. Und so lange wir leben, werden wir, wie es scheint, nur dann dem Wissen am nächsten sein, wenn wir so weit wie möglich weder mit dem Körper verkehren noch mit ihm Gemeinschaft haben, sofern es nicht unbedingt notwendig ist, und uns nicht von seiner Natur erfüllen lassen, sondern uns rein halten von ihm, bis Gott selbst uns loslöst. Und so rein und vom Unverstand des Körpers getrennt,[33] werden wir wahrscheinlich mit Gleichartigen zusammen sein und[34] durch uns selbst alles Reine erkennen; das ist eben wohl das Wahre. Dem Unreinen nämlich ist Reines zu berühren wohl nicht erlaubt.«
Derartiges, meine ich, Simmias, werden unvermeidlich alle »rechten« Liebhaber der Wissenschaft untereinander reden und auch glauben. Oder scheint es dir nicht so? Durchaus, Sokrates.
[35] Nun, sagte Sokrates, wenn das wahr ist,[36] mein Freund, dann besteht ja große Hoffnung für den, der dort ankommt, wohin ich jetzt gehe, daß er dort, wenn überhaupt irgendwo, in hinreichendem Maß das erwerben wird, worum wir uns im vergangenen Leben so viel Mühe gemacht haben; so daß die mir nun[37] befohlene Reise mit guter Hoffnung unternommen werden kann, auch für jeden anderen Menschen, der glaubt, sein Denken so eingerichtet zu haben, daß es rein ist.
Allerdings, sprach Simmias.
Wird sich aber als Reinigung nicht das herausstellen, was längst in unserer Rede besprochen wurde, nämlich die Seele so weit wie möglich vom Körper zu trennen und sie daran zu gewöhnen, sich von überall her aus dem Körper ganz für sich zu sammeln und zusammenzuziehen und nach Kräften sowohl in [D] der Gegenwart als auch in der künftigen Zeit allein für sich zu leben, losgelöst vom Körper wie von Banden?[38]
Allerdings, sagte er.
Wird nun nicht dieses eben Tod genannt, die Lösung und Trennung der Seele vom Körper?
Gewiß, sprach er.
Sie zu lösen, bemühen sich aber, wie wir sagen, immer am meisten und alleine die rechten Philosophierenden, und gerade das ist das Geschäft der Philosophen, die Lösung und Trennung der Seele vom Körper –oder nicht? Offenbar.
Wäre es nun nicht, wie ich anfangs sagte, lächerlich, wenn ein [E] Mensch, der sich in seinem ganzen Leben darauf eingerichtet hat, möglichst nahe dem Tod-Sein zu leben, dann doch, wenn dieses käme, unwillig wäre?
Wie sollte das nicht lächerlich sein?
In der Tat, Simmias, sagte er, üben sich also die rechten Philosophierenden im Sterben, und das Tot-Sein ist ihnen von allen Menschen am wenigsten furchtbar. Prüfe es aber von folgendem her: Wenn sie nämlich völlig mit dem Körper entzweit sind und die Seele ganz für sich zu haben begehren, sobald dies aber eintritt, sich fürchten würden und unwillig wären – …▷
—Übrstzng F.S.◀▷… - wäre das nicht der größte Widersinn, wenn sie nicht gerne dorthin gehen wollten,[39] wo sie Hoffnung haben, das zu erlangen, was sie während ihres Lebens liebten – sie liebten aber die Einsicht –; womit sie aber entzweit waren, von der Vereinigung mit diesem getrennt zu werden? Oder: Viele, deren menschliche Geliebte und Frauen und Kinder gestorben sind, wollten ihnen freiwillig in die Unterwelt nachfolgen, von der Hoffnung geleitet, diejenigen dort zu sehen, nach denen sie begehrten, und mit ihnen zusammenzusein. Wenn aber jemand die Einsicht wahrhaft liebt und fest gerade diese Hoffnung hegt, nirgendwo anders mit ihr auf eine Weise, die der Rede wert ist, zusammenzutreffen,[40] als in der Unterwelt, dann sollte der nur widerwillig sterben und nicht gerne dorthin gehen? Man muß es wenigstens annehmen, wenn er wahrhaftig, mein Freund, ein Philosoph ist; denn ganz stark wird er das glauben, nirgendwo anders die Einsicht rein anzutreffen als eben dort. Wenn sich das aber so verhält, wie ich eben gesagt habe, wäre es dann nicht äußerst widersinnig, wenn ein solcher den Tod fürchtet?[41]
Äußerst widersinnig, bei Zeus, entgegnete er.[42] Ist dir das nicht ein hinreichendes Zeugnis, fragte er, daß ein Mensch, den du unwillig siehst, wenn er sterben soll, eben kein Liebhaber der Weisheit,[43] sondern wohl ein Liebhaber des Körpers war? Derselbe aber, der das ist, wird auch ein Liebhaber des Geldes und des Ruhmes sein, entweder das eine davon oder beides.[44]
Es verhält sich ganz so, wie du sagst, sprach er.
Wird nicht auch, Simmias, fragte er, was man Tapferkeit nennt, denen, die so gesinnt sind, am meisten zukommen?
Ganz gewiß, sagte er.
Und ebenso die Besonnenheit, was auch die Leute Besonnenheit nennen,[45] sich von den Begierden nicht hinreißen zu lassen, sondern sich ihnen gegenüber geringschätzig und maßvoll zu verhalten – kommt sie nicht allein denen zu, die den Körper am meisten geringschätzen und in der Liebe zur Weisheit leben?
[46]Notwendig, sprach er.
Denn wenn du, fuhr er fort, die Tapferkeit der anderen und ihre Besonnenheit erwägen willst, werden sie dir sonderbar erscheinen.
Wie das, Sokrates?
Du weißt, sagte er, daß den Tod alle anderen für eines der großen Übel halten,[47]
Durchaus, sprach er.
Erdulden nun nicht aus Furcht vor noch größeren Übeln die Tapferen unter ihnen den Tod, wenn sie ihn erdulden? So ist es.
Weil sie sich fürchten und aus Furcht sind demnach alle tapfer außer den Philosophen; obwohl das doch wohl widersinnig ist, daß jemand aus Furcht und Feigheit tapfer sein soll.
—Übrstzng F.S.◀▷Wie steht es aber mit den Maßvollen unter ihnen? Ist es mit denen nicht ebenso – aus irgendeiner Zügellosigkeit sind sie besonnen? Obwohl wir sagen, das sei unmöglich; und doch geht es ihnen bei dieser törichten Besonnenheit ganz ähnlich wie dort. Denn weil sie fürchten, anderer Lüste beraubt zu werden und weil sie diese begehren, enthalten sie sich der einen, beherrscht von den anderen. Obwohl man es Zügellosigkeit nennt, von den Lüsten [49] beherrscht zu werden, geht es ihnen doch so, daß sie, beherrscht von Lüsten, andere Lüste beherrschen. Das ist aber dem ähnlich, was eben gesagt wurde, nämlich auf eine gewisse Weise aus Zügellosigkeit besonnen geworden zu sein.
Es scheint so.
Mein lieber Simmias, das ist wohl schwerlich der richtige Tausch, um Tugend zu erlangen, Lust gegen Lust und Schmerz gegen Schmerz und Furcht gegen Furcht einzutauschen, Größeres gegen Kleineres, wie Münzen, sondern jene allein ist die richtige Münze, gegen die man al dieses eintauschen muß, die Vernunft;[50] und alles, was für sie und mit ihr gekauft und verkauft wird, hat wahrhaft Wert, sowohl Tapferkeit als auch Besonnenheit, Gerechtigkeit und überhaupt wahre Tugend, nur mit Vernunft, mögen auch Lust und Furcht und alles andere dieser Art dabei sein oder nicht. Getrennt aber von der Vernunft und bloß gegen die anderen eingetauscht würde eine derartige Tugend wohl nur ein Schattenbild sein und in Wahrheit knechtisch und würde nichts Gesundes und Wahres an sich haben. Das Wahre aber wird gerade[51] eine Art Reinigung von all diesem sein, und die Besonnenheit und die Gerechtigkeit und Tapferkeit und die Vernunft selbst sind Reinigungen.[52] Und es scheint, daß auch diejenigen, die uns die Weihen[53] eingerichtet haben, keine schlechten Leute sind, zudem daß sie uns in Wahrheit seit alters andeuten, wer ungeweiht und ungeheiligt in die Unterwelt komme, werde in Schamm liegen, der Gereinigte und Geweihte aber werde, wenn er dort angekommen ist, bei den Göttern wohnen. Es gibt nämlich, wie die der Weihen Kundigen sagen, »der Thyrsosträger zwar viele, der[54] echte Begeisterte aber wenige«.[55] Diese sind aber meiner Meinung nach keine anderen als die, die auf die rechte Weise Philosophie betrieben haben. Von denen einer zu werden auch ich nach Vermögen im Leben nichts unterlassen, sondern mich auf jede Weise bemüht habe. Ob ich mich aber auf die rechte Weise bemüht und etwas erreicht habe, werden wir, wenn wir dorthin gekommen sind, genau wissen, so Gott will, und zwar in kurzer Zeit, wie mir scheint.
Das also, sprach er, Simmias und Kebes, ist meine Verteidigung dafür, daß ich es zu Recht nicht schwer nehme und nicht[56] geneigt bin, euch zu verlassen und die hiesigen Herren, weil ich glaube, dort nicht weniger als hier gute Herren und Freunde anzutreffen. Den meisten bereitet das aber Zweifel. Wenn ich also für euch überzeugender gewesen bin in meiner Verteidigung als für die Richter der Athener. dann wäre es gut.▷
—Übrstzng F.S.- ↑ [62. A]
- ↑ [B]
- ↑ 8.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.41
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.42
- ↑ [64.A]
- ↑ 9.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.43
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.44
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [65.A]
- ↑
- ↑ ▷ 46. Die Formulierung Sterben-Lernens ist also auch eine ironische Übernahme des Urteils der Leute über die Philosophen: Wer nicht den sinnlichen Vergnügungen lebt, der ist doch eigentlich schon tot.
- ↑ 10.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 47. Die theoretische Seite der philosophischen Trennung von der Sinnlichkeit: Der Philosoph löst sich bei der Wesenserkenntnis von den durch Wahrnehmung vermittelten Eindrücken, weil diese immer subiektiv und niemals eindeutig sind (s. auch die ›Ursachenforschung‹ 96aff.), und wendet sich ganz dem am Untersuchungsgegenstand zu, was nur durch Denken zu erfassen ist. Zur Funktion der Wahrnehmung vgl. Anm. 49, 73.
- ↑ ▷ 48. Hier wie im weiteren wird ganz selbstverständlich von der Ideenannahme ausgegangen. Die Idee wird als bekannt vorausgesetzt und im Dialog auch inhaltlich nicht näher bestimmt. Mit ihr ist nur das am Ding benannt, was gedacht werden muß, damit das Ding benennbar und verstehbar wird, was aber nicht durch Wahrnehmung zugänglich ist.
- ↑ [E]
- ↑
- ↑ [66.A]
- ↑ 11.
- ↑ ▷ 50. Die im folgenden zitierte Rede der ›echten‹ Philosophen (66b-67b) faßt vermutlich den pythagoräischen Standpunkt zusammen (vgl. auch Anm. 34). Dafür spricht auch die ungeteilte Zustimmung, die diese Rede von dem Pythagoräer Simmias erfährt, der den ironischen Unterton von Sokrates beim Vortrag und den aus der Rede gezogenen Folgerungen nicht bemerkt. Daß diese Rede nicht den sokratischen Standpunkt wiedergibt, wird deutlich, wenn Sokrates sein Verständnis der philosophischen Reinigung der Seele darlegt: Die Reinigung durch die Tugend ist eigene Tat, nicht Erlösung von außen durch den physischen Tod. Nicht der Körper ist von Übel, sondern dei falsche Einstellung zu ihm. Wen der eigene Körper an der Philosophie hindert, der ist eben kein Philosoph, vielmehr wird der Philosoph durch die körperliche Ambivalenz gerade zum Philosophieren angeregt –, s 60b und 96aff. Zur Rede der ›echten‹ Philosophen vgl. auch die Einführung, S. XXII f.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 51. Der Inbegriff der ›faulen Ausrede‹: Ich möchte ja gern gut sein, aber die Verhältnisse lassen es nicht zu; nicht ich bin schuld, sondern mein tyrannischer Körper. – Diese Sicht muß im Grunde von einem ›deus malignus‹ ausgehen, der die Natur so schlecht eingerichtet hat, daß sie den Menschen notwendig am Guten hindert. Dagegen steht die sokratische Sicht: Der Mensch ist für sich und sein Tun selbst verantwortlich (s. Schlußmythos); das Übel ist nicht der Körper, sondern der Irrtum, das Körperliche sei die eigentliche Wahrheit (mehrere Stellen, z. B. 81b); Gott ist das Gute, die Welt ist vernünftig geordnet (63c, 99c).
- ↑ [67.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.52
- ↑ [B]
- ↑ 12.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.53
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.54
- ↑ [68.A]
- ↑ [B]
- ↑
- ↑ 13.
- ↑ [C]
- ↑ ▷ 56. Wer philosophisch gelebt hat, stirbt leicht, denn der Tod ist ihm nur Verlust des Sinnlichen, zu dem er ohnehin ein distanziertes Verhältnis hate. Wer schwer stirbt, gibt damit zu erkennen, daß er mit dem Tod alles zu verlieren fürchtet. Wem aber das Sinnliche alles ist, dem ist es auch in jeder seiner Erscheinungsweisen wichtig – denn er hat ja nichts anderes.
- ↑ ▷ 57. Die ›bürgerliche‹ Tugend (s. auch 82a-b), das ›anständige‹ Verhalten, das auch vom Alltagsdenken als solches beurteilt wird, das aber ohne philosophische Begründung, ohne Rückgang zu seiner Ursache, der Idee des Guten, in der Ambivalenz bloßer Erscheinung verbleibt.
- ↑ [D]
- ↑
- ↑ [E[
- ↑ [69.A]
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑
- ↑
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 61. Anspielung auf den Dionysos-Kult: Viele tragen als Zeichen ihrer Teilnahme am Kultus den Thyrsos (ein mit Weinlaub oder Binden umwickelter Stab), aber nur wenige sind ›Bakchen‹, von der geoffenbarten Erscheinung des Gottes Ergriffene. Mit anderen Worten: Viele machen sich auf den Weg, aber nur wenige erreichen das Ziel – nämlich nur die, die den richtigen, den philosophischen Weg der Suche nach Vernunft eingeschlagen haben.
- ↑ [E]