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| Wie der denkende Mensch gern zurückschaut auf dei Jahre seiner Kindheit und die ersten Spuren des erwachenden Bewusstseins verfolgt, so freuet es ihn auch einen Blick zu werfen in die frühern Zeiten des menschlichen Geschlechts und vorzüglich auf das Volk, aus dem er selbst hervorging und in dem sein Dasein wurzelt. Aber wie die Quelle unsers Daseins uns unerforscht bleibt und aus den ersten im Schlummer der Bewusstlosigkeit verlebten Jahren nur einige Momente hervortreten, so deckt auch die frühste Völkergeschichte eine tiefe Nacht, in welche nur hie und da einige Strahlen fallen. Ihnen zu folgen und nichts zu übersehen, was dazu diene kann, die frühern Schicksale und den Zusammenhang der einzelnen Völker kennen zu lernen, ist des Forschers Sache, der es freilich bedauert, dass der leitenden Sterne so wenige sind und sie oft nur undeutlich schimmern. Denn die Schreibekunst ist nicht alt und zu vielen besonders den nördlichen Völkern spät erst gedrungen; die Sage selbst, sonst von Bedeutung, ist jetzt verstummt; andere Denkmale sind theils verwittert, theils schwer zu deuten. Dennoch steigt der wissbegierige Mensch selbst in die Gräber und macht von den Urnen des Todes Schlüsse auf das Leben der Völker. Aber es gieht ein Erzeugniss des menschlichen Geistes, welches an Deutlichkeit und Sicherheit alle überstrahlt, an Alter hinausreicht nicht nur über alle in Stein und Erz gegrabene Denkmale, sondern über alle Werke der bauenden und bildenden Künste, es ist die Sprache. Dies göttliche Geschenk, durch welches die innerste Tiefe des menschlichen Geistes sich aufschliesst, der Mensch so hoch über alle andere Wesen gestellt ist, durch welches Mensch vom Menschen und Volk vom Volke sich unterscheidet und in seiner Eigentümlichkeit sich darstellt, führt ihn zurück bis in die fernsten Zeiten, lässt ihn das Vaterland der Planzen und Thiere und die Verwandschaft von Völkern erkennen, welche durch weite Länder und Meere von einander getrennt sind. Wunderbar ist es daher, wenn heute noch sonst geistreiche und verdienstvolle Geschichtschreiber meinen, aus der Ähnlichkeit einer Sprache lasse sich nicht die Verwandschaft der Nationen, sondern nur die Ähnlichkeit des menschlichen Geistes beweisen. Wie die Natur so reich ist, Millionen Wesen hervorzubringen, von denen keins dem andern vollkommen gleich ist, so vermag auch der Mensch Millionen Wörter zu bilden, welche von einander verschieden sind, und nicht Zufall kann es sein, wenn bei verschiedenen durch weite Räume und Zeiten getrennten Völkern dieselben Töne dieselbe Bedeutung haben. Blosse Ähnlichkeit des Tons aber will nichts sagen, und ''bouche''und [[Busch]], ''choux'' und [[Schuh]] haben, ohnerachtet der Ähnlichkeit des Tons, keine Verwandschaft, da sie verschiedene Gegenstände bezeichnen. Wenn aber die Zahl gleichlautender und gleiche Bedeutung habender Wörter in verschiedenen Sprachen gross ist, so muss entweder eine Stammverwandschaft, eine Unterwerfung des einen Volks durch das andere, eine Vermischung oder ein lebhafter Verkehr und eine geistige Einwirkung durch Mittheilung von Wissenschaften, Künsten und Religion Statt gefunden haben. Die Besetzung Englands durch Sachsen, die Eroberung Spaniens, Galliens durch die Römer, die Einwanderung der Gothen, Burgundier und Franken in Frankreich, die Mittheilung der Künste und Wissenschaften von Griechen an Römer und andere Völker, die Einführung der christlichen Religion in den verschiedenen Ländern sind Belege dazu. Bezeichnen die ähnlichen Wörter die ersten Stuffen der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Bedürfnisse und Verrichtungen und überhaupt die Elemente des Lebens, so weiset dies auf eine Stammverwandschalt; daher wir auch, selbst wenn die Geschichte davon schwiege, aus der Ähnlichkeit der englischen Sprache mit der deutschen gerade in diesen Gegenständen die Stammverwandschaft beider Völker erkennen müssten. Findet sich die Ähnlichkeit in Wörtern der Kunst, Wissenschaft, Religion und Gegenständen des gebildetern Lebens, so zeigt dies von einen spätern nicht so mit dem innern Kern des Daseins zusammenhangenden Einwirkung. Die grössere Ähnlichkeit oder Verschiedenheit in Zusammensetzung, Biegung, Ableitung und Wortfolge lässt uns gleichfalls die Verwandschaft und die frühere oder spätere, kürzer oder länger dauernde Einwirkung des einen Volkes auf das andere erkennen. Oft jedoch ist die Verwandschaft der Sprache schwer zu erkennen, da durch Einschieben, häufiger jedoch durch Ausstossen von Buchstaben und Sylben, durch Zusammenziehung und Betonung die Wörter sehr verändert werden, so dass man beim ersten Anblick ''[[wikt:jeudi#Frenchhttps:.2F.2Fen.wiktionary.org.2Fwiki.2Fjeudi.23French|jeudi]]'' und [[wikt:dies_Iovis#Latinhttps:.2F.2Fen.wiktionary.org.2Fwiki.2Fdies_Iovis.23Latin|''Jovis dies'']], [[wikt:Noël#French|''noël'']] und ''[[nātālis]]'', ''étranger'', ''stranger'' und ''extraneus'' wohl schwerlich für dasselbe Wort halten würde. Oft giebt eine Sprache der andern ein Wort und nimmt es verändert dann zurück; so erhielten die Franzosen von den Deutschen ''[[warten]]'' –wardan– (Burgwart) ''garder'', und wir wahmen Garde von ihnen zurück; eben so ist es mit ''Beiwache'' und ''[[wikt:bivouac#French|bivouac]]''. Bisweilen wird es daher zweifelhaft, welcher Sprache eigentlich ein Wort angehöre, und nur wenn wir den Hauptstamm, die eigentliche bedeutungsvolle Wurzel nebst einer Mennge Ableitungen davon in der einen, in der andern dagegen nur diesen vereinzelt dastehenden, blos einen Gegenstand bezeichnenden Ausdruck finden, wird es uns gelingen das Anrecht der einen Sprache unwiderleglich darzuthun.
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| Dem der lateinischen und deutschen Sprache Kundigen dringen sich eine Menge gleichlautender Wörter auf, welche in beiden Sprachen gleiche oder doch verwandte Bedeutung haben. Von einem Theile ist es klar, dass wir zugleich mit den Gegenständen der Kunst, Wissenschaft und Religion, welche uns meist durch Römer gebracht wurden, die Ausdrücke mit erhielten, so dass [[Probst]], [[Prediger]], [[Münster]], [[Meile]] etc. von ''[[prōpositus]]'', ''[[praedicātor]]'', ''[[monastērium]]'', ''[[mīle]]'' stammen. Allein diese Wörter hat die deutsche Sprache spät erhalten. Nun giebt es aber andere, welche die ersten schon dem Kinde bekannten und dem Menschen unenthehrliche Gegenstände, so wie die ersten Grade der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Regungen des Geistes bezeichnen, – ''[[pater]]'' ''[[Vater]]'', ''[[frāter]]'' ''[[Bruder]]'', ''[[nāsus]]'' ''[[Nase]]'', ''[[auris]]'' ''[[Ohr]]'', ''[[habeō]]'' ''[[haben]]'', ''[[velle]]'' ''wollen'', ''[[esse]]'' ''[[essen]]'', und tausend andere, welche nicht durch ein Spiel des Zufalls gleich lauten, nicht erst von den Römern zu den Deutschen gebracht sein können bei den ersten feindlichen Berührungen beider Völker, oder gar erst bei den kurzen und schwell vorübergehenden Einfillen der Römer in Deutschland. Wo sollen wirvden Grund dieser Ähnlichkeit suchen? Drei Fälle nur sind möglich:
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| # Diese gleichlautenden Wörter stammen von einer gemeinschaftlichen Ursprache;
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| # sie sind ans dem Latein in das Deutsche;
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| # sie sind aus dem Germanischen in die lateinische Sprache übergegangen.
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| Geben wir auch zu, dass es eine gemeinschaftliche Ursprache bei den Völkern kaukasischen Stammes gab, worauf die Verwandschaft vieler Wortstämme und Wortbiegungen in den vom atlantischen bis indischen Ocean verbreiteten Sprachen weiset und dass der Einfluss der Sanscritsprache in allen sichtbar ist, so werden wir doch auch nicht läugnen können, dass oft Sprachen einander ganz nah, ja vermischt unter einander wohnender Völker wie z. B. germanischer und slavischer nur wenig mit einander gemein haben, daher eine sehr frühe Trennung dieser Stämme angenommen werden muss, dagegen Sprachen anderer vielleicht weit getrennter Völker, sich viel näher stehen. Es bleibt daher immer noch die Untersuchung übrig, welche von den einzelnen verwandten Sprachen die ältere sei, und welche sich auf naturgemässem Wege am leichtesten von der andern herleiten lasse? Der Untersuchung, ob das Deutsche vom Englischen oder das Englische vom Deutschen abstamme, überhebt uns die Geschichte. Aber wie verhält es sich mit den Ursachen der Ähnlichkeit zwischen dem Latein und Deutschen, worüber sie nichts sagt. Sollen die lateinischen Wörter zu den deutschen durch die Römer gekommen sein, so müsste dies entweder in den Zeiten der Kämpfe der Germanen und Römer oder in einer über die Geschichte hinaus liegenden Zeit geschehen sein. Sollten die Deutschen erst in einer so späten Zeit, etwa in Cäsars Jahrhunderte, Ausdrücke für die Theile ihres Körpers, der Verwandschaften, die Begriffe des Wollens, Habens etc. bekommen haben, so müssten sie das roheste Volk der Erde gewesen sein, nicht über das Thier erhaben, welchem ihr Auftreten in der Geschichte widerspricht, da sie zu keiner Zeit als geistlose und rohe Wilde erscheinen. Oder sollen die altdeutschen Ausdrücke durch römische verdrängt worden sein? Aber wie wäre dies möglich gewesen, da Deutschland nie von den Römern auf die Dauer in Besitz genommen wurde, und sie eine Liebe zu ihrem Lande und ihrer Sprache zeigten, wie kein ander Volk? Auch würden sich dann für jene Dinge Synonyme finden, die aber grade hier meist fehlen. Und wie drangen denn diese Wörter zu den nördlichen Sachsen oder gar nach Scandinavien? Ja wie drangen in dies nördliche, fern jenseit des Meeres liegende, nie von einem römischen Fusse betretene Land eine Menge von Ausdrücken, die nicht nur mit dem Lateinischen gleichen Ton und gleiche Bedeutung haben, sondern sogar diesseits der Ostsee, in dem eigentlichen Deutschland sich nicht finden? Sollen etwa die Scandinavier aus einer lateinischen Lexicon im 9ten Jahrhundert erst es gelernt haben, dass der hell leuchtende und wärmende Körper, dem sie in ihrem kältern Lande gewiss mit Freuden stets entgegen sehen, [https://de.wikipedia.org/wiki/Sol_(nordische_Mythologie) Sol] hiess und die ersehnte Zeit der erwachenden Natur wäär? Ja woher finden sich in der gemeinen Volkssprache vieler Provinzen mehrere in der Büchersprache nicht übliche und doch mit dem Latein gleich lautende Wörter? Oder sollen wir annehmen, dass lange Jahrhunderte vorher italische Völker eine Wanderung nach Deutschland unternahmen? Aber so früh bestand die römische Sprache selbst noch nicht einmal, die, wie schon von Vielen gezeigt worden ist, sich aus einem Gemisch mehrer Völker bildete. Denn wie die Römer selbst kein Urvolk waren und deshalb auch von den Athenern [[σύγχλυδες]] genannt wurden, so war auch ihre Sprache keine Ursprache, sondern eine Mischsprache. Dies war den Römern selbst auch wohl bekannt, daher auch Varro in seinem Werke, [https://archive.org/details/delingualatinali01varr/page/188/mode/2uphttps://archive.org/details/delingualatinali01varr/page/188/mode/2up ''de lingua latina''] sagt: multās vōcēs Graecōrum et Latīnōrum orīgine esse barbarās et etymologiae vetustāte obtrītās<ref>dass viele griechische und lateinische Wörter barbarischen Ursprungs sind und ihre Etymologie durch die Antike abgenutzt ist</ref>. Und was hätte auch Völker antreiben können, nach einem nördlichern, rauhern Himmelsstrich zu ziehen, zumal aus einem glücklichen, fruchtbaren und keinesweges übervölkerten Lande, was immer noch Raum genug für viele zur See herbeikommende Colonisten hatte? ja, wie wäre eine solche Einwanderung möglich gewesen, da andere Stämme sich zwischen die germanischen und Italien gezogen hatten? Endlich sollen wir, da ein grosser Theil dieser Wörter zugleich in der persischen und Sanscritsprache sich findet, glauben, dass sie von den Lateinern zu den Germanen undvon diesen zu Persern und Indern wanderten? Dies hiesse doch den ganzen Gang der Völkerwanderungen umkehren, der Natur und allen geschichtlichen Überlieferungen Hohn sprechen! Es bleibt uns also nur übrig anzunehmen, dass diese Wörter von den Germanen zu den Römern wanderten. Und dagegen wird sich nichts Erhebliches einwenden lassen. Die deutsche Sprache ist keine Misch-, sondern eine Ursprache von grosser Eigenthümlichkeit, ausgezeichnet durch die Art, den Ton auf die Stammsylbe zu legen, durch Biegungen, Zusammensetzungen und Wortfolge, Sprache eines zahlreichen Volkes; von dem die Einwohner der meisten andern europäischen Länder abstammen, das nie einen Eroberer lange in seinem Lande sah, und das, wenn auch mancherlei Volksstämme an, und hie und dort innerhalb seiner Gränzen wohnten, doch dieses geistige Element so treu bewahrte, dass der grosse britische Sprachforscher Murray sagt, er kenne von allen Sprachen, die vom indischen bis atlantischen Meere gesprochen würden, keine reinere als die deutsche. Durch Tou, Beugung, Mangel an Fähigkeit zusammengesetzte Wörter zu bilden, verräth sich auch das ausländische Wort leicht, und der Wortreiclthum der deutschen Sprache, wie die Fähigkeit immer Neues zu bilden, welche auch in den frühesten gothischen Denkmälern schon sich zeigt, macht ihr alles Fremde leicht entbehrlich. Warum sollte der Reichthum zur Armuth betteln gehen? Ihre Formen sind die reinsten und vollsten, und haben sich behauptet, während die Südländer, sei es aus Streben nach Wohlklang auf Kosten der Deutlichkeit, oder aus Bequemlichkeit mangelhaftere, verstümmelte haben, wie wir weiter unten zeigen werden. Ist es nun denkbar, dass eine Ursprache mit ihren vollern, reinern Formen von der Mischsprache abstammen sollte, oder scheint es nicht jedem natürlich, dass der umgekehrte Fall eingetreten sei und daher das Latein vom Deutschen hergeleitet werden müsse. Aber auch Erdkunde und Geschichte spricht für eine solche Abstammung. Sei es auch, dass die Griechen die thörichte Meinung von [[Autochthonen]] hatten, wo in jedem Lande die Menschen wie Pilze gewachsen sein sollen, so könnten wir heute nach so viel geistvollen Untersuchungen über die persische und indische Sprache ihr doch keinesweges mehr huldigen. Denn wollte man auch der Meinung mancher Philosophen folgen, welche das menschliche Geschlecht nach den verschiedenen Stämmen von verschiedenen Urältern ableiten; so würde man doch keinesweges so weit gehen dürfen, jedem einzelnen Lande ein besonderes Menschengeschlecht zu geben, sondern wenigstens die Völker caucasischen Stammes, zu dem alle Europäer gehören, von Asien aus, wohin Sagen, Geschichte, Planzen- und 'Thiernamen, und besonders die Sprachen zeigen, durch deren Studium ein neues Licht für die Geschichte aufgegangen ist, einwandern lassen müssen. Wenn nach den Untersuchungen ''von Wahl'', Herrn ''von Hammer'' und Frank, über persische Sprache eine solche Menge ähnlicher Wörter. im Persischen und Deutschen sich zeigt, dass fast der 3te 'Theil des persischen Sprachschatzes germanisch ist, und die grösste Ähnlichkeit in den Infinitivendungen – ''griften'', ''[[greiffen]]'', ''[[wikt:پرسیدنhttps://en.wiktionary.org/wiki/پرسیدن|porsidan]]'', ''[[forschen]]'' etc. Statt findet, wenn man nicht übersieht, dass die Trennung dieser germanischen Völker vom asiatischen Mutterlande an 4000 Jahre her sein mag, dass in Persien viele Wörter durch die mannigfaltigen Eroberungen, Umwälzungen und Einwanderungen verloren oder verändert worden sein müssen, so darf man wohl die Verwandschaft beider Völker nicht abläugnen, wenn auch die historischen Werke der Alten davon schweigen. Die Germanoi des [[Herodot]], wie gering man dies auch, in neuerer Zeit hat auschlagen wollen, sind also gewiss eben so wenig bedeutungslos, als der Name [https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Armeniens Armenien], in welchem Lande die Kreuzfahrer Friedrichs Barbarossa zu ihrem Erstaunen Einwohner fanden, die eine der baierschen ähnliche Sprache redeten. Auch zeigen die ''von Busbeck'' in seinen Briefen angeführten Wörter der [https://de.wikipedia.org/wiki/Alanen Alanen]<ref>* ) Brot, Stul, Hus, Reghen, Silver, Holz, Salt, Sonne, Stern, Tag, Handa, Bogu, Schlieten.</ref> in der Krimm, welche man für [[moesogotisch|mösogoethische]] hielt, die Spuren der alten Wanderung, und deutlicher hat sie der tief forschende ''Ritter''nachgewiesen. Alle jene frühen Wanderungen aber erfolgten zu Lande, da die Schifffahrt, selbst 4 und 3 Jahrhunderte vor Christo, so in ihrer Kindheit war, dass an eine Colonisation zu Wasser kaum zu denken ist. Wir können also annehmen, dass sehr früh, vielleicht 2 Jahrtausende vor unserer Zeitrechmung, germanische Stämme aus Asien aufbrachen und nach Westen wanderten, wahrscheinlich längere Zeit mi Norden der Donau wohnten, bis nach stärkerer Vermehrung ein Theil sich wördlich, der andere sich südlich wandte, ein dritter zurückblieb. Der nach Norden wandernde setzte wahrscheinlich, vielleicht nach und nach, über die dänischen Inseln zur See nach Schweden. Denn ohnerachtet manche ihn unmittelbar aus Persien zu Lande einwandern lassen wollen, so ist es doch nicht wahrscheinlich, dass Völker gleich bei ihrer Trennung aus Aien sich so sehr gegen den unfreundlichen Norden sollten gewendet haben und über Finnland und Nordland hinunter nach Gothland gedrungen wären, vielmehr deutet die Ähnlichkeit der dänischen mit der schwedischen Sprache und der Name Gothenburg und Gothland auf den natürlichern Weg über die dänischen Inseln. Der nach Süden wandernde Stamm ging über die Donau und Alpen, und gelangte so in das fruchtbare und milde Italien, welches er nicht wieder verliess. Freilich die Geschichte sagt nichts davon. Aber sie schweigt auch von der Berölkerung Scandinaviens durch germanische Stämme, welche doch niemand läugnet. Und wenn wir nun wissen, dass auch Brittanien, Gallien und Hispanien von Deutschland aus bevölkert worden sind, warum will man mit Italien eine Ausnalme machen, da der Landweg dahin eben so über Deutschlaud fülirt, wie in jene Länder. Dass römische Geschichtsschreiber diese Abstammung nicht erwähnen, will nichts sagen, da die Schreibekunst ers spät nach Italien kam und zwar durch Griechen, welche, wohin sie kamen, aus Nationalstolz überall griechische Abkömmlinge suchten, man auch die nördlichen Völker nicht kannte, und durch das Völkergemisch und Gedränge in Italien die Sage grösstentheils verhallt war. Dennoch erhielt sich noch mancher Anklang, dass die Ureltern aus einem mit Eichen besetzten Lande gekommen wären, wovon folgendes [[Distichon]] zeigt:<blockquote>[[Datei:Fern_von_dem_Eichbaum_wirfst_do_die_Axt.png|387x387px]]</blockquote>[[τηλόθῐ|Τηλόθῐ]] δισχε<blockquote>Fern von dem Eichbaum wirfst du die Axt, denn es sagten die Väter, Dass als Mutter zuerst, einst uns die Eiche gebahr.</blockquote>Auch wusste man, dass die griechischen Colonisten schon Einwohner, die viele Städte bewohnten, gefunden hatten. Man nannte sie ''[[Aborigines]]'' oder ''[[Aberrigines]]''. Die Griechen übersetzten dies nach ihrer Ansicht durch ''[[Autochthones]]'' – Landesgeborne – welcher Ansicht man heut, wo Alles gräcisirt wird, folgt. Andere jedoch auf andere Weise, ''Dionys''. X, 5 durch ''[[γενάρχαι]]'', Stammäter; ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Sextus_Pompeius_Festus Festus]'' sagt Aborigines ''[[dictī]]'' ''[[sunt]]'', quod errantes convenerint in agrum, qui nune est populi Romani, fuit enim gens antiquissima Italide<ref>''"Aborigines appellati sunt, quod errantes convenerint in agrum, qui nunc est populi Romani; fuit enim gens antiqussima Italiae."''Sie wurden Ureinwohner genannt, weil sie umhergewandert waren und sich in dem Gebiet versammelt hatten, das heute das römische Volk ist; denn es war die älteste Nation Italiens.</ref>. Man sieht also, dass schon die Alten sie als solche betrachteten, welche vom Hauptstamme abgeirrt wären. Auch wusste man damals und giebt jetzt es zu, dass keltische und iberische Stämme früh Theile Italiens bevölkert haben, schliesst aber die Germanen aus, deren Name in dieser Hinsicht nicht erwähnt wird. Allein man vergisst, sowohl dass der Name [[Kelten]] bei den Römern ein so allgemeiner war, wie bei den Griechen Scythen, und eigentlich Waldbewohner bedeutet, von ''[[coille]]'', Wald<ref>* ) Thiercy histoire des Gaulois.</ref>, daher auch den Germanen beigelegt werden konnte, als auch, dass dieser Stamm selbst ein wiewohl früher getrennter Theil des germanischen zu sein scheint, wohin nicht mur eine grosse Au-
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| wägen, dass der Name Germani nach Tacitus ein recens ad-
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| ditum war, der Wehr- Kriegs - mannen bedeutet, und den sich
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| die nach Gallien vorgedrungenen deutschen Heere zuerst gaben. Dass Kelten und Germanen in den frühesten Zeiten zusammen-
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| fallen, sieht man auch bei Arrian. exp. Aler. 1, 3 etc., der erzählt, Alexander sei an dem Ister auf Kelten gestossen, dieser Fluss entspringe bei den Kelten, und Quaden und Mar-
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| komannen seien die äussersten Kelten, dass aber Quaden und Markomannen Germanen sind, ist wohl eben so gewiss, als die Donau in Deutschland entspringt. Gothen wohnten auch Jahr-
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| hunderte lang an der Donau; wie aber wären zu Alexanders
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| Zeit Gallier dahin gekommen? Die Wörter, welche die Römer keltische nennen, sind meist ächt germanisch; so nannten die
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| Römer folgende Wörter gallisch: F e s t u s , sparum den Speer; Gellius, lancea die Lanze; Varro bei Gellius XV, 30. pe-
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| torritum, ein vierrädriges Fahrwerk, und doch ist es zusam- mengesetzt aus dem teutonischenfedwor oder sächsischen feo- thor, vier - und rid - das Rad; Theda soll nach Quinet. I, 5. 57. 69. gallisch sein, und doch heisst im Altdeutschen raida der Wagen, ebenfalls von Rad. Plin. h. n. XVIII, 18. sagt,
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▷ ▷Wie der denkende Mensch gern zurückschaut auf die Jahre seiner Kindheit und die ersten Spuren des erwachenden Bewusstseins verfolgt, so freuet es ihn auch einen Blick zu werfen in die frühern Zeiten des menschlichen Geschlechts und vorzüglich auf das Volk, aus dem er selbst hervorging und in dem sein Dasein wurzelt. Aber wie die Quelle unsers Daseins uns unerforscht bleibt und aus den ersten im Schlummer der Bewusstlosigkeit verlebten Jahren nur einige Momente hervortreten, so deckt auch die frühste Völkergeschichte eine tiefe Nacht, in welche nur hie und da einige Strahlen fallen. Ihnen zu folgen und nichts zu übersehen, was dazu diene kann, die frühern Schicksale und den Zusammenhang der einzelnen Völker kennen zu lernen, ist des Forschers Sache, der es freilich bedauert, dass der leitenden Sterne so wenige sind und sie oft nur undeutlich schimmern.
Denn die Schreibekunst ist nicht alt und zu vielen besonders den nördlichen Völkern spät erst gedrungen; die Sage selbst, sonst von Bedeutung, ist jetzt verstummt; andere Denkmale sind theils verwittert, theils schwer zu deuten. Dennoch steigt der wissbegierige Mensch selbst in die Gräber und macht von den Urnen des Todes Schlüsse auf das Leben der Völker.
Aber es giebt ein Erzeugniss des menschlichen Geistes, welches an Deutlichkeit und Sicherheit alle überstrahlt, an Alter hinausreicht nicht nur über alle in Stein und Erz gegrabene Denkmale, sondern über alle Werke der bauenden und bildenden Künste, es ist die Sprache. Dies göttliche Geschenk, durch welches die innerste Tiefe des menschlichen Geistes sich aufschliesst, der Mensch so hoch über alle andere Wesen gestellt ist, durch welches Mensch vom Menschen und Volk vom Volke sich unterscheidet und in seiner Eigentümlichkeit sich darstellt, führt ihn zurück bis in die fernsten Zeiten, lässt ihn das Vaterland der Planzen und Thiere und die Verwandschaft von Völkern erkennen, welche durch weite Länder und Meere von einander getrennt sind. Wunderbar ist es daher, wenn heute noch sonst geistreiche und verdienstvolle Geschichtschreiber meinen, aus der Ähnlichkeit einer Sprache lasse sich nicht die Verwandschaft der Nationen, sondern nur die Ähnlichkeit des menschlichen Geistes beweisen.
Wie die Natur so reich ist, Millionen Wesen hervorzubringen, von denen keins dem andern vollkommen gleich ist, so vermag auch der Mensch Millionen Wörter zu bilden, welche von einander verschieden sind, und nicht Zufall kann es sein, wenn bei verschiedenen durch weite Räume und Zeiten getrennten Völkern dieselben Töne dieselbe Bedeutung haben. Blosse Ähnlichkeit des Tons aber will nichts sagen, und bouche und Busch, choux und Schuh haben, ohnerachtet der Ähnlichkeit des Tons, keine Verwandschaft, da sie verschiedene Gegenstände bezeichnen.
Wenn aber die Zahl gleichlautender und gleiche Bedeutung habender Wörter in verschiedenen Sprachen gross ist, so muss entweder eine Stammverwandschaft, eine Unterwerfung des einen Volks durch das andere, eine Vermischung oder ein lebhafter Verkehr und eine geistige Einwirkung durch Mittheilung von Wissenschaften, Künsten und Religion Statt gefunden haben.
Die Besetzung Englands durch Sachsen, die Eroberung Spaniens, Galliens durch die Römer, die Einwanderung der Gothen, Burgundier und Franken in Frankreich, die Mittheilung der Künste und Wissenschaften von Griechen an Römer und andere Völker, die Einführung der christlichen Religion in den verschiedenen Ländern sind Belege dazu.
Bezeichnen die ähnlichen Wörter die ersten Stuffen der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Bedürfnisse und Verrichtungen und überhaupt die Elemente des Lebens, so weiset dies auf eine Stammverwandschalt; daher wir auch, selbst wenn die Geschichte davon schwiege, aus der Ähnlichkeit der englischen Sprache mit der deutschen gerade in diesen Gegenständen die Stammverwandschaft beider Völker erkennen müssten.
Findet sich die Ähnlichkeit in Wörtern der Kunst, Wissenschaft, Religion und Gegenständen des gebildetern Lebens, so zeigt dies von einen spätern nicht so mit dem innern Kern des Daseins zusammenhangenden Einwirkung.
Die grössere Ähnlichkeit oder Verschiedenheit in Zusammensetzung, Biegung, Ableitung und Wortfolge lässt uns gleichfalls die Verwandschaft und die frühere oder spätere, kürzer oder länger dauernde Einwirkung des einen Volkes auf das andere erkennen.
Oft jedoch ist die Verwandschaft der Sprache schwer zu erkennen, da durch Einschieben, häufiger jedoch durch Ausstossen von Buchstaben und Sylben, durch Zusammenziehung und Betonung die Wörter sehr verändert werden, so dass man beim ersten Anblick jeudi und Jovis dies, noël und nātālis, étranger, stranger und extrāneus wohl schwerlich für dasselbe Wort halten würde.
Oft giebt eine Sprache der andern ein Wort und nimmt es verändert dann zurück; so erhielten die Franzosen von den Deutschen warten – wardan – (Burgwart) garder, und wir nahmen Garde von ihnen zurück; eben so ist es mit Beiwache und bivouac.
Bisweilen wird es daher zweifelhaft, welcher Sprache eigentlich ein Wort angehöre, und nur wenn wir den Hauptstamm, die eigentliche bedeutungsvolle Wurzel nebst einer Menge Ableitungen davon in der einen, in der andern dagegen nur diesen vereinzelt dastehenden, blos einen Gegenstand bezeichnenden Ausdruck finden, wird es uns gelingen das Anrecht der einen Sprache unwiderleglich darzuthun.
▷ ▷Dem der lateinischen und deutschen Sprache Kundigen dringen sich eine Menge gleichlautender Wörter auf, welche in beiden Sprachen gleiche oder doch verwandte Bedeutung haben. Von einem Theile ist es klar, dass wir zugleich mit den Gegenständen der Kunst, Wissenschaft und Religion, welche uns meist durch Römer gebracht wurden, die Ausdrücke mit erhielten, so dass
Probst,
Prediger,
Münster,
Meile etc. von
prōpositus,
praedicātor,
monastērium,
mīle stammen. Allein diese Wörter hat die deutsche Sprache spät erhalten.
Nun giebt es aber andere, welche die ersten schon dem Kinde bekannten und dem Menschen unenthehrliche Gegenstände, so wie die ersten Grade der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Regungen des Geistes bezeichnen, – pater Vater, frāter Bruder, nāsus Nase, auris Ohr, habeō haben, velle wollen, esse essen, und tausend andere, welche nicht durch ein Spiel des Zufalls gleich lauten, nicht erst von den Römern zu den Deutschen gebracht sein können bei den ersten feindlichen Berührungen beider Völker, oder gar erst bei den kurzen und schnell vorübergehenden Einfällen der Römer in Deutschland. Wo sollen wir den Grund dieser Ähnlichkeit suchen? Drei Fälle nur sind möglich:
- Diese gleichlautenden Wörter stammen von einer gemeinschaftlichen Ursprache;
- sie sind aus dem Latein in das Deutsche;
- sie sind aus dem Germanischen in die lateinische Sprache übergegangen.
▷ ▷Geben wir auch zu, dass es eine gemeinschaftliche
Ursprache bei den Völkern kaukasischen Stammes gab, worauf die Verwandschaft vieler Wortstämme und Wortbiegungen in den vom atlantischen bis indischen Ocean verbreiteten Sprachen weiset und dass der Einfluss der
Sanscritsprache in allen sichtbar ist, so werden wir doch auch nicht läugnen können, dass oft Sprachen einander ganz nah, ja vermischt unter einander wohnender Völker wie z. B. germanischer und slavischer nur wenig mit einander gemein haben, daher eine sehr frühe Trennung dieser Stämme angenommen werden muss, dagegen Sprachen anderer vielleicht weit getrennter Völker, sich viel näher stehen. Es bleibt daher immer noch die Untersuchung übrig, welche von den einzelnen verwandten Sprachen die ältere sei, und welche sich auf naturgemässem Wege am leichtesten von der andern herleiten lasse?
Der Untersuchung, ob das Deutsche vom Englischen oder das Englische vom Deutschen abstamme, überhebt uns die Geschichte. Aber wie verhält es sich mit den Ursachen der Ähnlichkeit zwischen dem Latein und Deutschen, worüber sie nichts sagt. Sollen die lateinischen Wörter zu den deutschen durch die Römer gekommen sein, so müsste dies entweder in den Zeiten der Kämpfe der Germanen und Römer oder in einer über die Geschichte hinaus liegenden Zeit geschehen sein.
Sollten die Deutschen erst in einer so späten Zeit, etwa in Cäsars Jahrhunderte, Ausdrücke für die Theile ihres Körpers, der Verwandschaften, die Begriffe des Wollens, Habens etc. bekommen haben, so müssten sie das roheste Volk der Erde gewesen sein, nicht über das Thier erhaben, welchem ihr Auftreten in der Geschichte widerspricht, da sie zu keiner Zeit als geistlose und rohe Wilde erscheinen.
Oder sollen die altdeutschen Ausdrücke durch römische verdrängt worden sein? Aber wie wäre dies möglich gewesen, da Deutschland nie von den Römern auf die Dauer in Besitz genommen wurde, und sie eine Liebe zu ihrem Lande und ihrer Sprache zeigten, wie kein ander Volk? Auch würden sich dann für jene Dinge Synonyme finden, die aber grade hier meist fehlen. Und wie drangen denn diese Wörter zu den nördlichen Sachsen oder gar nach Scandinavien? Ja wie drangen in dies nördliche, fern jenseit des Meeres liegende, nie von einem römischen Fusse betretene Land eine Menge von Ausdrücken, die nicht nur mit dem Lateinischen gleichen Ton und gleiche Bedeutung haben, sondern sogar diesseits der Ostsee, in dem eigentlichen Deutschland sich nicht finden? Sollen etwa die Scandinavier aus einer lateinischen Lexicon im 9ten Jahrhundert erst es gelernt haben, dass der hell leuchtende und wärmende Körper, dem sie in ihrem kältern Lande gewiss mit Freuden stets entgegen sehen, Sol hiess und die ersehnte Zeit der erwachenden Natur wäär? Ja woher finden sich in der gemeinen Volkssprache vieler Provinzen mehrere in der Büchersprache nicht übliche und doch mit dem Latein gleich lautende Wörter? Oder sollen wir annehmen, dass lange Jahrhunderte vorher italische Völker eine Wanderung nach Deutschland unternahmen?
Aber so früh bestand die römische Sprache selbst noch nicht einmal, die, wie schon von Vielen gezeigt worden ist, sich aus einem Gemisch mehrer Völker bildete. Denn wie die Römer selbst kein Urvolk waren und deshalb auch von den Athenern σύγχλυδες genannt wurden, so war auch ihre Sprache keine Ursprache, sondern eine Mischsprache. Dies war den Römern selbst auch wohl bekannt, daher auch Varro in seinem Werke, de lingua latina sagt: multās vōcēs Graecōrum et Latīnōrum orīgine esse barbarās et etymologiae vetustāte obtrītās[1]. Und was hätte auch Völker antreiben können, nach einem nördlichern, rauhern Himmelsstrich zu ziehen, zumal aus einem glücklichen, fruchtbaren und keinesweges übervölkerten Lande, was immer noch Raum genug für viele zur See herbeikommende Colonisten hatte? ja, wie wäre eine solche Einwanderung möglich gewesen, da andere Stämme sich zwischen die germanischen und Italien gezogen hatten?
Endlich sollen wir, da ein grosser Theil dieser Wörter zugleich in der persischen und Sanscritsprache sich findet, glauben, dass sie von den Lateinern zu den Germanen und von diesen zu Persern und Indern wanderten? Dies hiesse doch den ganzen Gang der Völkerwanderungen umkehren, der Natur und allen geschichtlichen Überlieferungen Hohn sprechen!
Es bleibt uns also nur übrig anzunehmen, dass diese Wörter von den Germanen zu den Römern wanderten. Und dagegen wird sich nichts Erhebliches einwenden lassen. Die deutsche Sprache ist keine Misch-, sondern eine Ursprache von grosser Eigenthümlichkeit, ausgezeichnet durch die Art, den Ton auf die Stammsylbe zu legen, durch Biegungen, Zusammensetzungen und Wortfolge, Sprache eines zahlreichen Volkes; von dem die Einwohner der meisten andern europäischen Länder abstammen, das nie einen Eroberer lange in seinem Lande sah, und das, wenn auch mancherlei Volksstämme an, und hie und dort innerhalb seiner Gränzen wohnten, doch dieses geistige Element so treu bewahrte, dass der grosse britische Sprachforscher Murray sagt, er kenne von allen Sprachen, die vom indischen bis atlantischen Meere gesprochen würden, keine reinere als die deutsche.
Durch Ton, Beugung, Mangel an Fähigkeit zusammengesetzte Wörter zu bilden, verräth sich auch das ausländische Wort leicht, und der Wortreichthum der deutschen Sprache, wie die Fähigkeit immer Neues zu bilden, welche auch in den frühesten gothischen Denkmälern schon sich zeigt, macht ihr alles Fremde leicht entbehrlich. Warum sollte der Reichthum zur Armuth betteln gehen? Ihre Formen sind die reinsten und vollsten, und haben sich behauptet, während die Südländer, sei es aus Streben nach Wohlklang auf Kosten der Deutlichkeit, oder aus Bequemlichkeit mangelhaftere, verstümmelte haben, wie wir weiter unten zeigen werden.
Ist es nun denkbar, dass eine Ursprache mit ihren vollern, reinern Formen von der Mischsprache abstammen sollte, oder scheint es nicht jedem natürlich, dass der umgekehrte Fall eingetreten sei und daher das Latein vom Deutschen hergeleitet werden müsse. Aber auch Erdkunde und Geschichte spricht für eine solche Abstammung. Sei es auch, dass die Griechen die thörichte Meinung von Autochthonen hatten, wo in jedem Lande die Menschen wie Pilze gewachsen sein sollen, so könnten wir heute nach so viel geistvollen Untersuchungen über die persische und indische Sprache ihr doch keinesweges mehr huldigen.
Denn wollte man auch der Meinung mancher Philosophen folgen, welche das menschliche Geschlecht nach den verschiedenen Stämmen von verschiedenen Urältern ableiten; so würde man doch keinesweges so weit gehen dürfen, jedem einzelnen Lande ein besonderes Menschengeschlecht zu geben, sondern wenigstens die Völker caucasischen Stammes, zu dem alle Europäer gehören, von Asien aus, wohin Sagen, Geschichte, Planzen- und Thiernamen, und besonders die Sprachen zeigen, durch deren Studium ein neues Licht für die Geschichte aufgegangen ist, einwandern lassen müssen.
Wenn nach den Untersuchungen von Wahl, Herrn von Hammer und Frank, über persische Sprache eine solche Menge ähnlicher Wörter im Persischen und Deutschen sich zeigt, dass fast der 3te Theil des persischen Sprachschatzes germanisch ist, und die grösste Ähnlichkeit in den Infinitivendungen – griften, greiffen, porsidan, forschen etc. Statt findet, wenn man nicht übersieht, dass die Trennung dieser germanischen Völker vom asiatischen Mutterlande an 4000 Jahre her sein mag, dass in Persien viele Wörter durch die mannigfaltigen Eroberungen, Umwälzungen und Einwanderungen verloren oder verändert worden sein müssen, so darf man wohl die Verwandschaft beider Völker nicht abläugnen, wenn auch die historischen Werke der Alten davon schweigen.
Die Germanoí des Herodot, wie gering man dies auch, in neuerer Zeit hat auschlagen wollen, sind also gewiss eben so wenig bedeutungslos, als der Name Armenien, in welchem Lande die Kreuzfahrer Friedrichs Barbarossa zu ihrem Erstaunen Einwohner fanden, die eine der baierschen ähnliche Sprache redeten. Auch zeigen die von Busbeck in seinen Briefen angeführten Wörter der Alanen[2] in der Krimm, welche man für mösogoethische hielt, die Spuren der alten Wanderung, und deutlicher hat sie der tief forschende Ritter nachgewiesen.
Alle jene frühen Wanderungen aber erfolgten zu Lande, da die Schifffahrt, selbst 4 und 3 Jahrhunderte vor Christo, so in ihrer Kindheit war, dass an eine Colonisation zu Wasser kaum zu denken ist. Wir können also annehmen, dass sehr früh, vielleicht 2 Jahrtausende vor unserer Zeitrechmung, germanische Stämme aus Asien aufbrachen und nach Westen wanderten, wahrscheinlich längere Zeit mi Norden der Donau wohnten, bis nach stärkerer Vermehrung ein Theil sich nördlich, der andere sich südlich wandte, ein dritter zurückblieb.
Der nach Norden wandernde setzte wahrscheinlich, vielleicht nach und nach, über die dänischen Inseln zur See nach Schweden. Denn ohnerachtet manche ihn unmittelbar aus Persien zu Lande einwandern lassen wollen, so ist es doch nicht wahrscheinlich, dass Völker gleich bei ihrer Trennung aus Aien sich so sehr gegen den unfreundlichen Norden sollten gewendet haben und über Finnland und Nordland hinunter nach Gothland gedrungen wären, vielmehr deutet die Ähnlichkeit der dänischen mit der schwedischen Sprache und der Name Gothenburg und Gothland auf den natürlichern Weg über die dänischen Inseln.
Der nach Süden wandernde Stamm ging über die Donau und Alpen, und gelangte so in das fruchtbare und milde Italien, welches er nicht wieder verliess. Freilich die Geschichte sagt nichts davon. Aber sie schweigt auch von der Berölkerung Scandinaviens durch germanische Stämme, welche doch niemand läugnet. Und wenn wir nun wissen, dass auch Brittanien, Gallien und Hispanien von Deutschland aus bevölkert worden sind, warum will man mit Italien eine Ausnalme machen, da der Landweg dahin eben so über Deutschlaud fülirt, wie in jene Länder.
Dass römische Geschichtsschreiber diese Abstammung nicht erwähnen, will nichts sagen, da die Schreibekunst ers spät nach Italien kam und zwar durch Griechen, welche, wohin sie kamen, aus Nationalstolz überall griechische Abkömmlinge suchten, man auch die nördlichen Völker nicht kannte, und durch das Völkergemisch und Gedränge in Italien die Sage grösstentheils verhallt war. Dennoch erhielt sich noch mancher Anklang, dass die Ureltern aus einem mit Eichen besetzten Lande gekommen wären, wovon folgendes
Distichon zeigt:

Τηλόθῐ δίσκε δρυός πέλεκυν,
κοκὺαι γὰρFern von dem Eichbaum wirfst du die Axt, denn es sagten die Väter, Dass als Mutter zuerst, einst uns die Eiche gebahr.
▷ ▷Auch wusste man, dass die griechischen Colonisten schon Einwohner, die viele Städte bewohnten, gefunden hatten. Man nannte sie
Aborigines oder
Aberrigines. Die Griechen übersetzten dies nach ihrer Ansicht durch
Autochthones 'Landesgeborne' welcher Ansicht man heut, wo Alles
gräcisirt wird, folgt. Andere jedoch auf andere Weise,
Dionys. X, 5 durch
γενάρχαι, 'Stammäter';
Festus sagt "Aborigines
dictī sunt, quod errantes convenerint in agrum, qui nune est populi Romani, fuit enim gens antiquissima Italide."
[3] Man sieht also, dass schon die Alten sie als solche betrachteten, welche vom Hauptstamme abgeirrt wären. Auch wusste man damals und giebt jetzt es zu, dass keltische und iberische Stämme früh Theile Italiens bevölkert haben, schliesst aber die Germanen aus, deren Name in dieser Hinsicht nicht erwähnt wird.
Allein man vergisst, sowohl dass der Name Kelten bei den Römern ein so allgemeiner war, wie bei den Griechen Scythen, und eigentlich 'Waldbewohner' bedeutet, von coille, Wald[4], daher auch den Germanen beigelegt werden konnte, als auch, dass dieser Stamm selbst ein wiewohl früher getrennter Theil des germanischen zu sein scheint, wohin nicht nur eine grosse Auzahl gleich lautender Wörter ähnlicher Bedeutung in beiden Sprachen, sondern auch die von den Römern bemerkte Ähnlichkeit weiset, daher man auch wach Strabo das Wort Germani – zwar unrichtig – durch Verwandte und Brüder der Kelten erklärte. Auch haben mehrere Gelehrte, wie Scrickkius Cluverus, die Stammeinheit beider Völker nachzuweisen versucht. Pelloutier macht die Germanen zu Kelten; insofern mit Unrecht, als der germanische Stamm der grössere, seine Sprache die reinste, unvermischteste und Grundsprache der meisten europäischen Völker geworden ist.
Endlich ist zu erwägen, dass der Name Germani nach Tacitus ein recens additum war, der 'Wehr-Kriegsmannen' bedeutet, und den sich die nach Gallien vorgedrungenen deutschen Heere zuerst gaben. Dass Kelten und Germanen in den frühesten Zeiten zusammenfallen, sieht man auch bei Arrian. exp. Aler. 1, 3 etc., der erzählt, Alexander sei an dem Ister auf Kelten gestossen, dieser Fluss entspringe bei den Kelten, und Quaden und Markomannen seien die äussersten Kelten, dass aber Quaden und Markomannen Germanen sind, ist wohl eben so gewiss, als die Donau in Deutschland entspringt. Gothen wohnten auch Jahrhunderte lang an der Donau; wie aber wären zu Alexanders Zeit Gallier dahin gekommen?
Die Wörter, welche die Römer keltische nennen, sind meist ächt germanisch; so nannten die Römer folgende Wörter gallisch:
Festus,
sparum den '
Speer';
Gellius,
lancea die '
Lanze';
Varro bei
Gellius XV, 30.
petōritum, ein vierrädriges Fahrwerk, und doch ist es zusammengesetzt aus dem teutonischen
fedwōr oder sächsischen
feothor, vier – und
rid – das
Rad;
rheda soll nach Quinct. I, 5. 57. 69. gallisch sein, und doch heisst im Altdeutschen
raida der Wagen, ebenfalls von
Rad. Plin. h. n. XVIII, 18. sagt, dass die Gallier dem Plluge 2 Räder hinzufügten und ihn
plānarātum nannten; man sieht, es ist unser
Pflugrad; Plin. h. m. IUI, 17. heisst es, die Gallier heissen Pferdebändiger,
Eporedicas.
Hoppe heisst aber schwedisch,
Happel und
Hampel schlesisch das Pferd,
reda –
rida – ist
reiten; es heisst also Pferdereiten. Auch
balga,
Balg (Fell) und
merga,
Mergel, werden gallisch genannt, und sind doch deutsch. Berg-amo sollen nach Plin. h. n. III, 17. Gallier gegründet haben, und doch deutet der Name Amberg oder Bergheim, so wie der von
Arminium auf deutschen Ursprung.
▷ ▷Eben so werden viele Personen Kelten genannt, deren Namen doch an das Germanische erinnern etc. Sigowes Liv. V, 34 (a. u. 164) soll Gallier sein, und doch heisst es
Sigisweis – siegeskundig – ein Name, wie ihn viele altdeutsche Helden führten,
Sigismund,
Sigwart,
Sigibert etc.
Bellovesus von Fel -
Feld. Altd. Krieg – kriegskundig – daher Feldherr, Feldzug; auch die Kenomannen – kühne Männer – verathen deutschen Ursprung.
Brennus kommt von
branja lorica, Panzer, oder
bren, der Helm, und mehrere deutsche Namen sind davon hergeleitet, wie Bruni oder Prunihelm – Prunihilt, im Norden Brennibor und Brennen. Nach
Baster in Glossario Antig. Britt. soll es König, Fürst bedeuten, da mehrere Anführer diesen Namen führen. Im Isländischen heisst
bruna glänzen,
schimmern, unserm
brennenentsprechend; es wäre dann der Glänzende, Berühmte. Ein germanischer Breanus ist Tacit. hist. IV, 15. Erat in Canninefatibus stolidae audaciae Brinno etc. Da nun eine geringere Zahl eigentlich gallischer Wörter sich in der lateinischen Sprache befindet, allein desto mehr ächt germanische, und zwar solche, welche die ersten Elemente des Daseins bezeichnen, so wird eine viel stärkere Verschmelzung der Römer mit den Germanen, als mit den Galliern sichtbar. Wenn nun viele Wörter in der lateinischen Sprache vereinzelt dastehen, wo im Deutschen alle Formen und mancherlei Ableitungen sich finden, wenn die Wörter des spätern Lateins durch Weglassen von Buchstaben im Anfange, durch Ausstossen, Zusammenziehen von Sylben, durch eine solche Veränderung des Nominativs, dass nur durch Hilfe des Genitivs die Wurzel gefunden werden kann, grösstentheils verstümmelt sind, im Deutschen dagegen die vollere, reinere und den ältesten lateinischen Wörtern ähnlichere Form sich findet, endlich wenn viele lateinische Wörter erst durch das Auffinden der deutschen Wurzel Bedeutung erhalten, so müssen wir annehmen, dass Germanen den Hauptstamm des römischen Volkes ausmachten und ihre Sprache die Grundlage der lateinischen ward. Einige Beispiele werden dies klar machen.
▷ ▷Wind stammt nicht ab von
ventus, sondern ventus von Wind. Dies ist nämlich das Participium von
wehn –
wehend, zusammengezogen Wind. – Die lateinische Sprache hat kein Wort
wehen.
Ordo – Ordinj – ōrdināre – Ordnung und ordnen stammen ab von dem in allen germanischen Dialecten befindlichen Wort Ort, und bezeichnen das Streben, jedem seinen Ort anzuweisen. Die Wurzel kennt also die lateinische Sprache nicht.
Fenestra, Fenster bedentet mi Latein und Deutschen amfangs nicht die Öffnung des Hauses, durch welche das Licht fällt, denn diese heisst Lucke, sondern den Laden, der verschliesst (daher anch Horat. 1,25: junctas quatiunt fenestras) und der, da man das Glas nicht kennt, verfinstert; es kommt also von finster, einem deutschen Worte.
Urbs (wahrscheinlich mit dem Digamma gesprochen) kommt von dem altdeutschen huuarban, hwarban Kero, im Kreise herumgehen, einen Kreis machen. Bei Erbauung einer Stadt[5] machte man nämlich mit dem Pfluge einen Kreis Teut. – warbes – urbes – urbs (daher auch orbis, wir haben noch Wirbel, Wirbelwind) wo ein Thor sein sollte, wurde der Pflug getragen – daher vom alten bürden (portāre) Bürde - porta - Pforte.
Vir, isländisch ver, teutonisch war, waer, stammt vom gothischen vair, Wehr, englisch war, der Krieg; es bedeutet also vir und ver, Wehrmann – Krieger.
Virtus, = vir – tut heisst daher Wehrthat, Kriegsthat, Tapferkeit. Noch haben wir Wehrwolf, welches einen in einen Wolfverwandelten Menschen bedeutet.
Cāpō, = cap-on, Kapaun, richtiger Kaphahn; zusammengesetzt aus Hahn und kappen. Kappa, schwed. – abschneiden; das Ankertau kappen. Nur aus dem Germanischen erklärt sich der Name.
Mulgēre, melken; von Milch, milchen – Milch geben – melken das Causat, die Milch abziehen. Den Lateinern fehlt der Stamm – Milch.
Andere Wörter stehen im Latein vereinzelt oder mur in wenigen Formen, während sie bei uns vollständig und in mancherlei Zusammensetzungen sich finden.
Herus, Herr, steht dort vereinzelt, bei uns Herrscher, Herrschaft, herrschen, herrlich etc. und hängt mit Ehrezusammen.
Libet, es (beliebet, libitum sind vereinzelte Formen, die deutsche Sprache hat lieben vollständig.
Praesāgīre – praesāgit mēns und sāgus – vorhersagen, Wahrsager, sehr alte lateinische Worte, die vereinzelt dastehen, während im deutschen sagen ein vollständiges verbum mit mancherlei Zusammensetzungen – ver – ent – vorsagen ist. Auch persisch heisst es sachun.
Mūscipula, Mäusefalle. Das Wort Falle hat in dieser Bedeutung die lateinische Sprache sonst nicht, auch sind ihr Zusammensetzungen dieser Art später fremd.
Esse – velle haben eine der lateinischen Sprache ganz ungewöhnliche Infinitivform, und deuten, da sie die ersten Begriffe des Menschen ausdrücken, auf ein hohes Alter. In vielen Gegenden Deutschlands hört man auch heute noch esse – wolle, statt essen und wollen. Auch die Dänen bilden den Infinitiv auf e.
Sum – sunt, sim bis sint stehen im Latein vereinzelt, während die deutsche Sprache, wenn auch nicht alle, doch bei weiter mehr Formen von dieser Stamme und den Infinitiv sein hat.
Je älter das Latein ist, desto näher ist es mit dem Deutschen verwandt. In der lex Numae findet sich das Wort loebesom. Sei quips homonem loebesom mortei duit[6] etc. So heisst es im Lied der arvalischen Brüder: Nere luervem, Marmar, sins incurrere in pleores.[7] Lasse, Mars, keine Pest – Verderben – auf unsre Fluren kommen. Man erklärte pleores bald durch plūrēs, bald durch flores, und doch passt hier keins, wohl aber das alte Flor oder Flur, Boden, Acker. Somner Dict. Anglos. und Stiler Thesaur. L. Germ. – Wir haben Stadtflur, Dorfllur, Flurschütz, Hausflur, was keinesweges vom latein. flores kommt.
Lingua und Zunge haben wenig Ähnlichkeit. Aber Marius Victorinus sagt: Antiquos dixisse dinguam pro lingua[8]. Des Ulphilas Tugga, das schwedische tunga, das angelsächsische tung haben also wit dem altlateinischen dingua die grösste Ähnlichkeit.
Mittō und
līs scheinen keine Verwandschaft mit dem Deutschen zu haben; aber die ältern Formen waren
smilto (noch in der Zusammensetzung
cōsmittō) und
stlīs = stlit (Fest. et Paul.
stlitem antiqui pro litem dicebant[9]. Conr. Schneiders Grammat. I, 493) und zeigen die Verwandschaft mit
schmeissen -– engl.
to smite, schwed.
smita – und Streit.
▷ ▷Dass zum Theil die Declination, noch mehr aber die Conjugation aus dem Germanischen entstanden ist, ja einzig aus ihr erklärt werden kann, soll weiter unten gezeigt werden. Es ist deshalb aber nöthig, dass man nicht blos auf unser gegenwärtiges Deutsch, sondern auch auf die Schwestersprachen, das Schwedische, Dänische, Isländische, Holländische und Englische, vorzüglich aber auf die alten Muttersprachen, das Gothische, Fränkische und Angelsächsische sehe, da von diesen unsere neue hochdeutsche Sprache vielfältig abweicht, sie aber der lateinischen unendlich näher stehen, und zwar vorzüglich der altlateinischen, welche noch vollere Formen hat. Auch die Provinzialismen und die gemeine Volkssprache wird nicht vernachlässigt werden dürfen, da sie vieles mit dem Latein gemein hat, was in der Büchersprache sich nicht findet; ja man wird bemerken, dass das Plattdeutsche in vieler Hinsicht dem Latein näher steht, als unser Hochdeutsch. Wenn man nun bedenkt, dass das Verstehen der alten germanischen Sprachen und eben so das der so nah verwandten dänischen und schwedischen für uns Deutsche ein eigenes Studium erfordert, dass die lateinische Sprache selbst viele Veränderungen erlitten hat, und die im
ersten punischen Kriegegeschlossenen Verträge am
Ende des zweiten schwer ferstanden wurden (
carmina, quae in sacris ex veteri formula canebantur, a paucissimis intelligebantur)
[10], ferner erwägt, dass uns heut viele Wörter ganz verloren, verändert oder nur in einzelnen Formen geblieben sind, so wird man bei der ungeheuren Zahl von Wörtern, welche die lateinische Sprache mit der deutschen noch gemein hat, um so fester von dem germanischen Ursprunge des Lateinischen überzeugt, wobei man jedoch gern zugesteht, dass durch Vermischung mit andern Völkern,
Venetern,
Illyriern und
Griechen viel ungermanische Bestandtheile in die lateinische Sprache gekommen sind und später viel durch
Hellenenganz nach griechischer Weise gebildet worden ist. Recht sehr irren aber viele Gelehrte, welche das Römische zu einem blossen Dialect des griechischen machen wollen. Dass die frühern Römer des Griechischen unkundig waren, darüber sprechen sich lateinische Schriftsteller oft aus, und ich will nur Gellius 15, 30 hier anführen. Auch waren Griechen nicht mi Stande, das lateinische auszusprechen, was aus einer Rede
Cicero's pro Fundanio Quinct L. 1, 6. sich ergiebt. Wäre das Griechische ein Gründbestandtheil der lateinischen Sprache gewesen, so würde es sich bei dem nachher mächtigen Einfluss griechischer Bildung und bei der Erziehung der römischen Jugend durch Griechen behauptet haben, so dass die lateinische Sprache dann unmöglich so von der griechischen abweichen könnte. Schon durch den Accent unterscheidet sich die lateinische Sprache wesentlich von der griechischen, in welcher eine Menge
oxytona und
perispomena sich finden, während jene in mehrsylbigen Wörtern den Ton nie auf der letzten Sylbe hat. ( Quinet. L. 1. c. 10. 5.
Est autem in omni voce utique acuta, sed nunquam plus una, nee ultima unquam.[11] Diomed. p. 425.
Acutus apud Latinos duo tantum loca tenet, penultimum et antepenultimum.[12] ) Aber auch die deutsche Sprache hat in ihren mehrsylbigen Wörtern den Ton fast nie auf der End-, sondern vorzugsweise auf der Stammsylbe; hiezu kommt, dass in den ältesten latein. Gedichten die Quantität gleichfalls vom Accent abhing. Achtet man auf das Alles, so wird man finden, dass viele Wörter, welche man früher vom Griechischen ableitete, vom Deutschem stammen, So leitete man
pater und mater von
πατήρ und
μήτηρ ab, und achtete nicht darauf, dass
pater den Ton auf der vorletzten,
πατήρ auf der letzten Sylbe habe, dass das er kurz,
ήρ lang sei – jenes also
pátĕr, dieses

zu bezeichnen sei. Wenn man noch erwägt, dass
frāter wohl von
Bruder, aber nicht von dedelpóg kommen könne (denn
φράτωρ und
φρατρία hat doch schon eine zu fern liegende Bedeutung), so wird man wohl auch auf andere Grade der Verwandschaft, und also auch
pater lieber auf das dem römischen Accent näher liegende Vater zurückführen. Und so hätten es die Gelehrten mit vielen Wörtern leichter haben können, wo sie die wunderbarsten Verdrehungen, Versetzungen, Aus- und Einwerfen von Buchstaben sich erlauben, wie ich es nie than werde, um mur endlich eine gewisse Ahnlichkeit mit dem Griechischen herauszubringen. So soll
serō von
σπείρω stammen. Mit Herauswerfen des
π sind sie schnell fertig und erwägen nicht, dass das
ρ in
σπείρω radikal, in
serō das
r nur eingeschoben ist, wie in
hauriō,
quaerō etc., daher nichts von Ähnlichkeit übrig bleibt, als das einzige s. Wenn sie bedächten, dass der Stamm im perfect und supinum
sēvī und
satumliege, dass daher auch
sator, etc. stamme, so würden sie bemerkt haben, dass es mit unsern
Säen,
Saat – wie
semen mit
Samen eine grössere Verwandschaft habe.
Petō soll von
αἰτέω,
frangō,
freg von
ῥήγνῡμῐ etc. stammen, während sich doch eine leichtere Ableitung von
bitten und
brechen ergieht. Welche wunderliche Etymologien giebt
Voss für
Haruspex (
Arespex nach Inschriften) an, und wie nahe liegt der
Aarspäher der den Flug der
Adler beobachtet).
Regōsoll von
ἀργῶ durch Umstellung kommen, und steht doch unserm
Regen,
Richtenso nahe, wie
rēx dem alten
Reicks,
Recke.
Ancora soll von
ἄγκυρα stammen, und doch ist hier die
penultima lang, dort kurz. Die Thiernamen sollen meist von den Griechen entlehnt sein, aber steht nicht
piscis und
vermis dem Fisch und Wurm näher als dem
ἰχθῡ́ς und
σκώληξ? Und ist es nicht natürlicher, dass Stämme, welche wahrscheinlich aus Asien die grössern Thiere auf ihren allmähligen Wanderungen mitführten, auch zugleich die Namen mitbrachten, nicht aber zur See einwandernde Griechen, welche gewiss zufrieden waren, wenn sie sich und ihre Familie übersetzen konnten, die Thiere zurückliessen, aber in Italien Einwohner, Thiere und Thiernamen fanden, oft mit den ihren übereinstimmend. Auch ist
verēdus dem
Pferd =
Pfered,
equus dem Schwedischen
Oek, dem Dänischen
0g, dem Isländischen
Eikur doch wohl ähnlicher, als dem Griechischen
ῐ̔́ππος.
Taurus ist dem
Stier,
porcus und
porcellus, dem
Borg und
Ferkel,
sūs der
Sau,
cattus der
Katze, dem Engl. und Dän.
Cat,
asellus dem
Esel sollte man meinen, so nahe verwandt, als die ähnlichen griechischen Wörter, Eben so ist es denkbar, dass die Feldfrüchte, deren Vaterland bekanntlich grösstentheils Asien ist, von den Einwohnern mitgebracht worden sind. Denn dass die ersten Bewohner schon das
Säen und
Ärndtenverstanden, und also diese Kunst mit nach Europa und Italien brachten, sieht man gleichfalls an der Ähnlichkeit dieser Wörter im Latein, Deutschen und zum Theil im Persischen.
▷ ▷Aber wie konnten die Römer, wird man fragen, diese germanische Abstammung so ganz vergessen? – Wir antworten, weil die Einwanderung so viele Jahrhunderte vor Einführung der Schreibekunst und besonders vor Entstehung der römischen Literatur Statt fand, und die Sage, zumal bei dem Gewirr und den Kämpfen kleiner Völker grösstentheils verhallt oder entstellt war, auch der Name Germanen, als Name einer
gēns, wie schon angeführt ist, noch fehlte, vielmehr der Name
Kelten allen von Norden hereingedrungenen Stämmen gegeben war.
Aber wie hätten dies germanische Element so viele geistreiche Forscher der römischen Geschichte übersehen können, und ist daher diese Darstellung nicht Dichtung? Wir erwidern: Es ist eine gewöhnlicle Erscheinung, dass man zu leicht übersieht, was uns zu nahe liegt. Hatte man für
nasus,
auris,
gula,
habeo,
esse,
velle ähnliche Töne in einer andern Sprache gefunden, so hätte man gleich auf Verwandschaft geschlossen; so aber übersah man es, weil wir an diese Wörter zu sehr gewöhnt sind. Übrigens haben mehrere Stimmen wie
Buxhorn, Schoettel, Praasch, Leibnitz, Bardettiund
Muratorleine Berölkerung Italiens durch germanische Stämme behauptet, doch nicht hinlänglich sie bewiesen; andere haben sie geahnet, waren aber nicht dreist genug, es auszusprechen, aus Furcht, durch eine solche Meinung sich lächerlich zu machen. So meint
Scheller bei
praesāgit, die Lateiner müssten unser
Sagen gekannt haben, und bei
gallusder
Hahn – es sei mit
gällen verwandt. Hätte er noch gewusst, dass dänisch
jeg galer heisst, ich
krähe, so hätte er ohne Zweifel gesagt, es heisse
Kräher. Auch
Adelung zeigt immer die Verwandschaft der deutschen Wörter mit dem Latein, ohne eine 'Abstammung aus dem Latein zuzugeben. So sagt Adelung das Wort
digitus –
Finger ist wahrscheinlich vom alten
tiggagebildet, welches noch im Schwedischen sich findet. Aber es blieben solche Meinungen ohne wesentlichen Einfluss auf historische Forschung, weil der grösste Theil der den Studium des Alterthums sich widmenden Gelehrten aller Länder meist nur auf das Lateinische und Griechische, nicht aber auf die nordischen Sprachen achtete, woron erst die neuere Zeit eine rühmliche Ausnahme macht, weil man meist nur auf das sah, was mit ausdrücklichen Worten in den Werken der Alten ausgesprochen war, und doch viel Falsches in die Geschichte sich eingeschlichen hatte, da die Römer gern eine Abstammung von berühmten durch griechische Dichter verherrlichten Völkern suchten, wie von
Aeneas und den
Trojanern, durch eine Abkunft von
Barbaren aber sich zu entehren glaubten
[13], auch kürzere Zeit mit den nördlichen als mit den südlichen Völkern in Verbindung standen, und dem Stammvolke sich entfremdet hatten; hiezu kam, dass die einwandernden Griechen aus Nationaleitelkeit überall Griechen suchten, und endlich, dass man in neuern Zeiten sich die Germanen oft als ein erst kurz vor ihrem feindlichen Zusammentreffen mit den Römern in Deutschland eingewandertes Volk dachte, ein Vorurtheil, was fast allgemein Wurzel gefasst hatte.
▷ ▷Allein nicht erst seit
Pytheas, dem Seefahrer von
Massilia, welcher ( Plin. hist. nat. 37, 2 ) etwa 320 vor Christo an der Ostsee
Guttonen und
Teutonen findet, wohnen germamische Stämme in Deutschland, sondern lange Jahrhunderte vorher, wie auch
Ottfried Müller in seinem geistreichen und gelehrten Werke über die
Etrusker zeigt, dass schon zu Homers Zeiten der Bernsteinhandel nicht zu Schiffe, sondern zu Lande durch germanische Stämme geführt worden sei. Da indess die Deutschen die Schreibekunst nicht kannten, so ist ihre frühere Geschichte verloren, wie die aller Völker, welche sie entbehren. Völker aber, deren Geschichte man nicht kennt, denkt man sich gar nicht da, und so konnte man es auch nicht für möglich halten, dass schon in einer so sehr frühen Zeit Germanen nach Europa gekommen sein sollten. Gewiss aber befanden die Germanen sich schon lange in Europa und Deutschland, und nicht ohne mancherlei Gewerbe, Künste und Einrichtungen, welche auch ohne Schreibekunst bestehen können, wie die älteste Geschichte der orientalischen Reiche, Ägyptens, Peru's und Mexico's zeiget. Kobe Horden ohne Zucht und Ordnung hätten die krieggeübten an allen Orten siegreichen römischen Legionen nicht vernichten können. Die Kymbern – (Kämpfer, ein deutsches Kriegsheer –
Plutarch wusste, dass das Wort eine Bedeutung habe, er sagt, es heisse
λῃσταί Räuber. Marius XI.) hatten fliegende Haarbüsche, eiserne Helme, weisse Schilde, jeder Reiter doppelte Wurfspiesse und ein schweres grosses Schwerdt, die Weiber schwarze Mäntel. Alles dies setzt mancherlei Gewerbe, Bergbau, Bearbeitung der Metalle, Webereien und Färbereien voraus. Wie lange mussten nicht die Deutschen in Norden, wo der Mensch sich langsamer entwickelt, getrennt von den Mittheilungen der in südlichen Ländern gemachten Erfindungen, wohnen, um dergleichen Einrichtungen machen zu können, und wie unrecht verfährt man, wenn man den einseitigen Nachrichten der Römer glaubt, welche, um ihre Niederlagen zu beschönigen, das Land, das sie nicht behaupten, als rauh und unbebauet, das Volk, das sie nicht unterjochen können, als wild und ungezügelt darstellen, wie der Fuchs die zu hoch hängenden Trauben sauer nennt, Durch solche einseitige Berichte verleitet, wagte man daher nicht, an ein sehr hohes Alter der Germanen zu denken. Allein dass der Norden mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung nicht so rauh und unbebaut war, und die Deutschen nicht ein blosses Jäger- oder Nomadenvolk gewesen sein können, ist aus mehrern Erscheinungen klar. Ohne Ackerbau, der wieder mehrere Gewerbe voraussetzt, hätten zahlreiche Völker, deren Dasein ihr zum Theil siegreicher Einbruch in Gallien und Italien bekundet, unter einem nördlichen Himmel sich nicht nähren, und in strengen Wintern nicht sich und ihr Vieh erhalten können. Der um die deutsche Sprache hoch verdiente
Adelungirrt daher gewiss sehr, wenn er meint, die Deutsehen hätten nur von der Jagd gelebt. Selbst
Cäsar lässt die
Sueven, die er sonst so roh schildert, Ackerbau treiben, von Milch und Käse, also von Viehzucht, sich ernähren und giebt ihnen hundert Gaue, deren jeder tausend Krieger stelle. Gewiss hatte daher auch Deutschland mehr Einwohner, als Adelung meint, der nur 1 Million ihm giebt, weil ein Jägervolk viel Boden zur Nahrung brauche. Allein auch nach
Tacitus sind die Deutschen kein Jägervolk, wenn sie auch die Jagd lieben, sondern bauen Acker, und verfertigen aus Gerste und Getreide ein weinähnliches Getränk, unser Bier, was auch wieder manche Künste und eigene Erfindungsgabe voraussetzt, da sie das Brauen von den weintrinkenden Römern gewiss nicht gelernt haben
[14]. Auch haben, sle Landobst
agrestia pōma – and kaufen Wein. Aber wofür? und kennen Spiele. – Dass
Ptolemaeus wenig Städte in Deutschland anführt, kann die schwache Bevölkerung nicht beweisen, da die Alten, wie heut die Norweger, mehr in einzelnen Weilern wolnten.
▷ ▷Adelung stellt auch die altdeutsche Sprache als eine rohe, misstönende, dem Geheul wilder Thiere ähnliche dar, und doch hat uns Grimm die hohe Schönheit und Vollendung der altgothischen Sprache des
Ulphilas dargethan, die unmäglich so schnell so weit gediehen wäre, wenn einige Jahrhunderte vorher Volk und Sprache noch eine solche Barbarei gedrückt hätte. Da mun auch die deutsche Sprache nicht nur Namen von natürlichen Gegenständen, wie taw
Thau,
Ersen Hirse,
fered Plerd,
gau Kuh,
lam lahm mit der Persischen gemein hat, sondern auch Ausdrücke von Kunstproducten, wie
bend Band,
pistr Polster,
chus Haus,
tas Tasse,
gird Girtel, gardin
Gardiene,
tal Teller,
wadschterwägen,
kup Kuffe,
kamer Kummer,
lac Lack,
balsem Balsam, von denen mehrere wie
cupa,
camera,
laca,
balsamun bis ins Latein mit übergingen, so sieht man, dass die Germanen schon manche Gegenstände der Kunst and manche Gewerbe mit nach Europa brachten. Es würde auch für die germanischen Völker, welche vielleicht durch die starkwachsende Berölkerung gedrängt nach Scandinavien übersetzten, in diesen noch rauhern Ländern ein nachtheiliger Einfluss auf Körper und Geist sich gezeigt haben, wie ihm
Lappen und
Samojeden erfuhren, wenn sie micht durch Kenntniss von mancherlei Gewerben und Künsten gegen den ungünstigen Einfluss der Witterung und gegen Mangel sich hätten schützen können. Völker, welche dies nicht verstehen, verkrüppeln, wie in ungünstigen Himmelsstrich und Boden versetzte Pilanzen. Dass also die Germanen später Jahrhunderte lang mit den Römern siegreiche Kämpfe führen, deutet auf innere Zucht und Ordnung, dass, ungeachtet grosser Menschenverluste in so vielen Schlachten – wenn auch nicht nach der Römer prahlenden Berichten, ganze Stämme bis auf den letzten Mann vertilgt sein mögen – immer neue Schaaren hervorbrechen und in wenigen Jahrhunderten das oströmische Reich oft erschüttern, das weströmische stürzen, Italien, Gallien, einen Theil Spaniens und Brittanien unterwerfen und bevölkern, ja bis Afrika übersetzen können, ohne dass Deutschland verödet, setzt eine zahlreiche Bevölkerung voraus, die nur durch Ackerbau und Gewerbe bestehen konnte, daher wir, da die Entwickelung solcher Erscheinungen, zumal im Norden, Zeit erfordert, annehmen müssen, dass lange Jahrhunderte vor der geschichtlichen Erwähnung die Germanen Europa und Deutschland bewohnen und nur wegen Unkenntniss der Schreibekunst in jenen Zeiten, vielleicht auch durch den Untergang manches schriftlichen Denkmals ihre Thaten und Schicksale uns unbekannt geblieben sind. Wenn nun fast in allen Zeiten fortwährend einzelne Stämme, von den Römern meist gallische genannt, den Weg nach Italien finden, so darf es uns nicht auffallen, dass auch früher einige die Alpen überstiegen, unter Italiens mildem Himmel sich niederliessen und den Kern eines Volkes bildeten, das den Süden, Osten und Westen sich unterwarf, aber nicht ungestraft dem alten Stammsitze nahen durfte, vielmehr als es ausgeartet war von der alten Einfachheit der Väter durch Ausländerei und orientalische Schwelgerei, durch seinen von Völkergemisch und Lastern reinen Bruderstamm gestraft wurde, der allein die gepriesene römische Tapferkeit und Unbesiegbarkeit zu übertreffen in Stande war. Da mun die Unmöglichkeit einer frühen Einwanderung germanischer Stämme nach Italien auf keine Weise wird gezeigt werden können, vielmehr sehr vieles für sie spricht, da die Zahl der mit den germanischen Sprachen zusammenhangenden und die ersten Begriile und Bedürfnisse bezeichwenden Wörter mi Latein sehr gross ist, die Abstammung anderer nur aus germanischen Wurzeln und die Flesion, zumal des Zeitworts nur durch Hille des Germanischen erklärt werden kann, so müssen wir auf die Ähnlichkeit beider Sprachen mehr achten, als auf die Angaben mit dem Norden unbekannter römischer und griechischer Schriftsteller, welche Alles aus dem Griechischen ableiten wollten und denen viele neuere nur zu oft folgend, es – wenn auch mit wenig Glück – versuchten, die lateinische Sprache als griechischen Dialect zu erklären. Allein wenn man auch zugiebt, dass die griechische Sprache einen wesentlichen Einfluss auf die Bildung und besonders die Wortfügung des Lateinischen gehabt hat, so weiss man doch, dass die Zahl der gleichlautenden und besonders die ersten Elemente des Lebens bezeichnenden Wörter nicht so sehr gross ist, welche dagegen auf eine auffallende Weise mit dem Deutschen übereinstimmen, und dass endlich das lateinische Verbum aus dem Griechischen sich gar nicht erklären lässt. Mehr Ausdrücke der Kunst, Wissenschaft und des gebildetern Lebens hat die lateinische Sprache allerdings aus dem Griechischen; doch zeigt ja eben hierin sich der spätere Einfluss. Wenn daher oft alle drei Sprachen dasselbe Wort haben, wird man es, wenn wan bisher das Latein aus dem Griechischen ableitete, zumal wenn es einen natürlichen Gegenstand bezeichnet, mit mehr Recht auf das Germanische zurückführen. Selbst die dem Griechischen ähnlichere Form wird nicht entscheiden, da man annehmen kann, dass besonders die Schriftsprache den dem Griechischen ähnlich klingenden Ton vorzog, die Volkssprache aber für uns verloren ist, wir müssten denn in dem heutigen Halienischen noch einzelue Spuren finden. Übrigens darf nicht übersehen werden, dass auch in Griechischen ein germanisches Element, worauf
Platos Cratylus uns schliessen lässt, sich findet, und das von
Bushorn,
Kanne,
Kwithan und andern schon dargethan ist, auch ausserhalb der Gränzen dieser Untersuchung liegt.
▷ ▷Wir wollen daher jetzt die in beiden Sprachen ähnlichen Wörter und besonders die germanischen Wurzeln mi Latein aufsuchen, wobei man bemerken wird, dass die Ähnlichkeit beider Sprachen um so mehr zunimmt, je ältere Schriftstücke man aus beiden wählt. Dabei werden wir freilich nicht übersehen dürfen, dass die Trennung des germanischen Stammes in Italien von dem in Deutschland weit über 3000 Jahre her sein muss, und dass, wenn schon die Sprache solcher Stämme, die erst seit 12 bis 14 hundert Jahren sich trennten, wie Angelsachsen und Franken, sich sehr änderte, die Abweichung dort noch grösser sein muss. Es ist ja selbst in dem eigentlichen Deutschland nicht nur die Aussprache in den verschiedenen Provinzen abweichend, sondern es finden sich in jeder eine Menge eigenthümlicher Ausdrücke, so dass, ohnerachtet durch die Buchdruckerkunst, die Sprache fester gehalten wird, die äussersten ober- und niederdeutschen Landleute sich nur mit Mühe verstehen. Wir müssen aber auch Folgendes beachten:
▷ ▷1) Dass die Vocale von geringer Bedeutung sind, die ja auch stets in den verschiedenen Dialecten verändert werden, daher dasselbe Wort in einer andern Sprache mancherlei Abwandelungen erleidet. Zeigt sich diese Abwandelung doch in Worten desselben Stammes:
fliege,
flog,
Flug;
finde,
fand,
finde,
gefunden etc. Nur ist hier anzuführen, dass wahrscheinlich das
a oft gesprochen wurde wie
ae, das lange
o und
i wie
ei omnis,
omneis –
Iphigenia,
Mēdēa – für
eia;
ovielleicht wie ů im Schwed., schwankend zwischen
a und
o,
u wie ủ,
proximus, und
proxumus,
au wie
oplaustrum und
plostrum.
▷ ▷2) Dass die Consonanten als die Grundbestandtheile der Wörter angesehen werden müssen, dass aber in allen Sprachen die Buchstaben desselben Organs für einander gesetzt werden, wofür das Ober- und Niederdeutsche tausend Beispiele giebt, und wolfür man Belege in jeder griechischen und besonders der deutschen Grammatik des verdienstvollen Forscher Grimm finden kann. Es werden also unter einander vertauscht:
A. Die Lippenbuchstaben
- b. p. f. v, der sanfte Blasehauch w (qu), seltener die Lippenliquida m. Die Verwechslung des b und p ist bei den Sachsen, die des f bei den Plattdeutschen bekannt. Schipp statt Schiff etc. so treiben – Trift – binseln – pinseln und winseln.
- Das v, welches, welches wir erst mit einem besondern Buchstaben schreiben, da die Alten nur u hatten, wurde wohl wahrscheinlich meist nur als Vocal gesprochen, und lag unseren u näher als dem w. Daher drücken es auch die Griechen durch ού aus, Valens durch Οὐαλεν𝞻. Es könnte daber scheinen, alsob der Chosesont W den Lateinern gefehlt hätte. Allein dem ist nicht so; er findet sich dort, doch in einem andern Buchstaben, als wo man ihn suchte. Es ist bekannt, dass wenn man im Latein des Mittelalters, im Französischen und Italienischen unser W bezeichnen wollte, man g voraussetzte, wie in Gothen h, wo war aus Wehr guerra und guerre, aus WillhelmGuilielmus, Guglielmus und Guillaume, aus Vieweide Figuaida, aus Wald Gualdus, und allgemein bekannt sind Guelfen und G(v)ibelinen. Grade so scheinen die Lateiner dem u, um es zum Consonat zu machen, das qvorgesetzt, und dies dann gar nicht, sondern nur u wie wausgesprochen zu haben.
- So sagt Scaurus p. 2253. Q littera aeque retenta. est, quia cum illa V liltera conspirat, quoties Consonantis loco ponitur, id est pro Vau littera ut: Quis qualis.[15] Das heisst, es soll nicht q mit, sondern nur u wie ogelesen werden, also vis, valis? Auffallend wird dann die Ähnlichkeit mehrerer lateinischen Wörter mit alt- und neudeutschen. Quatuor wird nun (q) Vatuor, das Teutonische fedwor, das Gothische fidur, vier, Quinque wird ( q ) Vin(q)re – vinze, das alte fynf und unser fünfe. Quis wird (q) Vis = vis, das Gothische Hwas, und quid = (q) Vid – Goth. hwato, plattdeutsch Wat? Denkt man, dass auf der Inschrift der tarpejischen Burg quirquir = (q) Vir(q)Virsteht, so ergiebt sich die nahe Verwandschaft mit unserm Wer und Was? Quando wird (q) Vando = Wann, curfrüher (q) Uur War–um? Quo = vo Wo und aqua = ava Goth. ahwos. Erst später mag qu als c (k)ausgesprochen worden sein. Q war ursprünglich wohl g oder c; daher steht auf der Bantischen Tafel Pequnia statt pecunia.
- Was die Verwandlung der Lippenbuchstaben betrifft, wollen wir nur baeren und ferre, Bruder und frater, wellebullio, Fell pellis, warm formas, Wabe favus anführen. Seltner zeigt sich der Uebergang des b p f w in moder ungekehrt, und z. B. in folgenden Wörtern: mit, Engl. with, Win der Freund von minnen, in straffund stramm, in prōmulgāre und provulgare, Vulcānus statt Mulciber, in facio und vito, statt mache und meide, in multi und milefür viele.
- qu als w. licet im alten Latein li(q)vet = liwet – es ist (er)laubet. li(q)vere entspricht ganz dem Isländ. leifa, Schw. lofwa, Engl. to leave, Ulphil. oslobjan, erlauben. di(q)uor walrscheinlich früher li(q)uos – li(q)uid – Luft. Angels. Lyft. Im Latein also nur aufgelöst in Livid; li(q)vid – us luftig.
- relinquo. li(q)vi. liv. Altd. s, leiben, Fränk, leiban, Schwed, lifwa, Isl. lifa, Eagl, to leave zurücklassen, auch ganz dem Griech. λείπω entsprechend. Durch Zufügung von be entstand des Kero piliben, Isidor beleiphan, unser bleiben. leibenhaben wir verloren, die Schwestersprachen haben es behalten. reli(q)uum - ist das rück(b)leibende – oder rückgelassene. Ottfr. L. .V CXI. 85.
- m und b. so turba und turma; so ging der altdeutsche Dat. und Abl. in m im Latein in b über: so ward aus Sturm, Angels. storm, im Lat. turbō. So ist bal Altd, φαῦλος Griech. im Latein malus.
- ↑ dass viele griechische und lateinische Wörter barbarischen Ursprungs sind und ihre Etymologie durch die Antike abgenutzt ist
- ↑ *) Brot, Stul, Hus, Reghen, Silver, Holz, Salt, Sonne, Stern, Tag, Handa, Bogu, Schlieten.
- ↑ "Aborigines appellati sunt, quod errantes convenerint in agrum, qui nunc est populi Romani; fuit enim gens antiqussima Italiae."Sie wurden Ureinwohner genannt, weil sie umhergewandert waren und sich in dem Gebiet versammelt hatten, das heute das römische Volk ist; denn es war die älteste Nation Italiens.
- ↑ *) Thiercy histoire des Gaulois.
- ↑ •) "Cato in originibus. Qui urbem novam condit, tauro et racca aret: ubi araveris murum faciat: ubi portam vult esse aratrum sustollat et portet et portam vocet." (Cato in den Ursprüngen. Wer eine neue Stadt baut, pflügt einen Stier und einen Pflug. Wo er pflügt, baut er eine Mauer) Serv, ad Aen. Nach Festus hiess das Furcheziehen vom urvum aratri, dem Kümmel, urvare. Aber es stammt wold urvare wie urvum von hwarban ab.
- ↑ Er ist schnell dabei, einen ehrenwerten Mann zu töten
- ↑ Marmar, habe keine Angst davor, in die Menge zu stürzen. Enos, Lases, iuvate! Ne velue rue, Marmar, sins incurrere in pleores! Satur fu, fere Mars! limen sali! sta! berber! Semunis alternei advocapit conctos! Enos, Marmar, iuvato! Triumpe!
- ↑ Die Alten sagten, dass ich Dingo als Sprache verwenden würde
- ↑ Die Alten sagten dasselbe für einen Anzug
- ↑ Die Lieder, die im Geistlichen nach der alten Formel gesungen wurden, wurden von nur sehr wenigen verstanden
- ↑ Es ist natürlich in jeder Stimme scharf, aber nie mehr als eine und auch nie die letzte.
- ↑ Im Lateinischen hat das Akute nur zwei Stellen, die letzte und die vorletzte.
- ↑ * ) Dies ist auch die Meinung Maratori's. Antiq. Ital. vol. VI. 571.
- ↑ * ) So sagt auch Leibnitz in s. Celticis. Cwrw. Cwrwf cerevisia, quibusdam apud Plinium Ceria. "Cercrisiam a vi Cereris derivare hominum est mescientium, Latina plurima a Celtico esse petenda, et maxime in rebus, quae erant apud Celtas. Putanus non inepte Ceriam derivat a gären seu a fermentando."Cercrisia aus der Macht von Ceres abzuleiten, ist eine Frage der Menschen, denn das meiste Latein ist auf die Kelten zurückzuführen, und zwar besonders in Angelegenheiten, die bei den Kelten lagen. Putanus gewinnt Ceria nicht unklugerweise aus gären oder fermentando.
- ↑ Der Buchstabe Q bleibt ebenfalls erhalten. ist, weil es mit diesem 5. Buchstaben verschworen ist, wann immer er an die Stelle eines Konsonanten gesetzt wird, also für den Buchstaben Vau, als: Wer ist was?
B. Die Gaumenbuchstaben
- g c k ch, der Hauch h und x. G und K kann der Sachse nicht unterscheiden, und in ziehen, zog, Zucht sieht man den leichten Übergang dieser Buchstaben. Auch in der Mitte ging das h in c über; so Fluth, wahrscheinlich früher Fluht – fluct, so spare – sparhe parco.[1] Auch spricht das Volk heute noch in Florenz statt c gewöhnlich h; so il hapo st. capo, il hane st. cane, la hasa st. casa, hanapa st. canapa, huse st. cute, eduhare st. educare.[2] Noch merke man folgendes: C aus dem griechischen Γ entstanden, wurde bei den alten Lateinern vielleicht mit Ausnahme vor i, früher als g, später als kausgesprochen. Erst spät mochte es in einzelnen Provinzen in z übergehen. Der Hanch h, den die Griechen durch den Spiritus asper bezeichnen, konnte von den spätern Römern wahrscheinlich wie heut von Italienern und Franzosen nicht gut mehr ausgesprochen werden, daher trat häufig c (k) an seine Stelle. Wie man also im Deutschen Reiher und Reigerschreibt und λέλυἁ in λέλυκα im Griechischen verwandelte, so ward aus hehle celo, aus höhle coelo, aus Halm, alt Halam – calam-as, aus Haup(i)t caput, aus hana (gothisch) cano, aus Haut cut-is, und umgekehrt, aus Garten (von gürten) ward hortus, aus Gast host-is. Der leichte Übergang zeigt sich in traho – veho – xi – ct – in Hessen und Chatti. Das X am Ende ward vielleicht wie das griechische χ, das spanische X ausgesprochen. So werden die alten gallischen und germanischen Namen, die sich auf rich = reich enden, meist mit x geschrieben; so Orgetorix = Orgelorich, vielleicht Ortreich; Eporedorix Pferdereich, Dumnorix etc. Uxellodunum von Uchel hoch und dun (town Zaun) Stadt: Hochstadt–, redix Rettich, rex Recke.
C. Die Zungenbuchstaben
- d e th g ss z. D und T können Sachsen nicht unterscheiden, Plattdeutsche sagen det für das, Water für Wasser, tehn für zehn; eben so tritt bei Scandinaviern und Engländern grösstentheils t an die Stelle von s, besonders aber von z; denn bei ihnen ist dieser Buchstabe eben so selten, wie bei den Lateinern, wo er nur in griechischen Wörtern gebraucht wurde. Auch scheint im Ober- und Hochdeutschen ein zu starkes Streben t in z zu verwandeln sichtbar, oft, gegen die Etymologie. So ward also messen, goth. mitan, lat. mētīrī. Z wurde verwandelt, wie μοιχίζω in moechissor, so sitzen, Schwed. sitta in sedeo, (er)götze in gaudeo, (ver)letze in laedo, Platz in platea; oder es wurde durch Einschiebung eines Vocals in seine Theile zerlegt, so ward Sitz sedes, Maass, Metze; modus. Doch kann auch die aufgelöste Form die frühere gewesen und unsere zusammengezogene später eingetreten sein; der Verwandschaft der Sprache thut dies keinem Eintrag. Das s der Lateiner ist bei uns oft d; so lind – wahrscheinlich linid == lenis, mild – mollis; – gesund, Schwed. sund, sanus; Hunid, Hund canis; infens – us anfeind – end, vom verlornen infendo (jetzt findet sich nur offendo, defendo). st nach einem Consonant ward d, so ward aus Gerste hordeum, wie Pallatium aus Pallast, bei Notker Falanza, bei andern Pfalz, richtiger von palus Pfahl – Pfallast - Plahlwerk abgeleitet, als vom palatinischen Hügel. Das Sch – Schw – Schl findet sich bei den andern germanischen Nationen nicht, wo man slaffen, smecken, syster schreibt, und man kann es also auch im Latein, nicht erwarten.
D. Auch l n r s werden, wie von Kindern, oft unter einander vertauscht. Wenn auch R nicht eine Erfindung des Appius Claud. coecus (447. a. u. c.) war, indem es in den Gesetzen der Könige oft vorkommt, so scheint es doch einige Zeit durch sverdrängt worden zu sein. Wie daher ein Schwanken im Angelsächsischen zwischen isen und iren, im deutschen Wer, Goth. Hwas, und Gen. Wessen, küren und kiesen sich zeigt, so im Latein zwischen lases und lares, quaero und quaeso, honor und honos, dorsum und dossum, quis und guir, und in den abgeleiteten Wörtern, wie honestus, audio von auris, statt aurio – höre, dem Goth. Auso, Ohr entsprechend. Viele Wörter wurden durch den sich eindringenden Rhotacismus sehr verändert; so wurde aus Asena –Saud –arena. In flos – Blüthe – trat im Ge. r zu floris – und davon ward floreo und flora gebildet. gloria stammt von Glanz, Im Oberd, Glass, Glast – Glis, vom alten Stammwort glo – lo, Licht – gloaleuchten. lases später lares von Lad - Land.[3] Das Streben, den Nominativ in a zu verwandeln, war so gross, dass nicht nur d und t in s überging, sondern auch r, so ward corpor, lepor, decor, corpus, lopus, decus. Eben so faden sich Vertauschungen mit r und l; fratellus statt fraterlus, im Französischen averon und avoine avena Hafer, so stlit für Streit, vertō für wende.
▷ ▷3) Die 3 Hauche,
- der Lippen- oder Blaselaut w,
- der Zungen-oder Sauselaut s (das lateinische s entspricht unserm scharfen ß)
- und der Kehl- oder Hauchlaut h
- wurde in der einen Sprache gesetzt, in der andern weggelassen, oft wahrscheinlich gar nicht bezeichnet.
- Im Griechischen wurden alle 3 durch den Spiritus asper bezeichnet, so war
- so ist also
- (be) wege agō;
- aeol: Fἄγω, frage, rogō, Frogo;
- auswirken ex–Ferceo,
- urbs ist wurbs – warbes.
- sch–lüpfrig ist lūbricus,
- Specht pīcus,
- Stier taurus,
- s–chliesse claudō,
- s-chreiten, Schwed. scrida, s – gredi
- spanne pandō –
- scheide cedo, ab–scēdō, Ulphil. skaidan;
- Halle oder Saal – und umgekehrt;
- über super,
- Zinn Plattd. Tinn – stannum,
- grabe, scrībō.
- Auch werden die Laute verwechselt
- Bei manchen Wörtern mochte der Zischlaut später eintreten, vielleicht im Deutschen, wie im Italienischen und Französischen:
- jūrō bewähre, bewahrheite
- se-vero, schwöre*)
- jurer, giurare; taceo, Gothisch thahan, Schwedisch tiga, deutsch schweigen.
Das Streben, einen Zischlaut zuzusetzen, zeigt sich in mehrern Sprachen; denn daher kommt es, dass c j g vor e i im Französischen die eigenthümliche Aussprache erhielt, und im Italienischen e und g wie tschi und dschi ausgesprochen werden. Im Latein ward der Zischlaut s oft vor das t oder d gesetzt, im Deutschen hinter dasselbe, so dass dort st – hier ts oder z entstand; so ward aus dem Britischen tinn bei den Lateinern stannum, bei den Deutschen tsinn, oder Zinn; das Wort Het - Engl. Heat – ward im Lateinischen aestus – im Oberdeutschen Hitse == Hitze. So ward im Deutschen aus tegul – Schwed. tegel, Ziegel; aus taihend – zehend – zehn; beides gegen die Etymologie, da jenes von tego decke, dieses von: die Hände = 10 Finger, stammt.
Auch im Lateio mochte
j schon zum Theil mit Zischlaut ausgesprochen sein, wahrscheinlich in juvo –
jut schütze,
jacio,
jec schicke,
jam schon, Die neuern Völker haben auch von vielen aus dem Deutschen stammenden Wörtern diese Hauche weggeworfen; so ward bei den Franzosen aus
schreien escrier jetzt
ecrier, aus Scheuer Escurie – Ecurie, aus staunen estonner – etonner, aus Forst forest –, aus Herberge Auberge, aus wallen
aller, aus wandern Ital.
andare, bei andern hinzugenommen, so ward aus Garten
jardin etc.
[4]
▷ ▷4)Wie die Franzosen in der Aussprache viel Buchstaben weglassen, und die Griechen
στᾱ́ς für
στᾱ́νς oder
σταεντ setzten, so haben auch die Lateiner viel weggeworfen, weshalb ich auf Conrad Schneider's ausführliche Grammatik der lateinischen Sprache verweise; so stehet
- nātus für gnātus (cognātus),
- nōtus für gnōtus, (ignōtus, )
- arāre für agrare, von ager,
- mitto für smitto (committō),
- locus für stlocus,
- ūrō für buro, combūrō von Feuer, durch Feuer vertilgen,
- rogō für Frogo,
- laetus für glaetus; Schwed. glaede, Engl. glad.
- So wird aus volis – du willst, vis, und invītus steht für inviltus, unwillig,
- īnfestus für in-fensus, von infend - anfeinden.
▷ ▷5) Oft muss man eine durch das Streben nach Wohllaut herbeigeführte Versetzung von Buchstaben annehmen, deren ursprüngliche Stellung bisweilen in einzelnen Formen sich wieder zeigt, so
▷ Die alte Sprache, die deutsche wie lateinische, scheint mehr die aufgelösten Formen geliebt zu haben, daher viele Wörter zweisylbig waren und aus Stamm- und Nachschlagsylbe bestanden, welche jetzt bei uns einsylbig sind. Dies zeigt sich schon in eigenen Namen
- Karol–us Karl,
- Am-sium Ems,
- Theotisci Teutische, Teutsche.
Ebenso
Von vielen Wörtern warf die lateinische Sprache den Vocal der ersten, die deutsche. den der zweiten Sylbe fort und endete in einen Consonanten; so ward aus dem alten
fora ( Outfried) oder
faura (
Ulphilas) beim Lateiner
prae, beim Deutschen
vor, beim Engländer
for; ebenso ging
fora und
furi in
pro und
per, und das Deutsche
für über; so ward aus dem deutschen Krebs –
écrevisse.
[5]
▷ Die Endung
us –
is,
um gehört nicht zum Stamm, und scheint grösstentheils erst angehängt zu sein. Doch hatte des Ulphilas Gothisches auch die Endung
us, und Herodot 1, 1, sagt, dass der Perser Wörter sich auf
us endigten. Dass das Schluss
s nicht stark gehört worden sei, sieht man daraus, dass es von Dichtern oft weggelassen wird. Es enden daher viel Wörter auf
s, die bei uns eine andere Endung haben; so (
q) Vis, Wer? –
valid-us,
walt-ig, (
q)Valis welch-er? gleichsam valj –
talis – talj –
solch-er. Schwed. tolik. Aus
lenit-as, sanit-udo sieht man, dass
lēnis,
lēnit,
lind,
sānus, sanut –
(ge) sund heissen musste.
▷ ▷8) Bei Wörtern wachsender Declination muss nicht der Nominativ, sondern der Genitiv als Stamm angesehen werden. Die Lateiner behielten nicht den Reichthum germanischer Sprachen, in den Endungen des Nominativs, sondern warfen meist die Consonanten fort. So ist der, Stamm
Das g hatte man aufgelöst in i, wie es die Italiener heut mit vielen Consonanten machen, die piacere schreiben statt placēre, pitt statt plus. So wurden also Consonanten am Ende weggelassen und in Vocale oder s verwandelt. Weg war via, doch in der röm. Bauernsprache blieb es reha. Varro de R. R. 1, 2. 14. Tag war diēs.
Die ganze fünfte Declination besteht aus Wörtert, die am Eode den Gaumenlaut g oder ch hatten, der sich im Genitiv zeigt; denn dies i ist nichts anders als das in einen Vocal aufgelöste g, das so mit j , wie j mit i nahe verwandt ist,
- so ist diēs –diei – diej –dieg – Tag.
- scabiēs – scabiei – scabiej, scabieg – Schabung; Krätze.
- superficiēs – ficici – ficiej – ficieg – Oberfläche. das l war, wie so oft, (z. B. in vīs statt vils) herausgefallen.
- spēs – spei – speh – Spähung - Hoffnung,
- perniciēs – perniciei - ej - pernikieg - Vernichtung.
- requiēs - requiei – ej – requieg – Erquickung.
Rache die Sache, so auch bei Kero rēs racho, rērum rachono. Ottfr. C. III. L. XXV, 3. thuruh thesa racha; propter hanc rem.
Denkt man, dass durch den Rhotacismus Lases – und Asena in
Lares und
arena etc. verwandelt waren, so konnte es auch im Altlat,
sej –
Sache geheissen haben.
▷ ▷9) Als Stamm des
verbī ist nicht sowohl, das Praesens, als to das Perfectum und Supinum, (eine durch Anhängung entstandene Infinitivform) zu betrachten. Im Praesens ist oft
m,
n,
r eingeschoben; so statt, presso, presmo – premo. Von sterno – strav (streue), von frang – frag – (fract) – breche, von pango – pag – (pact) – füge, von
sero – saw – sat – säe – säct – tero – trit –
trete – zermalme, von haurio – haust, –
Bei der 1stren, 2ten und 4ten Conjugation ist das lange a, e, i wie im Griechischen bei den verbis perispomenis durch eine Zusammenziehung entstanden. Stō von stao stehe, zum Theil durch die Verwandlung eines Consonanten, der sich im Supinum wiederfindet, in einen Vocal und dann freilich auch durch Zusammenziehung in einzelen Formen, so
▷ Beim Deutschen ist zu bedenken, dass nur die Stammsylbe, nicht aber die Vorschlags- oder Anhängesylben in Betracht kommen. So wird z. B. unsere Vorschlagssylbe
ge in vielen deutschen Volksdialecten, dem Scandinavischen und in der englischen Sprache weggelassen; so heisst Schwedisch und Dänisch Gesund sund, Gewalt vaelda. Oft ist im das
e beim
G im Deutschen herausgefallen, so dass man es kaum als Vorschlag erkennt, wie bei Glied – statt Gelied. Schwed. und auch im Schlesischen lit. Gnade Daenisch Naade und Nåel. Glück: Friesisch Lock, Nieders. Luck. Ob Wörter aus dem Latein ins Deutsche oder aus dem Deutschen ins Latein gegangen sind, lässt sich an mancherlei erkennen.
- An der Aussprache, besonders des C. Zentner, Zelle, Zeder, Zins, Karzer stammen von centēnārius, cella, cedrus, cēnsus, carcer, was durch die später entstandene Aussprache sich ergiebt. Dagegen sind cella und carcer selbst aus Keller und Kerker entstanden, und waren auch früher so ausgesprochen worden. Ebenso cent, was weiter unten erklärt werden wird.
- Aus dem Tone. Wörter, die den Ton auf der Stammsylbe haben, können wir als ächt deutsche betrachten. Die es nicht sind, verrathen, auch wenn sie noch so verbreitet sind, durch den Ton, ihre fremde Abkunft, so Musik und Natur, denn ohnerachtet das letztere Wort von einer germanischen Wurzel stammt, ist diese Form uns doch durch die Lateiner gegeben worden.
- Durch die Form des Infinitiv. Sind sie aus dem Latein, so machen sie gewöhnlich iren, so contribuiren, spazie-ren, referiren. Wo dagegen die rein deutsche Infinitivform sich findet, wie bei haben und mahlen, ist gewiss das Deutsche das ältere, selbst wenn wir die Kunst durch die Römer bekamen, wie z. B. Schreiben; denn aus unserm graben – an manchen Orten Schaben und Schraben – war das lateinische scrībō entstanden, was uns nur wieder zurückgegeben wurde; so poliren von polīre, dagegen poliō selbst von feilen; imprimiren von imprimere, aber primo – press – selbst von pressen, Notker hressen, Holländisch parsen und Schwedisch prässa, so auch ferō von bären (noch im Niedersächsischen), im Allemannischen peran, im Gothischen bairan, im Schwedischen baera, im Dänischen bäre. Der unregelmässige und dem Dänischen ähnliche Infinitiv ferre zeigt das hohe Alter des Worts im Latein, daher auch nicht alle Formen desselben sich erhalten haben. So stammen auch regieren und Regent aus dem Latein; das Lateinische regō aber kommt vom Deutschen regen, richten, so dass wir die Wurzel, sie die Form uns geben. Ebenso Siegel von sigillum; allein dies ist ein Diminutiv von signum, dessen Stamm signō, ich zeichne, ist.
Wir werden nun in beiden Sprachen die Wörter, welche an Ton und Bedeutung sich ähnlich sind, durchnehmen, und zwar nach Begriffen geordnet, weil sich so die grosse Menge der die ersten Lebensverhältnisse bezeichnenden ähnlichen Wörter ergeben wird, auch leichter Schlüsse auf den frühern Culturzustand der Volksstämme bei ihrer Einwanderung in Italien gemacht werden können.
- ↑ Berichtigung S. 29
- ↑ S. Berichtigung 29. Z. II.
- ↑ Berichtigung S. 30 unten.
- ↑ Berichtigung S.31. Z.3. am Ende.
- ↑ Berichtigung S. 32. Z. 6.