Werk:Phaidon (Platon)/62c-84b
◀▷[1]Du mußt dich eben darum bemühen, sagte er. Möglich, daß du es dann hören wirst. Vielleicht kommt es dir allerdings wunderlich vor, daß dies allein von allen Dingen ohne Ausnahme so sein und es nie, wie in anderen Fällen, dem Menschen begegnen soll, daß es manchmal und für einige Menschen besser ist zu sterben als zu leben; für die es aber besser wäre zu sterben, bei denen erscheint es dir vielleicht wunderlich, wenn es ihnen nicht erlaubt sein soll, sich selbst wohlzutun,[2] sondern daß sie auf einen anderen Wohltäter warten sollen.
Da sagte Kebes, ein wenig auflachend und in seiner Mundart: Das mag Zeus wissen!
Es mag[3] wohl so scheinen, sagte Sokrates, als ob das widersinnig sei; dennoch hat es wohl seinen Sinn. Das jedenfalls, was in den Geheimlehren[4] darüber gesagt wird, daß wir Menschen in einer Art von Gewahrsam[5] seien und man sich nicht selbst daraus lösen und davonlaufen solle, das scheint mir ein großes Wort und nicht leicht zu verstehen zu sein; wohl aber scheint mir das gut gesagt zu sein, Kebes, daß die Götter unsere Hüter sind und wir Menschen zum Besitz der Götter gehören. Oder scheint es dir nicht so?
Mir schon,[6] sagte Kebes.
Würdest du nun nicht auch, fragte er, wenn einer von denen, die zu deinem Besitz gehören, sich selbst töten würde, ohne daß du ein Zeichen gegeben hättest, daß du wolltest, er möge sterben, ihm böse sein und, wenn du noch irgendeine Strafe zur Verfügung hättest, ihn bestrafen?
Ganz bestimmt, sagte er.
Demnach ist es also vielleicht doch nicht so widersinnig, daß man sich selbst nicht eher töten soll, als bis Gott irgendeine Notwendigkeit[7] verhängt hat, wie die, die jetzt für uns besteht.
[8]Das scheint ganz richtig zu sein, meinte Kebes. Was du allerdings eben gesagt hast, daß die Philosophen leicht bereit seien zu sterben, dies, Sokrates, scheint widersinnig, wenn denn das,[9] was wir eben gesagt haben, einen Sinn hat, daß Gott es ist, der uns hütet, und wir zu seinem Besitz gehören. Denn daß gerade die Vernünftigsten sich nicht am unwilligsten aus der Obhut entfernen sollten, in der die für sie sorgen, die die besten Fürsorger für alles Seiende sind, nämlich die Götter, das ergibt keinen Sinn. Denn ein solcher glaubt doch wohl nicht, er werde für sich selbst besser sorgen, wenn er frei geworden ist. Vielmehr könnte wohl nur ein törichter Mensch glauben, man müsse vor[10] seinem Herren fliehen, und nicht bedenken, daß man ja nicht vor dem Guten fliehen, sondern gerade bei ihm ausharren soll, weshalb es widersinnig wäre, wenn er fliehen wollte. Wer aber Verstand hat, würde danach streben, immer bei dem zu sein, der besser ist als er. Und so, Sokrates, wäre das Gegenteil von dem richtig, was eben gesagt wurde: den Vernünftigen nämlich käme es zu, widerwillig zu sterben, den Unvernünftigen hingegen, mit Freuden.[11]▷
[62 St.1 A] So musst du dich noch weiter bemühen, sagte er, du kannst es ja wohl noch hören. Vielleicht aber kommt es dir auch wunderlich vor, dass dies allein unter allen Umständen schlechthin gelten soll, und auf keine Weise, wie doch sonst überall, nur bisweilen und nur für einige Menschen, nämlich es sei besser zu sterben als zu leben. Und denen nun besser wäre zu sterben, wird dir wunderlich vorkommen, dass es diesen Menschen nicht erlaubt sein solle, sich selbst wohlzutun, sondern dass sie einen andern Wohltäter erwarten sollen.
Da sagte Kebes etwas lächelnd und in seiner Mundart: Das mag Gott wissen.
Es kann [B] freilich so scheinen, unvernünftig zu sein, sprach Sokrates, aber es hat doch auch wieder einigen Grund. Denn was darüber in geheimen Lehren gesagt wird, dass wir Menschen wie in einer Feste sind und man sich aus dieser nicht selbst losmachen und davongehen dürfe, das erscheint mir doch als eine gewichtige Rede und gar nicht leicht zu durchschauen. Wie denn auch dieses, o Kebes, mir ganz richtig gesprochen scheint, dass die Götter unsere Hüter und wir Menschen eine von den Herden der Götter sind. Oder dünkt es dich nicht so?
Allerdings wohl, [C] sagte Kebes.
Also auch du würdest gewiss, wenn ein Stück aus deiner Herde sich selbst tötete, ohne dass du angedeutet hättest, dass du wolltest, es solle sterben, diesem zürnen und, wenn du noch eine Strafe wüsstest, es bestrafen?
Ganz gewiss, sagte er.
Auf diese Weise nun wäre es also wohl nicht unvernünftig, dass man nicht eher sich selbst töten dürfe, bis der Gott irgendeine Notwendigkeit dazu verfügt hat, wie die jetzt uns gewordene?
Dieses freilich, sagte Kebes, scheint ganz billig. Was du jedoch vorher sagtest, dass jeder Philosoph gern werde sterben wollen, dieses, o Sokrates, kommt dann ungereimt heraus, wenn doch, [D] was wir eben sagten, sich richtig so verhält, dass Gott es ist, der uns hütet, und dass wir zu seiner Herde gehören. Denn dass nicht die Vernünftigsten gerade am unwilligsten aus dieser Pflege sich entfernen sollten, wo diejenigen für sie sorgen, welche die besten Versorger sind für alles, was ist, die Götter, das ist gar nicht zu denken. Denn sie können ja nicht glauben, dass sie sich selbst besser hüten werden, wenn sie frei geworden sind, sondern nur ein unvernünftiger Mensch könnte das vielleicht glauben, dass es gut wäre, von [E] seinem Herrn zu fliehen, und könnte nicht bedenken, dass man ja von dem Guten nicht fliehen muss, sondern sich so viel als möglich daran halten, und dass er also unvernünftigerweise fliehen würde, der Vernünftige aber würde immer streben, bei dem zu sein, der besser wäre als er. Und so käme ja wohl, o Sokrates, das Gegenteil von dem heraus, was eben gesagt ward, den Vernünftigen nämlich ziemte es, ungern zu sterben, und nur den Unvernünftigen gern.◀▷[12]Als Sokrates das angehört hatte, schien mir, er freute sich über Kebes' Eifer in der Sache, und uns anblickend sprach er: Immer macht Kebes irgendwelche Einwände ausfindig und will sich durchaus nicht ohne weiteres von dem überzeugen lassen, was jemand sagt.
Darauf sprach Simmias: Aber diesmal, Sokrates, scheint auch mir etwas an dem zu sein, was Kebes sagt. Denn warum sollten wohl wahrhaft weise Menschen vor Herren fliehen, die besser sind als sie, und sich leicht von ihnen losmachen? Und mir scheint, Kebes zielt mit seiner Rede auf dich, daß du es so leicht erträgst, uns zurückzulassen und auch, wie du selbst einräumst, die guten Herrscher, die Götter.
[13]Ihr habt recht, sprach er. Ich glaube nämlich, ihr wollt sagen, daß ich mich hierüber zu verteidigen habe wie vor Gericht.
Allerdings, sagte Simmias.
[14]Nun gut, sprach er, ich will versuchen, mich vor euch überzeugender zu verteidigen als vor den Richtern.[15] Denn, Simmias und Kebes, wenn ich nicht glaubte, erstens zu anderen weisen und auch guten Göttern zu kommen, ferner auch zu verstorbenen Menschen, die besser sind als die hiesigen, dann hätte ich wohl unrecht, nicht unwillig zu sein über den Tod. Nun müßt ihr aber wissen,[16] daß ich zu guten Menschen zu gelangen hoffe – wenn ich das auch nicht ganz sicher behaupten möchte –; daß ich aber zu Göttern, die vollkommen gute Herren sind, kommen werde, wißt, daß ich, wenn überhaupt etwas von diesen Dingen, dann dies behaupten möchte. Daher bin ich nicht so unwillig wie sie, sondern ich bin guter Hoffnung, daß es etwas gibt für die Verstorbenen, und zwar, wie schon immer gesagt wurde, etwas viel Besseres für die Guten als für die Schlechten.
Was nun, Sokrates? fragte Simmias. Hast du mi Sinn, diesen Gedanken für dich zu behalten und fortzugehen oder möchtest du ihn auch uns mitteilen?[17] Denn ein gemeinsames Gut, scheint mir, sollte das auch für uns sein, und zugleich wird eben das deine Verteidigung sein, wenn du uns von dem, was du sagst, überzeugst.
Gut, sagte er, ich will es versuchen. Zuerst aber laßt uns nach Kriton sehen, was es ist, das er mir schon lange sagen zu wollen scheint.
Was sonst, Sokrates, sprach Kriton, als daß der, der dir das Gift geben soll, mir schon lange sagt, man müsse dir raten, dich möglichst wenig zu unterhalten. Denn er sagt, man erhitze sich zu sehr, wenn man sich unterhält, das vertrage sich aber nicht mit dem Gift; andernfalls seien die, die das tun würden, manchmal gezwungen, zwei- und auch dreimal zu trinken.
Da sagte Sokrates: Laß ihn gehen. Soll er nur das Seine vorbereiten, damit er mir auch zweimal etwas geben kann, wenn nötig, auch dreimal.[18]
Das wußte ich beinah schon, sagte Kriton, aber schon lange läßt er mir damit keine Ruhe.▷
—Übrstzng F.S.[20]Es scheinen nämlich alle, die sich auf die rechte Weise mit der Philosophie befassen, – verborgen vor den anderen – nichts anderes zu betreiben als zu sterben und tot zu sein. Wenn das nun wahr ist, wäre es doch wohl sonderbar, sich im ganzen Leben um nichts anderes zu bemühen als um dieses, wenn es aber nun selbst käme, unwillig zu sein über das, worum man sich schon so lange bemüht und was man betrieben hat.
Da lachte Simmias und sagte: Bei Zeus, Sokrates, obwohl ich jetzt durchaus nicht zum Lachen aufgelegt bin, hast du mich zum Lachen gebracht. Denn ich glaube, wenn die Leute das hören würden, würden sie meinen, das sei sehr treffend gesagt im Hinblick auf die Philosophen – und die Leute hier bei uns[21] würden wohl völlig zustimmen –, daß die Philosophen tatsächlich zu sterben wünschten; und sie wüßten sehr gut, daß sie es auch verdienten, dies zu erleiden.
Sie würden wohl auch die Wahrheit sagen, Simmias, abgesehen von dem »sehr gut wissen«. Denn weder wissen sie, inwiefern die wahren Philosophen zu sterben wünschen, noch, inwiefern sie den Tod verdienen und was für einen Tod.[22] So wollen wir, sprach er, die Sache unter uns besprechen und uns um jene nicht kümmern.[23] Glauben wir, daß der Tod etwas ist?
Sicher, sagte Simmias, indem er das Wort ergriff.
Doch wohl nichts anderes als die Trennung der Seele vom Körper? Und das sei das Tot-Sein, wenn der Körper, getrennt von der Seele, abgesondert ganz für sich ist, und auch die Seele, getrennt vom Körper, abgesondert ganz für sich ist? Der Tod ist doch nichts anderes als dieses?
Nein, sondern eben dies, sprach er.
Prüfe also, du Guter, ob du derselben Ansicht bist wie ich!
[24] Denn hieraus, glaube ich, werden wir besser erkennen, was wir untersuchen. Scheint es dir Sache eines philosophischen Menschen zu sein, sich um die sogenannten Lüste wie die des Essens und Trinkens zu bemühen?
Keineswegs, Sokrates, antwortete Simmias.
Aber um die der körperlichen Liebe? Durchaus nicht.
Und um die sonstige Pflege des Körpers – glaubst du, daß ein solcher große Achtung für sie hegt? Zum Beispiel der Besitz von besonderen Kleidern und Schuhen und der andere Schmuck für den Körper, meinst du, daß er ihn hoch oder gering achtet, [25] soweit es nicht unbedingt notwendig ist, etwas davon zu haben?
Gering achten, denke ich, wird ihn der wahre Philosoph. Scheint dir also nicht überhaupt die Bemühung eines solchen Menschen nicht auf den Körper gerichtet zu sein, sondern sich, so weit es ihm möglich ist, von diesem zu entfernen und sich der Seele zuzuwenden?
Ja.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Also vor allem in diesen Dingen zeigt sich der Philosoph als einer, [26]der die Seele so weit er kann von der Gemeinschaft mit dem Körper loslöst, anders als die anderen Menschen.[27] Offenbar.
Und doch glauben wohl die meisten Menschen, Simmias, für den, der an solchen Dingen kein Vergnügen findet und auch nicht an ihnen teilhat, lohne es nicht zu leben, sondern ganz nahe sei schon dem Tot-Sein, wer sich nicht um die Lüste kümmert, die durch den Körper kommen.[28]
Du hast völlig recht.
[29] Wie steht es aber mit dem Erwerb von Einsicht? Ist der Körper dabei mi Weg oder nicht, wenn man ihn zur Suche nach ihr als Gefährten miteinbezieht?[30] Was ich damit sagen will, ist: bieten das Sehen und das Hören den Menschen irgendeine Wahrheit oder schwatzen uns derartiges nicht auch die Dichterimmer vor, daß wir nichts Genaues hören und sehen? Wenn nun aber von den Wahrnehmungen, die zum Körper gehören, schon diese nicht genau und sicher sind, dann wohl schwerlich die anderen; denn sie alle sind ja wohl schlechter als diese. Oder erscheinen sie dir nicht so?
Allerdings, sagte er.
Wann also, fragte er, erfaßt die Seele die Wahrheit? Denn wenn sie versucht, mit dem Körper etwas zu untersuchen, wird sie offenbar von ihm getäuscht.
[31] Du hast recht.
Wird ihr also nicht im Denken, wenn überhaupt irgendwo, etwas vom Seienden offenbar?
Ja.
Sie denkt aber doch dann am besten, wenn nichts davon sie stört: weder Hören noch Sehen, weder Schmerz noch irgendeine Lust, sondern wenn sie so weit wie möglich ganz für sich ist, den Körper beiseite läßt und, so sehr sie kann, ohne Gemeinschaft oder Berührung mit ihm nach dem Seienden strebt.
So ist es.
Nicht wahr, auch hierin achtet die Seele des Philosophen den Körper am geringsten und flieht ihn,[32] bemüht sich hingegen, ganz für sich zu sein?[33]
Offenbar.
Wie ist es nun mit dem folgenden, Simmias? Behaupten wir, daß das Gerechte selbst etwas ist oder nichts?[34]
Das behaupten wir allerdings, bei Zeus!
Und daß auch das Schöne etwas ist und das Gute?
Wieso denn nicht?
Hast du nun schon jemals etwas davon mit den Augen gesehen?
Niemals, sprach er.
Aber mit irgendeiner anderen der Wahrnehmungen, die man durch den Körper hat, hast du es erfaßt? Ich meine all dies wie zum Beispiel Größe, Gesundheit, Stärke, mit einem Wort: das[35] Wesen aller Dinge, was jedes wirklich ist. Wird durch den Körper das eigentlich Wahre an ihnen gesehen oder verhält es sich so: Wer sich von uns am meisten und am sorgfältigsten darauf einrichtet, jegliches selbst zu denken, was er untersucht, der dürfte doch wohl der Erkenntnis eines jeden am nächsten kommen.
Allerdings.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Wird dies also nicht der am reinsten tun, der so weit wie möglich mit dem Denken selbst zu jedem geht und weder das Sehen beim Denken[36] zur Hilfe nimmt noch irgendeine andere[37] Wahrnehmungsart zu seiner Überlegung heranzieht, sondern versucht, indem er das reine Denken ganz für sich gebraucht, rein ganz für sich auch das Seiende zu fassen – so weit wie möglich getrennt von Augen und Ohren und, um es kurz zu sagen, vom ganzen Körper, der nur verwirrt und die Seele nicht Wahrheit und Einsicht erwerben läßt, wenn er mit dabei ist? Ist es nicht dieser, wenn überhaupt jemand, der das Seiende treffen wird?
Überaus richtig, was du sagst, Sokrates, sprach Simmias.
[38] Ist es nun nicht unvermeidlich, sagte er, daß durch dies alles eine solche Meinung bei den »echten« Philosophen aufkommt,[39] daß sie untereinander derartiges reden wie: »Es scheint so, als führte uns beim Untersuchen mit der Vernunft gewissermaßen ein Pfad hinaus, weil wir, solange wir den Körper haben und unsere Seele mit diesem Übel vermengt ist, niemals hinreichend besitzen werden, was wir begehren; dies aber, sagen wir, sei das Wahre. Denn tausendfachen Mangel an Muße bereitet uns der Körper wegen der für ihn notwendigen Nahrung;[40] ferner, wenn uns irgendwelche Krankheiten befallen, hindern sie uns an der Jagd nach dem Seienden. Aber auch mit Liebesverlangen und Begierden, mit Ängsten, mancherlei Bildern und vielen Kindereien erfüllt er uns, so daß uns in Wahrheit, wie man zu sagen pflegt, unter seiner Einwirkung niemals auch nur irgendwelche Einsichten entstehen. Denn auch Kriege, Zwietracht und Kämpfe verursacht uns nichts anderes als der Körper und seine Begierden. Um den Erwerb von Gütern nämlich entstehen alle Kriege; die Güter zu erwerben, sind wir aber durch den Körper gezwungen,[41] weil wir der Pflege des Körpers zu Diensten sein müssen. Und deshalb mangelt es uns an Muße, Philosophie zu betreiben, al dieser Dinge wegen.[42] Das Schlimmste aber von allem ist, daß, wenn wir auch einmal Muße von ihm haben und wir uns der Prüfung einer Sache zuwenden, er in unseren Untersuchungen wieder überall dazwischentritt und Verwirrung und Unruhe verursacht und uns aus der Fassung bringt, so daß wir seinetwegen das Wahre nicht erkennen können. Vielmehr ist uns in Wirklichkeit ganz klar, daß wir uns, wenn wir jemals etwas rein erkennen wollen, von ihm trennen und mit der Seele selbst die Dinge selbst betrachten müssen. Und dann erst, wie es scheint, werden wir das haben, was wir begehren und dessen Liebhaber wir zu sein behaupten, die Einsicht: wenn wir tot sein werden, wie die Rede andeutet; so lange wir leben aber nicht. Denn wenn es nicht möglich ist, mit dem Körper etwas rein zu erkennen, so bleibt nur eins von beidem – entweder, daß wir niemals in den Besitz des Wissens gelangen oder erst nach dem Tod. …
—Übrstzng F.S.◀▷…[43] Dann nämlich wird die Seele ganz für sich sein, getrennt vom Körper, vorher aber nicht. Und so lange wir leben, werden wir, wie es scheint, nur dann dem Wissen am nächsten sein, wenn wir so weit wie möglich weder mit dem Körper verkehren noch mit ihm Gemeinschaft haben, sofern es nicht unbedingt notwendig ist, und uns nicht von seiner Natur erfüllen lassen, sondern uns rein halten von ihm, bis Gott selbst uns loslöst. Und so rein und vom Unverstand des Körpers getrennt,[44] werden wir wahrscheinlich mit Gleichartigen zusammen sein und[45] durch uns selbst alles Reine erkennen; das ist eben wohl das Wahre. Dem Unreinen nämlich ist Reines zu berühren wohl nicht erlaubt.«
Derartiges, meine ich, Simmias, werden unvermeidlich alle »rechten« Liebhaber der Wissenschaft untereinander reden und auch glauben. Oder scheint es dir nicht so? Durchaus, Sokrates.
[46] Nun, sagte Sokrates, wenn das wahr ist,[47] mein Freund, dann besteht ja große Hoffnung für den, der dort ankommt, wohin ich jetzt gehe, daß er dort, wenn überhaupt irgendwo, in hinreichendem Maß das erwerben wird, worum wir uns im vergangenen Leben so viel Mühe gemacht haben; so daß die mir nun[48] befohlene Reise mit guter Hoffnung unternommen werden kann, auch für jeden anderen Menschen, der glaubt, sein Denken so eingerichtet zu haben, daß es rein ist.
Allerdings, sprach Simmias.
Wird sich aber als Reinigung nicht das herausstellen, was längst in unserer Rede besprochen wurde, nämlich die Seele so weit wie möglich vom Körper zu trennen und sie daran zu gewöhnen, sich von überall her aus dem Körper ganz für sich zu sammeln und zusammenzuziehen und nach Kräften sowohl in [D] der Gegenwart als auch in der künftigen Zeit allein für sich zu leben, losgelöst vom Körper wie von Banden?[49]
Allerdings, sagte er.
Wird nun nicht dieses eben Tod genannt, die Lösung und Trennung der Seele vom Körper?
Gewiß, sprach er.
Sie zu lösen, bemühen sich aber, wie wir sagen, immer am meisten und alleine die rechten Philosophierenden, und gerade das ist das Geschäft der Philosophen, die Lösung und Trennung der Seele vom Körper –oder nicht? Offenbar.
Wäre es nun nicht, wie ich anfangs sagte, lächerlich, wenn ein [E] Mensch, der sich in seinem ganzen Leben darauf eingerichtet hat, möglichst nahe dem Tod-Sein zu leben, dann doch, wenn dieses käme, unwillig wäre?
Wie sollte das nicht lächerlich sein?
In der Tat, Simmias, sagte er, üben sich also die rechten Philosophierenden im Sterben, und das Tot-Sein ist ihnen von allen Menschen am wenigsten furchtbar. Prüfe es aber von folgendem her: Wenn sie nämlich völlig mit dem Körper entzweit sind und die Seele ganz für sich zu haben begehren, sobald dies aber eintritt, sich fürchten würden und unwillig wären – …▷
—Übrstzng F.S.◀▷… - wäre das nicht der größte Widersinn, wenn sie nicht gerne dorthin gehen wollten,[50] wo sie Hoffnung haben, das zu erlangen, was sie während ihres Lebens liebten – sie liebten aber die Einsicht –; womit sie aber entzweit waren, von der Vereinigung mit diesem getrennt zu werden? Oder: Viele, deren menschliche Geliebte und Frauen und Kinder gestorben sind, wollten ihnen freiwillig in die Unterwelt nachfolgen, von der Hoffnung geleitet, diejenigen dort zu sehen, nach denen sie begehrten, und mit ihnen zusammenzusein. Wenn aber jemand die Einsicht wahrhaft liebt und fest gerade diese Hoffnung hegt, nirgendwo anders mit ihr auf eine Weise, die der Rede wert ist, zusammenzutreffen,[51] als in der Unterwelt, dann sollte der nur widerwillig sterben und nicht gerne dorthin gehen? Man muß es wenigstens annehmen, wenn er wahrhaftig, mein Freund, ein Philosoph ist; denn ganz stark wird er das glauben, nirgendwo anders die Einsicht rein anzutreffen als eben dort. Wenn sich das aber so verhält, wie ich eben gesagt habe, wäre es dann nicht äußerst widersinnig, wenn ein solcher den Tod fürchtet?[52]
Äußerst widersinnig, bei Zeus, entgegnete er.[53] Ist dir das nicht ein hinreichendes Zeugnis, fragte er, daß ein Mensch, den du unwillig siehst, wenn er sterben soll, eben kein Liebhaber der Weisheit,[54] sondern wohl ein Liebhaber des Körpers war? Derselbe aber, der das ist, wird auch ein Liebhaber des Geldes und des Ruhmes sein, entweder das eine davon oder beides.[55]
Es verhält sich ganz so, wie du sagst, sprach er.
Wird nicht auch, Simmias, fragte er, was man Tapferkeit nennt, denen, die so gesinnt sind, am meisten zukommen?
Ganz gewiß, sagte er.
Und ebenso die Besonnenheit, was auch die Leute Besonnenheit nennen,[56] sich von den Begierden nicht hinreißen zu lassen, sondern sich ihnen gegenüber geringschätzig und maßvoll zu verhalten – kommt sie nicht allein denen zu, die den Körper am meisten geringschätzen und in der Liebe zur Weisheit leben?
[57]Notwendig, sprach er.
Denn wenn du, fuhr er fort, die Tapferkeit der anderen und ihre Besonnenheit erwägen willst, werden sie dir sonderbar erscheinen.
Wie das, Sokrates?
Du weißt, sagte er, daß den Tod alle anderen für eines der großen Übel halten,[58]
Durchaus, sprach er.
Erdulden nun nicht aus Furcht vor noch größeren Übeln die Tapferen unter ihnen den Tod, wenn sie ihn erdulden? So ist es.
Weil sie sich fürchten und aus Furcht sind demnach alle tapfer außer den Philosophen; obwohl das doch wohl widersinnig ist, daß jemand aus Furcht und Feigheit tapfer sein soll.
—Übrstzng F.S.◀▷Wie steht es aber mit den Maßvollen unter ihnen? Ist es mit denen nicht ebenso – aus irgendeiner Zügellosigkeit sind sie besonnen? Obwohl wir sagen, das sei unmöglich; und doch geht es ihnen bei dieser törichten Besonnenheit ganz ähnlich wie dort. Denn weil sie fürchten, anderer Lüste beraubt zu werden und weil sie diese begehren, enthalten sie sich der einen, beherrscht von den anderen. Obwohl man es Zügellosigkeit nennt, von den Lüsten [60] beherrscht zu werden, geht es ihnen doch so, daß sie, beherrscht von Lüsten, andere Lüste beherrschen. Das ist aber dem ähnlich, was eben gesagt wurde, nämlich auf eine gewisse Weise aus Zügellosigkeit besonnen geworden zu sein.
Es scheint so.
Mein lieber Simmias, das ist wohl schwerlich der richtige Tausch, um Tugend zu erlangen, Lust gegen Lust und Schmerz gegen Schmerz und Furcht gegen Furcht einzutauschen, Größeres gegen Kleineres, wie Münzen, sondern jene allein ist die richtige Münze, gegen die man al dieses eintauschen muß, die Vernunft;[61] und alles, was für sie und mit ihr gekauft und verkauft wird, hat wahrhaft Wert, sowohl Tapferkeit als auch Besonnenheit, Gerechtigkeit und überhaupt wahre Tugend, nur mit Vernunft, mögen auch Lust und Furcht und alles andere dieser Art dabei sein oder nicht. Getrennt aber von der Vernunft und bloß gegen die anderen eingetauscht würde eine derartige Tugend wohl nur ein Schattenbild sein und in Wahrheit knechtisch und würde nichts Gesundes und Wahres an sich haben. Das Wahre aber wird gerade[62] eine Art Reinigung von all diesem sein, und die Besonnenheit und die Gerechtigkeit und Tapferkeit und die Vernunft selbst sind Reinigungen.[63] Und es scheint, daß auch diejenigen, die uns die Weihen[64] eingerichtet haben, keine schlechten Leute sind, zudem daß sie uns in Wahrheit seit alters andeuten, wer ungeweiht und ungeheiligt in die Unterwelt komme, werde in Schamm liegen, der Gereinigte und Geweihte aber werde, wenn er dort angekommen ist, bei den Göttern wohnen. Es gibt nämlich, wie die der Weihen Kundigen sagen, »der Thyrsosträger zwar viele, der[65] echte Begeisterte aber wenige«.[66] Diese sind aber meiner Meinung nach keine anderen als die, die auf die rechte Weise Philosophie betrieben haben. Von denen einer zu werden auch ich nach Vermögen im Leben nichts unterlassen, sondern mich auf jede Weise bemüht habe. Ob ich mich aber auf die rechte Weise bemüht und etwas erreicht habe, werden wir, wenn wir dorthin gekommen sind, genau wissen, so Gott will, und zwar in kurzer Zeit, wie mir scheint.
Das also, sprach er, Simmias und Kebes, ist meine Verteidigung dafür, daß ich es zu Recht nicht schwer nehme und nicht[67] geneigt bin, euch zu verlassen und die hiesigen Herren, weil ich glaube, dort nicht weniger als hier gute Herren und Freunde anzutreffen. Den meisten bereitet das aber Zweifel. Wenn ich also für euch überzeugender gewesen bin in meiner Verteidigung als für die Richter der Athener. dann wäre es gut.▷
—Übrstzng F.S.◀▷[68] Nachden: Sokrates dies gesagt hatte, nahm Kebes das Wort und sprach: Sokrates, das übrige scheintmir zwar gut gesagt zu sein, das über die Seele aber bereitet den Menschen großen Zweifel,[69] ob sie nicht, wenn sie vom Körper getrennt ist, nirgendwo mehr ist, sondern an jenem Tag umkommt und zugrundegeht, an dem der Mensch stirbt, und sie, sobald sie sich vom Körper trennt und aus ihm herausgeht wie ein Lufthauch oder Rauch,[70] nicht auch zerstoben ist und verflogen und nichts und nirgends mehr ist. Denn wenn sie wirklich noch irgendwo wäre, ganz für sich bestehend, in sich gesammelt und getrennt von diesen Übeln, die du eben dargestellt hast, dann bestünde wohl große und gute Hoffnung, Sokrates, daß es wahr ist, was du sagst;[71] das bedarf aber wahrscheinlich keinergeringen Überredung und Zusicherung, daß die Seele, nachdem der Mensch gestorben ist, noch besteht und in gewisser Weise noch Kraft und Einsicht hat.[72]
Du hast recht, Kebes, sprach Sokrates – aber was sollen wir tun? Oder sollen wir uns gerade darüber eingehend unterhalten, ob es wahrscheinlich ist, daß es sich so verhält oder nicht?
Ich zumindest, sagte Kebes, möchte gerne hören, welche Meinung du darüber hast.
Ich glaube nicht, sprach Sokrates, daß jemand, der das jetzt hört, selbst,[73] wenn er ein Komödiendichter[74] wäre, sagen könnte, daß ich schwätze und über ungebührliche Dinge Reden führe.
Wenn es euch also recht ist, dann wollen wir die Sache genau betrachten.
[75] Laßt es uns etwa auf folgende Weise untersuchen, ob die Seelen in der Unterwelt sind, wenn die Menschen gestorben sind, oder nicht. Eine alte Rede gibt es,[76] deren wir uns erinnern, daß sie, wie sie von hier dort hingekommen sind, auch wieder hierher zurückkommen und aus den Toten von neuem entstehen. Wenn sich das so verhält, daß aus den Gestorbenen die Lebenden von neuem entstehen, könnte es dann anders sein, als daß unsere Seelen dort sind?[77] Denn sie könnten ja wohl nicht von neuem entstehen, ohne zu sein, und das wäre ein hinreichendes
Zeugnis dafür, daß es so ist, wenn tatsächlich offenbar würde, daß die Lebenden nirgend anderswoher entstehen als aus den Toten. Wenn das aber nicht so ist, bedürfte man einer anderen Rede.
Allerdings, sagte Kebes.
Prüfe dies aber, fuhr er fort, nicht allein am Menschen, wenn du es leichter verstehen willst, sondern auch an allen Tieren und Pflanzen, und laß uns überhaupt an allem,[78] was nur eine Entste hung hat, sehen, ob alles auf folgende Weise entsteht, nicht anderswoher als jedes aus seinem Gegenteil,[79] was nur ein solches hat; wie zum Beispiel das Schöne dem Häßlichen entgegengesetzt ist und das Gerechte dem Ungerechten und tausend anderes sich so verhält. Dies laß uns nun untersuchen, ob nicht notwendig das, was nur ein Gegenteil hat, nirgend anderswoher entsteht als aus seinem Gegenteil. Zum Beispiel: Wenn etwas größer wird, muß es doch wohl notwendig aus einem vorher Kleineren nachher ein Größeres werden?
Ja.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Also auch, wenn etwas kleiner wird,[80] wird es aus einem vorher Größeren nachher ein Kleineres?
So ist es, sagte er.
Und ebenso auch aus dem Stärkeren das Schwächere und aus dem Langsameren das Schnellere? Gewiß.
Wie aber, wenn etwas schlechter wird, dann nicht aus Besserem, und wenn gerechter, aus Ungerechterem?
Wie sollte es nicht?
Hinreichend, sagte er, hat sich uns das also nun gezeigt, daß alle Dinge auf diese Weise entstehen, nämlich aus entgegengesetzten die entgegengesetzten.
Gewiß.
Wie nun weiter? Gibt es nicht auch bei ihnen so etwas wie zwischen allem einander Entgegengesetztem, nämlich,[81] weil sie
zwei sind, auch zwei Arten des Werdens, vom einen zum anderen und wiederum vom anderen zum einen zurück? So zwischen
einem größeren und einem kleineren Ding Wachstum und Abnahme – und wir nennen dann das eine Wachsen, das andere Abnehmen?
Ja, sagte er.
Nicht auch beim Scheiden und Vermischen, Abkühlen und Erwärmen, und so bei allem? Und auch, wenn wir bisweilen keine Benennung dafür haben, muß es sich doch der Sache nach notwendig überall so verhalten, daß eins aus dem anderen entsteht und daß es ein Werden von jedem zum anderen hin gibt?
Allerdings, sprach er.
[82] Wie nun, fragte er,[83] ist dem Leben etwas entgegengesetzt, wie dem Wachen das Schlafen?
Allerdings, antwortete er.
Was?
Das Tot-Sein, sprach er.
Und entstehen sie nicht auseinander, wenn sie wirklich entgegengesetzt sind, und gibt es nicht zwei Arten des Werdens zwischen ihnen, weil sie zwei sind?
Wie denn nicht?
Das eine der Paare, von denen ich sprach, will ich dir nun nennen, sprach Sokrates, sowohl es selbst als auch seine Arten des Werdens; du aber nenne mir die anderen. Ich sage, das eine sei das Schlafen, das andere das Wachen, und aus dem Schlafen[84] werde das Wachen, aus dem Wachen das Schlafen, und die beiden Arten des Werdens seien zum einen das Einschlafen, zum anderen das Aufwachen. Ist dir das hinreichend deutlich oder nicht?
Allerdings.
Sprich also auch du mir, sagte er, auf dieselbe Weise über Leben und Tod. Sagst du nicht, dem Leben sei das Tot-Sein entgegengesetzt?
Ich wohl.
Und daß sie auseinander entstehen?
Ja.
Was ist es also, das aus dem Lebenden entsteht?
Das Tote, antwortete er.
Was aber, fuhr er fort, aus dem Toten?
Notwendig, sagte er, muß man zugeben, das Lebende.
Aus dem Toten, Kebes, entstehen folglich das Lebende und die Lebenden?
[85]Offenbar, sprach er.
Es sind also, sprach er, unsere Seelen in der Unterwelt.[86]
Es scheint so.
Ist nun nicht auch von den beiden Arten des Werdens, die dazu gehören, die eine zumindest offensichtlich? Denn das Sterben ist doch wohl offensichtlich, oder nicht?
Allerdings.
Wie sollen wir es also halten? Müssen wir nicht die entgegengesetzte Art des Werdens dem entsprechen lassen, soll die Natur hier vielmehr verstümmelt sein? Oder ist es nicht notwendig, für das Sterben eine entgegengesetzte Art des Werdens den Ausgleich besorgen zu lassen?
Durchaus, sagte er.
Und welche?
Das Wieder-Lebendig-Werden.▷
—Übrstzng F.S.Wäre es also, sagte er,[87] wenn es das Wieder-Lebendig-Werden gibt, nicht eben die Bewegung des Werdens von den Toten zu den Lebenden hin, das Wieder-Lebendig-Werden?
Gewiß.
Wir müssen demnach auch darin zustimmen, daß die Lebenden nicht weniger aus den Toten entstanden sind als die Toten aus den Lebenden. Wenn das aber soist, schien es uns doch ein hinreichendes Zeugnis dafür zu sein, daß die Seelen der Toten notwendig irgendwo sein müssen, von wohersie von neuem entstehen.
Es scheint mir, Sokrates, sagte er, daß es sich von dem her, was wir eingestanden haben, notwendig so verhält.
[88] Sieh nun, Kebes, sprach er, daß wir nicht zu Unrecht zugestimmt haben, wie ich meine. Denn wenn das auf die eine Art[89] Gewordene dem anderen nicht immer entspräche, als ob es gleichsam im Kreis liefe, sondern das Werden gradlinig fortschreiten würde, vom einen nur zum Gegenüberliegenden hin, und es sich nicht wieder zum anderen zurückwendete, keine Wende vollzöge – weißt du, daß dann alles am Ende dieselbe Beschaffenheit haben würde und sich im selben Zustand befände und aufhören würde zu werden?
Wie meinst du das? fragte er.
Es ist nicht schwer zu verstehen, was ich meine; sondern wenn es zum Beispiel das Einschlafen zwar gäbe, das Aufwachen aber entspräche ihm nicht, das aus dem Schlafenden würde, so begreifst du wohl,[90] daß am Ende das Ganze den Endymion[91] als leeres Geschwätz erweisen würde und als etwas Nichtiges, weil auch alles andere dasselbe wie er erlitte, nämlich zu schlafen. Und wenn sich zwar alles vermischen würde, scheiden aber nicht, dann würde wohl bald das Wort des Anaxagoras wahr werden: »Alle Dinge zusammen«,[92] Ebenso aber auch, lieber Kebes, wenn alles zwar sterben würde, was am Leben teilhat, das Tote aber, nachdem es gestorben ist, in derselben Beschaffenheit verbleiben und nicht wieder lebendig würde, würde dann nicht ganz[93] notwendig am Ende alles tot sein und nichts mehr leben? Wenn nämlich aus dem anderen das Lebende würde, das Lebende aber stürbe, welche Einrichtung würde verhindern, daß sich alles im Tot-Sein aufzehrte?
Keine, scheint mir, Sokrates, sagte Kebes, sondern du scheinst mir vollkommen recht zu haben.
Es ist nämlich, wie ich meine, ganz gewiß so, Kebes, und wir stimmen nicht etwa zu, weil wir uns getäuscht haben, sondern es gibt tatsächlich das Wieder-Lebendig-Werden und ein Entstehen der Lebenden aus den Toten und ein Sein der Seelen der Toten,[94] und zwar für die Guten ein besseres, für die Schlechten ein schlechteres.▷
—Übrstzng F.S.◀▷ [95] Und gewiß, sagte Kebes, indem er das Wort übernahm, auch nach jenem Satz, Sokrates, wenn er wahr ist, den du oft zu erwähnen pflegtest,[96] daß das Lernen für uns nichts anderes sei als Erinnerung, und daß wir danach notwendig in irgendeiner Zeit einmal das gelernt haben, an was wir uns nun erinnern.[97] Das wäre aber unmöglich, wenn unsere Seele nicht irgendwo gewesen wäre, bevor sie in diese menschliche Gestalt kam; so daß auch danach die Seele etwas Unsterbliches zu sein scheint.
Aber, Kebes, sprach Simmias, das Wort ergreifend, welches sind die Beweise dafür? Erinnere mich! Denn im Moment entsinne ich mich nicht recht.
Um nur einen anzuführen, sagte Kebes, den schönsten: daß die Menschen, wenn sie gefragt werden und jemand sie nur richtig fragt, selbst zu sagen wissen, wie sich alles verhält – obwohl sie doch, wenn in ihnen keine Erkenntnis und kein richtiges Denken vorhanden wäre, nicht in der Lage sein würden, dies zu tun. [98]Wenn man sie also zu den geometrischen Figuren führt[99] oder zu etwas anderem dieser Art, so zeigt es sich da am deutlichsten, daß es sich so verhält.
Wenn es dich aber auf diese Weise nicht überzeugt, Simmias, sprach Sokrates, dann prüfe, ob du uns, wenn du es folgendermaßen untersuchst, beipflichten willst. Du zweifelst sicherlich, wie das sogenannte Lernen Erinnerung sein könne?
Ich zweifle, sagte Simmias, zwar nicht gerade, aber eben das habe ich nötig, von dem die Rede ist, nämlich erinnert zu werden. Und fast bin ich schon von dem her, was Kebes zu sagen versuchte, erinnert und überzeugt; nichtsdestoweniger möchte ich nun hören, auf welche Weise du es darzulegen versucht hast.
Ich auf folgende Weise, sprach er. [100] Wir stimmen doch wohl darin überein, daß, wenn jemand sich an etwas erinnern soll, er eben dieses vorher einmal kennen mußte.
Gewiß.
Stimmen wir nun auch darin überein, daß, wenn sich ihm Erkenntnis auf folgende Weise einstellt, das Erinnerung ist? Ich meine auf diese Weise: Wenn jemand, indem er etwas sieht oder hört oder auf andere Art wahrnimmt, nicht nur jenes erkennt, sondern sich dabei auch noch ein anderes vorstellt, dessen Erkenntnis nicht dieselbe, sondern eine andere ist, sagen wir da nicht mit Recht, daß er sich an das erinnert habe, wovon er die [101] Vorstellung bekam?
Wie meinst du das?
So wie folgendes: Eine andere Erkenntnis ist doch die vom Menschen und die von der Leier?
Wie sollte sie nicht?
Und du weißt doch, daß es den Liebhabern, wenn sie eine Leier sehen oder ein Gewand oder etwas anderes, was ihre Geliebten zu benutzen pflegen, folgendermaßen ergeht: Indem sie die Leier erkennen, nehmen sie zugleich in ihr Denken das Bild des Knaben auf, dem die Leier gehört; das aber ist Erinnerung. Wie auch jemand, wenn er Simmias sieht, oft an Kebes erinnert wird und derartiges wohl tausendfach vorkommen mag.
Gewiß tausendfach, bei Zeus, sagte Simmias.
Ist nun, fuhr er fort, [102] solches nicht eine Art von Erinnerung? Am meisten jedoch, wenn es jemandem bei jenen Dingen so ergeht, die er, wegen der inzwischen vergangenen Zeit und weil er nicht darauf geachtet hat, schon lange vergessen hatte?
Allerdings, sagte er.
Wie aber? Kann man, wenn man ein gemaltes Pferd sieht und eine gemalte Leier, an einen Menschen erinnert werden, und wenn man Simmias gemalt sieht, an Kebes erinnert werden?
Gewiß.
Und wenn man Simmias gemalt sieht, auch an Simmias selbst erinnert werden?▷
—Übrstzng F.S.◀▷ [103]Das kann man in der Tat, sagte er.
[104] Folgt nun nicht nach all diesen Fällen, daß die Erinnerung einmal durch ähnliche Dinge, einmal durch unähnliche entsteht?
Es folgt daraus.
Wenn jemand sich aber durch ähnliche Dinge an etwas erinnert, wird ihm dann nicht notwendig das noch dazu widerfahren, daß er abwägt, ob diese in bezug auf Ähnlichkeit etwas zurückbleiben hinter jenem, an das er erinnert wurde, oder nicht?
Notwendig, sagte er.
Prüfe also, sprach er, ob sich das so verhält: Wir sagen doch, etwas sei gleich, ich meine nicht ein Holz dem Holz oder ein Stein dem Stein und auch nichts anderes in der Art, sondern neben diesem allen noch etwas anderes, das Gleiche selbst. Sagen wir, es sei etwas oder nichts?
[105] Das sagen wir in der Tat, bei Zeus, sagte Simmias, aufs entschiedenste!
Erkennen wir auch, was es ist?
Gewiß, sagte er.
Wohernahmen wir seine Erkenntnis? Nicht von den Dingen her, von denen wir eben sprachen?[106] Wenn wir Hölzer oder Steine oder andere gleiche Dinge sahen, haben wir uns nicht bei diesen jenes vorgestellt, das verschieden ist von ihnen? Oder scheintes dir nicht verschieden zu sein? Prüfe es auf folgende Weise: Erscheinen nicht gleiche Steine und Hölzer zuweilen, obwohl sie dieselben sind, einmal gleich, einmal nicht?
Allerdings.
Wie aber? [107] Die gleichen Dinge selbst, ist es so, daß sie dir manchmal als ungleich erschienen - oder die Gleichheit als Ungleichheit?
Niemals Sokrates.
Nicht dasselbe sind demnach, fuhr er fort, jene gleichen Dinge und das Gleiche selbst.
Keineswegs, wie mir scheint, Sokrates.
Aber von diesen gleichen Dingen her, sagte er, die von jenem Gleichen verschieden sind, hast du dennoch die Erkenntnis von ihm ins Bewußtsein aufgenommen und bekommen?
Du hast vollkommen recht.
Und nicht wahr, von diesem als von etwas, das diesen Dingen entweder ähnlich ist oder unähnlich?
Gewiß.
Das macht wohl keinen Unterschied; solange du, etwas sehend, [108] dir von diesem Anblick her etwas anderes vorgestellt hast, sei es nun ähnlich oder unähnlich, soist dies notwendig Erinnerung gewesen.
Allerdings.
Wie weiter? fragte er. Widerfährt uns etwas derartiges bei den Hölzern und dem, wovon wir eben sprachen, den gleichen Dingen? Scheinen sie uns auf dieselbe Weise gleich zu sein wie das Gleiche selbst oder mangelt ihnen etwas daran, so beschaffen zu sein wie das Gleiche, oder nichts?
Vieles, sprach er, mangelt ihnen daran.
Stimmen wir nun nicht überein, daß jemand, wenn er etwas sieht und bemerkt: das, was ich jetzt sehe, will zwar so sein [109] wie etwas anderes von dem, was ist, es mangelt ihm aber daran und es vermag nicht, so zu sein wie jenes, sondern es ist schlechter – daß notwendig dieser, der das bemerkt, jenes vorher kennen muß, dem, wie er sagt, das andere zwar ähnlich sei, das aber mangelhafter ist als es?
Notwendig.
Wie nun? Geht es uns ebenso auch mit den gleichen Dingen und dem Gleichen selbst, oder nicht?
Gewiß.▷
—Übrstzng F.S.◀▷[110]Notwendig kennen wirfolglich das Gleiche vor jener Zeit, als wir, die gleichen Dinge zum erstenmal sehend, bemerkten, daß zwar alle danach streben, so zu sein wie das Gleiche, aber mangelhafter sind als es.
So ist es.
Aber gewiß stimmen wir auch darin überein, daß wir das nirgendwo andersher bemerkt haben und auch nicht in der Lage sind, es zu bemerken, als durch das Sehen oder Fühlen oder durch irgendeine andere der Wahrnehmungsarten; diese gelten mir dabei alle als gleich.
Sie sind auch gleich, Sokrates, wenigstens in bezug auf das, was unsere Rede zeigen will.
Also durch die Wahrnehmungen muß man doch bemerken, daß alles, [111] was im Bereich der Wahrnehmungen liegt, jenem nachstrebt, was das Gleiche ist, und daß es mangelhafter ist als dieses – oder wie wollen wir sagen?
So.
Bevor wir also anfingen zu sehen und zu hören und die anderen Sinne zu betätigen, mußten wir schon irgendwoher die Erkenntnis des Gleichen selbst, was es ist, gewonnen haben, wenn wir die gleichen Dinge aus den Wahrnehmungen auf jenes beziehen konnten, daß zwar alle derartigen Dinge sich bemühen, so zu sein wie jenes, aber schlechter sind als es.
Notwendig folgt das aus dem vorher Gesagten, Sokrates.
Haben wir nun nicht, nachdem wir geboren waren, sofort auch gesehen und gehört und die anderen Wahrnehmungen gehabt?
Allerdings.
Wir mußten aber, sagen wir, schon [112] vor diesem die Erkenntnis des Gleichen gewonnen haben?
Ja.
Bevor wir geboren wurden, müssen wir sie also notwendig, wie es scheint, gewonnen haben.
Es scheint so.
[113] Wenn wir sie nun vor der Geburt bekommen haben und im Besitz derselben geboren wurden, so erkannten wir auch schon bevor wir geboren wurden und sogleich danach nicht nur das Gleiche und das Größere und das Kleinere sondern auch alles andere von dieser Art? Denn es ist jetzt vom Gleichen nicht in höherem Maß die Rede als auch vom Schönen selbst und [114] dem Guten selbst und dem Gerechten und Frommen und, wie ich sage, von allem, das wir mit dem Begriff »das selbst, was ist« bezeichnen, sowohl in den Fragen, die wir stellen, als auch in den Antworten, die wir geben;[115] so daß wir notwendig die Erkenntnisse von diesem allen schon vor der Geburt gewonnen haben.
So ist es.
Und daß wir, wenn wir sie nicht jedesmal wieder vergäßen, nachdem wir sie gewonnen haben,[116] immer wissend geboren würden und während unseres Lebens immer wüßten. Denn Wissen heißt, eine erworbene Erkenntnis behalten und nicht verloren zu haben – oder nennen wir nicht dies »vergessen«, Simmias, den Verlust einer Erkenntnis?
[117] Ganz ohne Zweifel, sprach er, Sokrates.
Wenn wir sie aber, meine ich, vor der Geburt erworben und, als wir geboren wurden, verloren haben, später aber beim Gebrauch unserer Sinne an den Dingen eben jene Erkenntnisse wiedererlangt haben, die wir vorher einmal hatten, sollte dann nicht das, was wir »lernen« nennen, das Wiedererlangen einer uns angehörigen Erkenntnis sein? Indem wir dies als »Sich-Erinnern« bezeichnen, bezeichnen wir es doch wohl richtig?
Allerdings.▷
—Übrstzng F.S.◀▷ [118] Denn das hatte sich doch als möglich gezeigt, daß man, wenn man etwas wahrnimmt, entweder indem man sieht oder hört oder sonst einen Sinn betätigt, sich noch etwas anderes dabei vorstellen kann, was man vergessen hatte und dem dieses nahekam als ähnlich oder unähnlich. Daher gilt, wie ich meine, eins von beidem: entweder sind wir dies wissend geboren worden und wissen es alle unser Leben lang, oder diejenigen, von denen wir sagen, daß sie lernen, tun nichts anderes, als sich später zu erinnern, und das Lernen wäre also eine Erinnerung.
Und ganz gewiß verhält es sich so, Sokrates.
[119] Welches von beidem wählst du nun, Simmias? Daß wir wissend geboren wurden [120] oder daß wir uns später an das erinnern, wovon wir früher eine Erkenntnis gewonnen hatten?
Im Augenblick, Sokrates, weiß ich nicht zu wählen.
Wie aber? Weißt du bei Folgendem zu wählen, und was meinst du hierzu? Ein Mensch, der etwas weiß, sollte doch wohl über das, was er weiß, Rechenschaft geben[121] können - oder nicht?
Ganz notwendig, Sokrates.
Scheinen dir denn auch alle Rechenschaft geben zu können über das, wovon wir eben sprachen?
Ich wünschte es allerdings, sagte Simmias, aber viel eher fürchte ich, daß es morgen um diese Zeit keinen Menschen mehr geben wird, der imstande wäre, dies auf angemessene Weise zu tun.
[122] Demnach scheinen dir, Simmias, sagte er, nicht alle dies zu wissen?
Keineswegs.
Sie erinnern sich demnach an das, was sie einst gelernt hatten?
Notwendig.
Wann erwarben unsere Seelen die Erkenntnis davon? Doch wohl nicht, seit wir als Menschen geboren sind?
Gewiß nicht.
Früher also.
Ja.
Es gab folglich, Simmias, die Seelen auch schon früher, bevor sie in Menschengestalt waren, getrennt vom Körper und Einsicht habend.
Es sei denn, daß wir zugleich mit der Geburt diese Erkenntnisse erwerben, Sokrates; denn diese Zeit bleibt noch übrig.
Nun gut, mein Freund – [123] in welchem anderen Zeitraum verlieren wir sie aber? Denn wir haben sie ja nicht, wenn wir geboren werden, wie wir eben eingeräumt haben. Oder verlieren wir sie in derselben Zeit, in der wir sie auch erwerben? Oder weißt du noch einen anderen Zeitraum zu nennen?
Keineswegs, Sokrates, sondern es ist mir entgangen, daß ich nichts sagte.
[124] Verhält es sich also folgendermaßen, Simmias? Wenn es das gibt, was wir unentwegt im Munde führen,[125] ein Schönes und Gutes und jedes Wesen dieser Art, und wir auf dieses ale durch die Sinne vermittelten Dinge beziehen als auf etwas, [126] was uns früher zuteil wurde und was wir als das Unsere auffinden, und wir die Dinge mit jenem vergleichen – so muß notwendig, ebenso wie jenes ist, so auch unsere Seele schon sein, auch schon, bevor wir geboren wurden. Wenn jenes aber nicht ist, so wäre wohl diese Rede vergeblich ersonnen worden? Verhält es sich also so, und besteht die gleiche Notwendigkeit[127] dafür, daß jenes ist und daß unsere Seelen auch vor unserer Geburt schon sind, und wenn jenes nicht ist, dann auch nicht dieses?▷
—Übrstzng F.S.◀▷Über alle Maßen, Sokrates, sprach Simmias, scheint es mir dieselbe Notwendigkeit zu sein, und zu etwas Schönem nimmt unsere Rede ihre Zuflucht, zu dem nämlich, daß unsere Seele ebenso [128] vor der Geburt schon gewesen ist wie auch jenes Wesen, von dem du jetzt sprichst. Denn ich zumindest weiß nichts, was mir so klar wäre wie dieses, daß alles von dieser Art im höchsten Maß wirklich ist, das Schöne und Gute und alles übrige, von dem du eben gesprochen hast. Mir wenigstens scheint es hinreichend bewiesen zu sein.
Wie aber dem Kebes? fragte Sokrates. Denn wir müssen auch Kebes überzeugen.
Auch hinreichend, sagte Simmias, wie ich wenigstens meine, obwohl er einer der hartnäckigsten Menschen ist beim Bezweifeln von Reden. Ich glaube jedoch, er ist nun hinlänglich davon überzeugt, daß, bevor wir geboren wurden, unsere Seele schon war. [129] [130] Ob sie allerdings auch nachdem wir gestorben sind noch sein wird, das scheint mir selbst, Sokrates, noch nicht bewiesen zu sein, sondern noch steht dem, wie Kebes eben sagte, die Meinung der Menge entgegen, ob sich nicht, wenn der Mensch stirbt, zugleich die Seele zerstreut und für sie dies das Ende ihres Seins ist. Denn was hindert daran, daß sie zwar irgendwo andersher entsteht und besteht und ist, auch schon bevor sie in den menschlichen Körper gelangt, daß sie aber, nachdem sie in ihn gelangt ist und wieder von ihm getrennt wird, dann auch selbst endet und untergeht?[131]
Wohl gesprochen, Simmias, sagte Kebes. [132] Denn es scheint, als ob nur die Hälfte bewiesen sei von dem, was nötig ist, nämlich daß, bevor wir geboren wurden, unsere Seele schon war; es muß aber noch dazu bewiesen werden, daß sie auch, wenn wir gestorben sind, nicht weniger sein wird als bevor wir geboren wurden, wenn der Beweis vollendet werden soll.[133]
Bewiesen, Simmias und Kebes, sagte Sokrates, ist es auch schon jetzt, wenn ihr diese Rede mit der verbinden wollt, der wir davor zugestimmt haben, nämlich der von der Entstehung alles Lebenden aus dem Toten. Denn wenn die Seele auch vorher schon ist und sie notwendig, [134] wenn sie ins Leben geht und geboren wird, nirgendwo andersher als aus dem Tod und dem Gestorbenen entstehen kann, wie sollte sie da nicht notwendig auch, nachdem sie gestorben ist, noch sein, da sie doch wieder geboren werden muß? Bewiesen ist das, was ihr meint, also schon jetzt. [135] Dennoch scheint ihr mir, du und auch Simmias, gerne auch diese Rede noch genauer untersuchen zu wollen und euch zu fürchten wie die Kinder, daß wahrhaftig der Wind sie verweht und zerstreut, wenn sie aus dem Körper herausgeht, [136] besonders wenn einer zufällig nicht bei Windstille, sondern in großem Sturmwind stirbt.
Auflachend sagte da Kebes: Dann versuche uns umzustimmen, Sokrates, als ob wir uns fürchteten! Besser aber nicht, als ob wir uns fürchteten, sondern vielleicht ist wirklich auch in uns ein Kind, das sich davor ängstigt. Dieses also wollen wir zu überzeugen versuchen, den Tod nicht zu fürchten wie ein Schreckbild.
Nun, sagte Sokrates, ihr müßt es eben jeden Tag beschwören,[137] bis ihr es gebannt habt.▷
—Übrstzng F.S.◀▷[138] Woher, Sokrates, sprach er, sollen wir für derartiges einen guten Beschwörer nehmen, da du uns doch verläßt?
Groß ist Griechenland, Kebes, sagte er, und in ihm gibt es tüchtige Menschen, groß sind aber auch die Geschlechter der Barbaren, die ihr alle durchforschen müßt, um einen solchen Beschwörer zu suchen, und weder Geld noch Mühe müßt ihr scheuen, weil es nichts gibt, wofür ihr das Geld besser verwenden könntet. Suchen aber müßt ihr auch unter euch. Denn wahrscheinlich könntet ihr nicht leicht jemanden finden, der das besser als ihr zu tun vermöchte.
Nun, das soll geschehen, sagte Kebes. Von wo wir aber abgeschweift sind, [139] darauf laß uns zurückkommen, wenn es dir recht ist.
Aber gewiß ist es mir recht – wie sollte es denn nicht?
Schön gesagt, sprach er.
[140] Müssen wir uns nun nicht, sagte Sokrates, etwa folgendes fragen: Wie ist das beschaffen, dem es zukommt, dies zu erleiden, das Zerstreut-Werden nämlich, und für welches ist zu fürchten, daß es das erleidet, und für welches nicht? Und danach müssen wir wiederum darauf sehen, zu welchem von beidem die Seele gehört, und demgemäis entweder zuversichtlich sein oder uns fürchten für unsere Seelen.
Du hast recht, sagte er.
[141] Kommt es nicht dem, was zusammengesetzt wurde und auch dem von Natur aus Zusammengesetzten zu, dies zu erleiden, nämlich geteilt zu werden auf dieselbe Art, wie es zusammengesetzt wurde? Wenn es aber etwas Unzusammengesetztes gibt, dem allein kommt es zu, wenn überhaupt irgendeinem, dies nicht zu erleiden?
Es scheint mir, sagte Kebes, sich so zu verhalten.
Und was sich immer gleich und auf dieselbe Weise verhält, von dem ist es am wahrscheinlichsten, daß es das Unzusammengesetzte ist, was hingegen einmal so, einmal anders und niemals gleich, das das Zusammengesetzte?
Mir zumindest scheint es so.
Laßt uns also zu dem kommen, von dem vorher die Rede war.
[142] Das Wesen selbst, dem wir den Ausdruck »Sein« beilegen, wenn wir fragen und antworten, verhält sich das immer auf dieselbe Weise und gleich oder einmal so, einmal anders? Das Gleiche selbst, das Schöne selbst, jedes selbst, was ist, das Sein, nimmt doch wohl niemals eine Veränderung an, welcher Art auch immer? Oder verhält sich nicht jedes von ihnen, das ist, als ein für sich Einförmiges immer auf dieselbe Weise und gleich und nimmt niemals, nirgends und nicht mi mindestens irgendeine Veränderung an?
Auf dieselbe Weise und gleich, sprach Kebes, verhält es sich notwendig, Sokrates.
Wie steht es aber mit dem vielen Schönen, zum Beispiel Menschen [143] oder Pferden oder Kleidern oder irgend etwas anderem dieser Art, seien sie gleich oder schön oder alles, was mit jenem gleichnamig ist? Bleiben sie sich gleich oder – ganz entgegengesetzt zu jenen – weder sich selbst noch einander jemals sozusagen auch nur im geringsten gleich?
Dies ist wiederum so, sagte Kebes, niemals bleiben sie sich gleich. ▷
—Übrstzng F.S.◀▷[144] Und diese Dinge kannst du wohl berühren und sehen und mit den anderen Sinnen wahrnehmen, die sich immer gleich verhalten hingegen kannst du wohl niemals auf andere Weise erreichen als durch das Denken des Geistes,[145] sondern unsichtbar sind diese und werden nicht gesehen?
Du hast vollkommen recht, sagte er.
[146] Setzen wir also, wenn du willst, zwei Arten des Seienden, die eine sichtbar, die andere unsichtbar.
Das setzen wir, sagte er.
Und die unsichtbare als sich immer gleich verhaltend, die sichtbare dagegen als niemals gleich?
Auch das, sagte er, setzen wir.
Also weiter, sprach er. [147] Gibt es an uns selbst etwas anderes als einerseits Körper, andererseits Seele?
Nichts anderes, sagte er.
Welcher von beiden Arten, wollen wir sagen, sei der Körper ähnlicher und verwandter?
Jedem, sagte er, ist das wohl klar, der sichtbaren.
Was aber ist die Seele? Etwas Sichtbares oder Unsichtbares?
Nicht für Menschen jedenfalls, Sokrates, sagte er.
Aber wir sprachen doch über das Sichtbare und das Nicht-Sichtbare für die Natur der Menschen – oder meinst du für irgendeine andere?
Für die der Menschen.
Was sagen wir also über die Seele? Daß sie sichtbar ist oder unsichtbar?
Nicht sichtbar.
Unsichtbar also?
Ja.
Ähnlicher also als der Körper ist die Seele dem Unsichtbaren, er aber dem Sichtbaren.
[148] Ganz notwendig, Sokrates.
[149] Haben wir nicht auch das schon lange gesagt, daß die Seele, wenn sie den Körper zur Hilfe nimmt, um etwas zu untersuchen, entweder mittels des Sehens oder des Hörens oder mittels irgendeiner anderen Wahrnehmungsart – denn das heißt »mittels des Körpers«: etwas mittels der Sinne zu untersuchen[150] –, daß sie dann vom Körper zu dem gezogen wird, was sich niemals gleich verhält, und dann selbst irregeht und verwirrt wird und taumelt wie berauscht, weil sie derartiges berührt?
Allerdings.
[151] Wenn sie aber ganz für sich etwas untersucht, dann geht sie zu dem Reinen und immer Seienden, Unsterblichen und sich immer gleich Verhaltenden, und als ihm verwandt bleibt sie immer bei ihm, so oft sie ganz für sich ist und es ihr möglich ist; und dann hat ihr Umherirren ein Ende und sie bleibt in bezug auf jenes sich selbst immer gleich, weil sie derartiges berührt. Und diesen Zustand von ihr nennt man Vernunft?[152]
Vollkommen schön und wahr, sprach er, ist, was du sagst, Sokrates.
Welcher von beiden Arten scheint dir nun wiederum nach dem, was vorhin und jetzt gesagt wurde, die Seele ähnlicher zu sein und verwandter?
Jeder, scheint mir, Sokrates, wird nach diesem Gang der Untersuchung zugeben müssen, selbst der Ungelehrigste, daß in allem und jedem die Seele dem sich immer gleich Verhaltenden ähnlicher ist als dem, was nicht.
Wie aber der Körper?
Dem anderen.▷
—Übrstzng F.S.◀▷[153] Betrachte es nur auch von dieser Seite, daß, [154] wenn Seele und Körper zusammen sind, die Natur diesem zu dienen und beherrscht zu werden befiehlt, jener aber zu herrschen und zu gebieten. Auch danach wieder – welches von beidem scheint dir dem Göttlichen ähnlich zu sein und welches dem Sterblichen? Oder scheint dirnicht das Göttliche so beschaffen zu sein, daß es herrscht und führt, das Sterbliche dagegen, daß es beherrscht wird und dient?
Doch.
Welchem von beidem gleicht also die Seele?
Offenbar, Sokrates, die Seele dem Göttlichen, der Körper dem Sterblichen.
Prüfe also, Kebes, sprach er, ob sich uns aus allem Gesagten das ergibt: [155] daß dem Göttlichen, Unsterblichen, geistig Erfaßbaren, Einförmigen, Unauflösbaren und sich immer gleichartig und sich selbst gleich Verhaltenden die Seele am ähnlichsten ist, dem Menschlichen aber, Sterblichen, nicht geistig Erfaßbaren, Vielförmigen, Auflösbaren und sich nie gleichartig und sich selbst gleich Verhaltenden wiederum der Körper am ähnlichsten.
Wissen wir dagegen noch etwas zu sagen, mein lieber Kebes, daß es sich nicht so verhalte?
Wir wissen nichts mehr.
[156] Wie also? Wenn sich das so verhält, kommt es dann nicht dem Körper zu, schnell aufgelöst zu werden, der Seele hingegen, gänzlich unauflösbar zu sein oder doch nahezu?
[157] Wie denn nicht?
Du bemerkst doch, sprach er, daß, sobald der Mensch stirbt, dem Sichtbaren von ihm, seinem Körper, der im Sichtbaren daliegt und den wir Leichnam nennen und dem es zukommt, sich aufzulösen und zu zerfallen und verweht zu werden, nicht sofort etwas davon widerfährt, sondern daß er noch ziemlich lange Zeit verharrt, und wenn jemand mit jugendlich anmutigem Körper stirbt und in ebensolchem Alter, dann ganz besonders. Wenn der Körper nämlich zusammengefallen ist und einbalsamiert wie die Einbalsamierten in Ägypten, so bleibt er unglaublich lange nahezu ganz, [158] einige Teile des Körpers aber, Knochen und Sehnen und alles derartige, sind, auch wenn er verwest ist, dennoch sozusagen unsterblich – oder nicht?
Die Seele aber, das Unsichtbare, das zu einem anderen, ebensolchen Ort fortgeht, der edel und rein und unsichtbar ist, in die wahre Unterwelt[159] zu dem guten und vernünftigen Gott, wohin, wenn Gott will, bald auch meine Seele zu gehen hat - sie also, die so beschaffen und von solcher Natur ist, soll, vom Körper getrennt, sogleich verweht werden und zugrundegegangen sein, [E] wie die meisten Menschen behaupten? Weit entfernt davon, lieber Kebes und Simmias, sondern viel eher verhält es sich folgendermaßen: ...▷
—Übrstzng F.S.◀▷… Wenn sie sich rein trennt und nichts vom Körper mit sich zieht, weil sie ja mit ihm schon im Leben willentlich nichts gemein hatte, sondern ihn gemieden und sich in sich selbst gesammelt hat, weil sie dies ja immer geübt hat – was aber nichts anderes heißt, als daß sie auf die richtige Weise philosophierte und wahrhaft einübte, [160] leicht zu sterben; oder sollte das nicht ein Einüben des Todes sein? –
Gewiß.
Wenn sie so beschaffen ist, geht sie dann nicht fort zu dem ihr Gleichen, dem Unsichtbaren, dem Göttlichen und Unsterblichen und Vernünftigen, wo es ihr, dort angekommen, zuteil wird, glücklich zu sein, getrennt von Irrtum und Unverstand, Furcht und roher Liebe und den anderen menschlichen Übeln,[161] um, wie man bei den Eingeweihten[162] sagt, die künftige Zeit wahrhaft mit den Göttern zuzubringen? Sollen wir so sprechen, Kebes, oder anders?
So bei Zeus, sprach Kebes.
[163] Wenn sie sich aber, meine ich, [164] befleckt und unrein vom Körper trennt, weil sie mit dem Körper immer zusammen war und ihn geehrt und geliebt hat und geblendet war von ihm und seinen Begierden und Lüsten, so daß ihr nichts anderes wahr zu sein schien als das Körperliche, was man berühren kann und sehen und trinken und essen und zur Liebe gebrauchen, sie aber das, was den Augen dunkel und unsichtbar ist, geistig erfaßbar aber und mittels Philosophie zu begreifen, gewohnt war zu hassen und zu fürchten und zu meiden – glaubst du, eine [165] sich derart verhaltende Seele würde sich ganz für sich rein trennen?
In keiner Weise, sagte er.
Sondern, glaube ich, durchdrungen von dem Körperlichen, mit dem sie der Umgang und die Gemeinschaft mit dem Körper aufgrund des dauernden Zusammenseins und der vielen Bemühungen um ihn zusammenwachsen ließ.
Gewiß.
Daß das aber belastend ist, mein Freund, muß man annehmen, und drückend, erdgebunden und sichtbar; dies an sich habend, wird eine solche Seele niedergedrückt und wieder an den sichtbaren Ort gezogen, aus Furcht vor dem Unsichtbaren und der Unterwelt, und sich, wie man sagt, bei den Grabmälern und Gräbern herumtreiben, [166] bei denen auch gewisse schattenhafte Seelenerscheinungen gesehen wurden. Wie sich ja solche Seelen als Schattenbilder[167] darbieten, die nicht rein losgelöst sind, sondern noch am Sichtbaren Anteil haben, weshalb sie auch gesehen werden.
Wahrscheinlich, Sokrates.
Wahrscheinlich in der Tat, Kebes, und auch, daß dies nicht die Seelen der Guten sind, sondern die der Schlechten,[168] die an solchen Orten herumzuirren gezwungen sind, indem sie Strafe leiden für ihre frühere Lebensweise, die schlecht war. Und so lange irren sie umher, bis sie durch die Begierde nach dem ihnen Nachfolgenden, [169] dem Körperlichen, wieder eingebunden werden in einen Körper. [170] Eingebunden werden sie aber wahr- scheinlich in eine solche Lebensform, in welcher sie sich auch in ihrem Leben geübt hatten.
Welche meinst du damit, Sokrates?▷
—Übrstzng F.S.◀▷ ... Zum Beispiel, daß die, die sich in Völlerei, Maßlosigkeit und Trunksucht geübt und sich in keiner Weise gehütet haben, [171] wahrscheinlich in die Gattung der Esel und derartiger Tiere eingehen werden.[172] Oder meinst du nicht?
Sehr wahrscheinlich, was du sagst.
Die aber Ungerechtigkeit, Gewaltherrschaft und Raub vorzogen, in die Gattung der Wölfe, Falken und Geier – oder wohin sonst, sollen wir sagen, werden solche gehen? Ohne Bedenken, sagte er, in derartige.
Ist nicht klar, wohin auch von den übrigen jede geht, entsprechend der Art ihrer Beschäftigung?
Ganz klar, sagte er, wie sollte es nicht?
Sind nun nicht, fragte er, die Glücklichsten von ihnen und die, die an den besten Ort kommen, diejenigen, welche die volkstümliche und bürgerliche Tugend betrieben haben, die man da Besonnenheit und Gerechtigkeit nennt, [173] welche durch Gewohnheit und Übung entstehen, ohne Philosophie und Vernunft?
Weshalb sind diese die Glücklichsten?
Weil es wahrscheinlich ist, daß diese wiederum in eine solche bürgerliche und zahme Gattung gelangen, in die der Bienen vielleicht oder Wespen oder Ameisen, oder auch wieder in diese menschliche Gattung, und aus ihnen ganz ordentliche Menschen werden.
Wahrscheinlich.
[174] In das Geschlecht der Götter aber zu gelangen, ist keinem, [175] der nicht philosophiert hat und nicht vollkommen rein gegangen ist, vergönnt, sondern nur dem Liebhaber der Wissenschaft.
Vielmehr enthalten sich deswegen, mein Freund Simmias und Kebes, die rechten Philosophen aller den Körper betreffenden Begierden und sind standhaft und liefern sich ihnen nicht aus; nicht etwa, weil sie sich vor Verlust des Vermögens und Armut ängstigen wie die meisten Liebhaber des Geldes. Und auch nicht aus Furcht vor Geringschätzung und dem schlechten Ruf der Verworfenheit, wie die Liebhaber der Macht und des Ruhmes,[176] enthalten sie sich ihrer.
Das würde sich aj wohl auch nicht gehören, Sokrates, sagte Kebes.
Allerdings nicht, bei Zeus, sprach er. [177] Daher sagen all diesen, Kebes, jene Lebewohl, die nur irgend für ihre Seele Sorge tragen, aber nicht für die Pflege ihres Körpers leben,[178] und ziehen nicht mit ihnen, die ja nicht wissen, wohin sie gehen. Sie aber, die glauben, daß man nichts der Philosophie und der Lösung und Reinigung durch sie Widerstreitendes tun dürfe, wenden sich daher ihr folgend dorthin, wohin jene sie führt.
[179] Wie meinst du das, Sokrates? fragte er.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Ich will es dir sagen, sprach er. Es erkennen nämlich die Liebhaber der Wissenschaft, daß die Philosophie, [180] wenn sie ihre Seele übernimmt als geradezu gefesselt im Körper und ihm fest anhängend, dabei gezwungen, durch ihn wie durch ein Gefängnisgitter hindurch das Seiende zu betrachten, nicht aber ganz durch sich selbst, und sich so in gänzlicher Unwissenheit herumtreibend; wenn sie ferner die Macht dieses Gefängnisses erkennt, daß sie durch die Begierden besteht,[181] so daß am meisten der Gebundene selbst der Gehilfe ist beim Gebunden-Werden – [182] wie gesagt also, es erkennen die Liebhaber der Wissenschaft, daß die Philosophie, wenn sie ihre Seele in solchem Zustand übernimmt, ihr sanft zuredet und versucht, sie zu lösen, indem sie offenbart, daß die Untersuchung mittels der Augen voller Täuschung ist, voller Täuschung auch die mittels der Ohren und der anderen Sinne, und sie überzeugt, sich aus ihnen zurückzuziehen, so weit es nicht notwendig ist, sie zu gebrauchen,[183] ihr dagegen anrät, sich in sich selbst zu sammeln, [184] nichts anderem aber zu vertrauen als sich selbst, was sie, ganz für sich, vom Seienden ganz für sich erkennt; was sie aber mittels anderer un- tersucht, das in anderem wieder anders wird, dies für nichts Wahres zu halten. Solches sei aber das Wahrnehmbare und Sichtbare, was sie hingegen selbst sehe, das geistig Erfaßbare und Unsichtbare. Dieser Loslösung glaubt die Seele des wahrhaften Philosophen sich daher nicht widersetzen zu müssen, und sie enthält sich so der Lüste und Begierden, des Schmerzes und der Ängste, so weit sie kann, weil sie bedenkt, daß jemand, sobald er sich heftig freut oder fürchtet, Schmerz empfindet oder begehrt, nicht nur ein Übel solchen Umfangs dadurch erleidet, wie er wohl glaubt – wenn er entweder krank geworden ist oder etwas verschwendet hat durch seine Begierden, – sondern was von allen Übeln das größte und äußerste ist,[185] das erleidet er und bedenkt es nicht.
Welches ist das, Sokrates? fragte Kebes.
Daß die Seele jedes Menschen gezwungen ist, sobald sie sich heftig freut oder Schmerz empfindet, von dem, wodurch sie dies am meisten erleidet, auch zu glauben, es sei das Offenbarste und Wahrste, obwohl es sich nicht so verhält; dies sind aber besonders die sichtbaren Dinge, oder nicht?
Gewiß.
Wird nicht in diesem Zustand die Seele am meisten vom Körper gefesselt?
Wieso?
Weil jede Lust und jeder Schmerz sie wie mit einem Nagel an den Körper annagelt und anheftet und körperartig macht, so daß sie glaubt, das sei wahr, was auch der Körper dafür ausgibt. Denn dadurch, daß sie mit dem Körper gleicher Meinung ist und sich an den gleichen Dingen erfreut, wird sie gezwungen, meine ich, auch gleiche Art und gleiche Nahrung anzunehmen und, so beschaffen, niemals rein in die Unterwelt zu gelangen, sondern immer mit dem Körper angefüllt fortzugehen, so daß sie bald [186] wieder in einen anderen Körper fällt und wie ausgesät sich einpflanzt und deshalb unteilhaftig des Zusammenseins mit dem Göttlichen und Reinen und Einförmigen bleibt.[187]
Sehr wahr, sprach Kebes, was du sagst, Sokrates.
[188] Deswegen also, Kebes, sind die rechten Liebhaber der Wissenschaft maßvoll und tapfer, und nicht, weshalb die Leute meinen – oder meinst du?▷
—Übrstzng F.S.Allerdings nicht, sondern so wird die Seele eines philosophischen Menschen wohl rechnen und nicht meinen, die Philosophie müsse sie zwar lösen, wenn sie aber durch jene gelöst sei, müsse sie sich selbst den Lüsten und dem Schmerz wieder ausliefern und sich aufs neue darin festbinden und ein unvollendbares Werk tun, indem sie das Gegenstück zu Penelopes Weberei[190] betreibt. Indem sie sich vielmehr Ruhe davon verschafft, der Überlegung folgt und immer ni ihr verharrt, das Wahre und Göttliche und der bloßen Meinung Unzugängliche erkennt und sich von jenem nährt, glaubt sie, [191] auf diese Weise leben zu müssen, so lange sie lebt, und wenn sie gestorben und zu dem Verwandten und ebenso Beschaffenen gelangt ist, dann getrennt zu sein von den menschlichen Übeln.[192] Infolge solcher Nahrung ist es nichts Erstaunliches, wenn sie, weil sie sich um dieses bemüht hat, nicht fürchtet, Simmias und Kebes, daß sie zerrissen werde bei der Trennung vom Körper und von den Winden verweht und zerstäubt fortgehe und nichts und nirgends mehr sei.
[193] Stilleherrschte nun, [194] nachdem Sokrates das gesagt hatte, für lange Zeit, und Sokrates selbst war noch ganz bei der gehaltenen Rede, wie man ihm ansehen konnte, und auch von uns die meisten. Kebes und Simmias aber unterhielten sich ein wenig miteinander. Da sah Sokrates sie an und fragte: Wie, euch scheint das Gesagte doch nicht noch unzulänglich gesagt zu sein? Es gibt natürlich noch viele Vorbehalte und Einwände, wenn jemand es ganz genau durchgehen will.[195] Hattet ihr nun etwas anderes untersucht, will ich nichts sagen; wenn ihr aber deswegen noch ratlos seid, so zögert nicht, es sowohl selbst zu sagen und darzustellen, wenn ihr meint, [196] es könne in irgendeiner Hinsicht Besseres gesagt werden, als auch mich wieder hinzuzuziehen, wenn ihr eher glaubt, mit mir zusammen Rat zu finden.
Da sprach Simmias: Nun ja, Sokrates, ich will dir die Wahrheit sagen. Schon lange nämlich hat jeder von uns ratlos den anderen angestoßen und ihn aufgefordert zu fragen, weil wir zwar begierig sind zu hören, uns aber scheuen, dir zur Last zu fallen, damites dir nicht unangenehm wäre wegen des gegenwärtigen Unglücks.
Als er das hörte, lachte er ein wenig und sprach: Ach Simmias!
Schwerlich dürfte ich wohl die anderen Menschen überzeugen, daß ich das gegenwärtige Geschick nicht für [197] ein Unglück halte, da ich nicht einmal euch zu überzeugen vermag, sondern ihr fürchtet, ich könnte jetzt mißvergnügter gestimmt sein als im früheren Leben. ...▷
—Übrstzng F.S.- ↑ [62.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.36
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.37
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.38
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.39
- ↑ 7.
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.40
- ↑ [62. A]
- ↑ [B]
- ↑ 8.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.41
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.42
- ↑ [64.A]
- ↑ 9.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.43
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.44
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [65.A]
- ↑
- ↑ ▷ 46. Die Formulierung Sterben-Lernens ist also auch eine ironische Übernahme des Urteils der Leute über die Philosophen: Wer nicht den sinnlichen Vergnügungen lebt, der ist doch eigentlich schon tot.
- ↑ 10.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 47. Die theoretische Seite der philosophischen Trennung von der Sinnlichkeit: Der Philosoph löst sich bei der Wesenserkenntnis von den durch Wahrnehmung vermittelten Eindrücken, weil diese immer subiektiv und niemals eindeutig sind (s. auch die ›Ursachenforschung‹ 96aff.), und wendet sich ganz dem am Untersuchungsgegenstand zu, was nur durch Denken zu erfassen ist. Zur Funktion der Wahrnehmung vgl. Anm. 49, 73.
- ↑ ▷ 48. Hier wie im weiteren wird ganz selbstverständlich von der Ideenannahme ausgegangen. Die Idee wird als bekannt vorausgesetzt und im Dialog auch inhaltlich nicht näher bestimmt. Mit ihr ist nur das am Ding benannt, was gedacht werden muß, damit das Ding benennbar und verstehbar wird, was aber nicht durch Wahrnehmung zugänglich ist.
- ↑ [E]
- ↑
- ↑ [66.A]
- ↑ 11.
- ↑ ▷ 50. Die im folgenden zitierte Rede der ›echten‹ Philosophen (66b-67b) faßt vermutlich den pythagoräischen Standpunkt zusammen (vgl. auch Anm. 34). Dafür spricht auch die ungeteilte Zustimmung, die diese Rede von dem Pythagoräer Simmias erfährt, der den ironischen Unterton von Sokrates beim Vortrag und den aus der Rede gezogenen Folgerungen nicht bemerkt. Daß diese Rede nicht den sokratischen Standpunkt wiedergibt, wird deutlich, wenn Sokrates sein Verständnis der philosophischen Reinigung der Seele darlegt: Die Reinigung durch die Tugend ist eigene Tat, nicht Erlösung von außen durch den physischen Tod. Nicht der Körper ist von Übel, sondern dei falsche Einstellung zu ihm. Wen der eigene Körper an der Philosophie hindert, der ist eben kein Philosoph, vielmehr wird der Philosoph durch die körperliche Ambivalenz gerade zum Philosophieren angeregt –, s 60b und 96aff. Zur Rede der ›echten‹ Philosophen vgl. auch die Einführung, S. XXII f.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 51. Der Inbegriff der ›faulen Ausrede‹: Ich möchte ja gern gut sein, aber die Verhältnisse lassen es nicht zu; nicht ich bin schuld, sondern mein tyrannischer Körper. – Diese Sicht muß im Grunde von einem ›deus malignus‹ ausgehen, der die Natur so schlecht eingerichtet hat, daß sie den Menschen notwendig am Guten hindert. Dagegen steht die sokratische Sicht: Der Mensch ist für sich und sein Tun selbst verantwortlich (s. Schlußmythos); das Übel ist nicht der Körper, sondern der Irrtum, das Körperliche sei die eigentliche Wahrheit (mehrere Stellen, z. B. 81b); Gott ist das Gute, die Welt ist vernünftig geordnet (63c, 99c).
- ↑ [67.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.52
- ↑ [B]
- ↑ 12.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.53
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.54
- ↑ [68.A]
- ↑ [B]
- ↑
- ↑ 13.
- ↑ [C]
- ↑ ▷ 56. Wer philosophisch gelebt hat, stirbt leicht, denn der Tod ist ihm nur Verlust des Sinnlichen, zu dem er ohnehin ein distanziertes Verhältnis hate. Wer schwer stirbt, gibt damit zu erkennen, daß er mit dem Tod alles zu verlieren fürchtet. Wem aber das Sinnliche alles ist, dem ist es auch in jeder seiner Erscheinungsweisen wichtig – denn er hat ja nichts anderes.
- ↑ ▷ 57. Die ›bürgerliche‹ Tugend (s. auch 82a-b), das ›anständige‹ Verhalten, das auch vom Alltagsdenken als solches beurteilt wird, das aber ohne philosophische Begründung, ohne Rückgang zu seiner Ursache, der Idee des Guten, in der Ambivalenz bloßer Erscheinung verbleibt.
- ↑ [D]
- ↑
- ↑ [E[
- ↑ [69.A]
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑
- ↑
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 61. Anspielung auf den Dionysos-Kult: Viele tragen als Zeichen ihrer Teilnahme am Kultus den Thyrsos (ein mit Weinlaub oder Binden umwickelter Stab), aber nur wenige sind ›Bakchen‹, von der geoffenbarten Erscheinung des Gottes Ergriffene. Mit anderen Worten: Viele machen sich auf den Weg, aber nur wenige erreichen das Ziel – nämlich nur die, die den richtigen, den philosophischen Weg der Suche nach Vernunft eingeschlagen haben.
- ↑ [E]
- ↑ 14.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.62
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.63
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.64
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.65
- ↑ 15.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.66
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.67
- ↑ [71.A]
- ↑ [B]
- ↑ 16.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.68
- ↑ [72.A]
- ↑ 17.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑
- ↑ ▷ 70. Anaxagoras aus Klazomenai (vgl. Anm. 142) lehrte, daß vor Entstehung der Welt die zahllosen verschiedenartigen Urstoffe, aus denen sie besteht, alle vereint waren, daß also dem Kosmos das Chaos vorausging: *(Ursprünglich) waren alle Dinge zusammen, unendlich an Menge und Kleinheit.« (Fragm. 1, zit. nach W. Capelle, S. 266). Durch eine vom Nous ausgehende Wirbelbewegung habe dann eine Scheidung bzw. Vermischung der verschiedenen Stoffe stattgefunden, durch die die sichtbaren Dinge entstanden seien.
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ 18.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.71
- ↑ [73.A]
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.72
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [74.A]
- ↑ 19.
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.73
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [75.A]
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ 20.
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 74. Mit den ›Fragen‹ und ›Antworten‹ ist wohl doppeltes gemeint: erstens, daß im normalen Sprechen die Kenntnis des Wesens der Dinge immer schon unbewußt unterstellt ist; zweitens liegt darin auch eine Anspielung auf den sokratischen Dialog, in dessen Frage- und Antwort-Spiel es immer um die Wesenserkenntnis, vor allem der Tugend, geht. Deshalb hat die sokratische Frage auch die typische ›Was ist x?‹-Form.
- ↑
- ↑ [C]
- ↑ [76.A]
- ↑ 21.
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.76
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ 22.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.77
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.78
- ↑ [77.A]
- ↑ 23.
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.79
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.80
- ↑ [D]
- ↑ 24.
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.81
- ↑ [78.A]
- ↑ [B]
- ↑ 25.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ [79.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.82
- ↑ 26.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ 27.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.83
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.84
- ↑ 28.
- ↑ [80.A]
- ↑ [B]
- ↑ 29.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 85. Das Wortspiel ὰ𝝸𝝳έ𝞻 – Αιδές zeigt noch einmal, was Sokrates mit ›Unterwelt‹ meint: Die Unsichtbare (= Seele) geht in das Unsichtbare – die nicht-sinnliche Seele hat nur dann einen ›Orte‹, wenn sie Körperliches beseelt. – Der rationale Kern der mythischen Vorstellung vom Hades, der sich im Begriff noch erhalten hat, wird auf diese Weise wieder freigelegt.
- ↑ [81.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.86
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.87
- ↑ 30.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.88
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.89
- ↑ [E]
- ↑ 31.
- ↑ [82.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.90
- ↑ [B]
- ↑ 32.
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.91
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.92
- ↑ 33.
- ↑ [E]
- ↑ ▷ 93. Der Körper wird zum Gefängnis, wenn die Seele sich von ihm fesseln läßt und die Welt nach seinem Maßstab beurteilt. Er ist also nicht per se ein Kerker, wie die Pythagoräer glauben, sondern nur dann, wenn die Seele sich ihm unterwirft. Das ist aber eine seelische Verfehlung und nicht Schuld des Körpers. Das Gefängnis ist selbstgeschaffen.
- ↑ [83.A]
- ↑ ▷ 94. Die Täuschung liegt nicht in den Sinnen, sondern in der Untersuchung mittels der Sinne. Es ist zwar ›notwendig‹, sie zu gebrauchen, die Sinne ermöglichen aber nur den Bezug zur Außenseite des Objekts. Was das Wesen des Obiekts ausmacht, muß die Untersuchung mittels des Denkens ergeben. Das Denken darf dann seinerseits nicht einfach sinnliche Daten ›hochrechnen‹ – das wäre besagte Täuschung –, sondern es muß das Sinnliche als Wirkung einer nicht-sinnlichen Ursache erkennen. Zusammengefaßt: Das sinnliche Vermögen des Menschen (die Wahrnehmung) muß sich auf das Sinnliche am Ding (die Erscheinung) richten, ebenso das nicht-sinnliche Vermögen (das Denken) auf das Nicht-Sinn- liche am Ding (Wesen und Ursache). Täuschung entsteht, wenn sich Vermögen und Gegenstand nicht entsprechen, wenn mittels der Wahrnehmung das Wesen erfaßt werden soll.
- ↑ [B]
- ↑ ▷ 95. Es gibt also eine Hierarchie von Übeln. Was gemeinhin für Unglück gehalten wird, ist das kleinere Ubel gemessen an dem eigentlichen Übel, s. Anm. 96.
- ↑ [E]
- ↑ ▷ 96. Die Wurzel allen Übels ist die versäumte Scheidung zwischen Sinnlichem und Nicht-Sinnlichem. Die Seele, die die Wahrheit im Stofflichen sucht, hat ihre eigenen Möglichkeiten verfehlt. Sie kennt kein anderes Glück als den Genuß, keine andere Wahrheit als die bloße Meinung. Solche Unvernunft hat ein unstetes, von den äußeren Umständen getriebenes Leben zur Folge.
- ↑ 34.
- ↑ [84.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.97
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.98
- ↑ 35.
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.99
- ↑ [D]
- ↑ [E]